Wiens einziger König

 

von  Rita Klement

Mit Konrads IV. Tod im Jahre 1254 begann das Interregnum im Heiligen Römischen Reich, das erst mit der Wahl des Habsburgers Rudolf I. beendet werden sollte – und mit der Hinrichtung von Konrads Sohn Konradin im Alter von nur 16 Jahren endete das einst stolze Kaisergeschlecht der Staufer. [1]

Als Konrad IV. jedoch ziemlich genau 17 Jahre zuvor zum Römischen König gewählt worden war, ruhten noch alle Hoffnungen seines Vaters Kaiser Friedrich II., die Turbulenzen im Reich noch abwenden zu können, auf dem damals erst 9-jährigen Kind.

Das Leben Konrads begann bereits dramatisch. Er wurde am 25. April 1228 als Sohn Kaiser Friedrichs II. und seiner zweiten Ehefrau Isabella von Brienne, der Tochter des Königs von Jerusalem geboren. Die Mutter war zum Zeitpunkt der Geburt Konrads 16 oder 17 Jahre alt – ihr genaues Geburtsdatum wissen wir nicht – und bereits seit drei Jahren verheiratet. Eine Tochter des Paares, deren Namen wir heute nicht einmal mehr kennen, war zwei Jahre zuvor geboren worden, hatte das Säuglingsalter nicht überlebt. [2] Nun kostete die Geburt die junge Mutter selbst das Leben, sie starb zehn Tage danach an den Folgen der Niederkunft. [3] Seine ersten Lebensjahre verbrachte Konrad in Italien. Als sein Vater allerdings über die Alpen ins Deutsche Reich zog, um seinen unbotmäßigen ältesten Sohn Heinrich, der bereits seit 15 Jahren König und seit 10 Jahren mit Margarethe, der Tochter des Babenbergers Leopold VI., verheiratet war, [4] zur Raison zu bringen, betrat Konrad zum ersten Mal das Land, dessen König er nur zwei Jahre später sein sollte. [5]

Kaiser Friedrich II. wollte in den deutschen Landen aber nicht nur seinen Sohn Heinrich absetzen, der sich schon seit einigen Jahren in Opposition zu seinem Vater befand, sondern auch den unbotmäßigen Österreichischen Herzog Friedrich II. den Streitbaren zur Ordnung rufen. Denn der babenbergische Friedrich trug seinen Beinamen wohl zurecht. Der Herzog verweigerte dem Kaiser zudem mehrmals das Erscheinen auf dem Reichstag und wurde daher geächtet und seiner Länder für verlustig erklärt. Um die Zwangsmaßnahmen zu unterstreichen zog Kaiser Friedrich 1237 in Wien, der Residenzstadt der Babenberger ein. [6] Insgesamt drei Monate weilte er in der Stadt an der Donau, die er bei dieser Gelegenheit auch zur kaiserlichen Stadt erhob. [7]

Michel (Michael) Wolgemut (Künstler), Vienna Pannonie, 1493, Wien Museum Inv.-Nr. 31024, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/414766/)

Schon zuvor hatte Friedrich II. versucht, Konrad zum König wählen zu lassen. Doch zunächst war er wohl am Widerstand des Papstes gescheitert. Möglicherweise fühlten sich die Fürsten zunächst auch noch an den, seinem ältesten Sohn Heinrich VII. gegebenen, Eid gebunden. [8] Nun, zu Beginn des Jahres 1237, allerdings konnte der Kaiser seinen Wunsch umsetzen.

Über die Wahl selbst sind wir nur ausgesprochen schlecht informiert. Obwohl es die einzige Wahl eines Römischen Königs auf österreichischem Boden war, schweigen sich die österreichischen Quellen darüber vollkommen aus. Auch in den Geschichtswerken ist nur wenig darüber zu finden. Gäbe es nicht mehrere Abschriften des Wahldekrets, bzw. der Beurkundung der Wahl durch die 11 Wahlfürsten, so wäre diese Königswahl vielleicht bereits ins Reich der Legende verwiesen worden. [9] Daher wissen wir über den Ort und den Ablauf der Wahl auch nur sehr eingeschränkt Bescheid. Selbst das Datum lässt sich nicht genau festlegen, da die Abschriften des Wahldekrets nicht datiert sind. Es lässt sich lediglich eine Einschränkung darüber treffen, dass man aufgrund von Urkunden feststellen kann, wann einige der wählenden Fürsten in Wien angekommen bzw. wieder abgereist sind. Daraus ergibt sich eine Wahl Konrads zwischen den letzten Februartagen und den ersten Märztagen 1237. Auch der genaue Ort der Wahlhandlung ist nicht überliefert. Im Wahldekret heißt es „apud Viennam“, was ebenso gut „nahe Wien“ als auch „zu Wien“ bedeuten kann. Da aber überliefert ist, dass der Kaiser und sein Sohn sich in Wien aufgehalten haben und die Wahlfürsten sich nach Wien begeben haben, ist es unwahrscheinlich, dass man zur Wahl die Stadt wieder verlassen hätte. Die Wahl wurde auch offensichtlich nur im engeren Kreise durchgeführt. Als Ort kommen daher eventuell die Sakristeien von Kirchen in Frage – die manchmal für solche Handlungen genutzt wurden – oder viel wahrscheinlicher der damalige Herzogshof. [10]

Möglicherweise Kerzenleuchter: Berittener Ritter, anonym, ca. 1275 – ca. 1300; CC0 Rijksmuseum

Diese erste Fürstenresidenz in Wien befand sich auf dem noch heute „Am Hof“ genannten Platz. Nach der Erhebung Österreichs zum Herzogtum errichtete Heinrich II. Jasomirgott den „Herzogenhof“ im Südwesten des ehemaligen Römerlagers. Hier befanden sich das Wohngebäude des Herzogs  (wahrscheinlich an der heutigen Adresse Am Hof 1 und 2) sowie zwei Kapellen. [11] In diesem Komplex scheint nun der Kaiser Quartier bezogen zu haben, denn Urkunden berichten, dass Friedrich II. während seines Aufenthalts in Wien in der curia – also der Residenz – in Wien mit den Fürsten Hof gehalten hätte. [12]

Dass die Wahl in Wien sozusagen „in aller Stille“ vonstattenging, schien mehrere Gründe zu haben. Einer davon dürfte sein, dass einige der wichtigsten Fürsten des Reiches nicht zugegen waren. Zwar gab es Anfang des 13. Jahrhunderts noch keine genaue Regelung, wer denn die Kurfürsten seien, doch es gab bereits Konsens darüber, dass etwa der Herzog von Sachsen oder der Markgraf von Brandenburg, zwei die als Träger von Erzämtern später zu den sieben Kurfürsten zählen sollten, einer Königswahl unbedingt zustimmen mussten. Ausgerechnet diese beiden waren aber in Wien nicht zugegen. Friedrich II. wollte allerdings bestimmt nicht, kaum aus Italien zurückgekehrt, einige der wichtigsten Fürsten des Reiches verprellen. [13] Zudem wollte Kaiser Friedrich II. wohl als Vorsichtsmaßnahme keine Königswahl mit anschließender Krönung durchführen lassen. Die Erfahrungen, die er mit seinem ältesten Sohn gemacht hatte, den er zwei Jahre zuvor hatte absetzen lassen, ließen ihn vorsichtig werden. Daher erfolgte keine im rechtlichen Sinne vollständige Kür des kindlichen Königs mit anschließender Krönung, bei der sofort königliche Gewalt auf den jungen Monarchen übergegangen wäre, sondern lediglich eine Nominierung mit anschließender Abstimmung. [14] Die elf Fürsten, die nun im Jahre 1237 ihre Stimme für den jungen Konrad abgaben und so auf Wunsch des Kaisers dafür sorgten, dass im Falle seines Ablebens die Nachfolge reibungslos gesichert wäre, waren die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Salzburg, die Bischöfe von Bamberg, Freising, Passau und Regensburg. König Wenzel von Böhmen, die Herzöge Otto von Bayern und Bernhard von Kärnten sowie der Landgraf von Thüringen. [15]

Es kling wie eine Ironie der Geschichte, dass es im Wahldekret heißt, dass die Wahl des kindlichen Konrad noch zu Lebzeiten des Vaters erfolge, da man ein Interregnum verhindern wolle [16] und nach dem Tode Konrads genau dieses Interregnum für mehr als 20 Jahre die Länder des Heiligen Römischen Reiches in heftige politische Turbulenzen stürzte.

Miethke & Wawra (Verlag), 1., Am Hof, allg. – Kirche Zu den neun Chören, um 1870, Wien Museum Inv.-Nr. 207928, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/666260/)

Konrad selbst konnte nach seiner Wahl freilich nicht selbst regieren. Sein Vater war noch im August nach Italien abgereist und sollte die Deutschen Lande nie wieder betreten. Als Verwalter im Reich wurde Erzbischof Siegfried von Mainz als Reichsverweser eingesetzt. Daneben gab es einen Rat, über den der Kaiser seine Interessen in Deutschland sichern wollte. Diese vor allem schwäbischen Adeligen sollten auch die Erziehung des jungen Monarchen überwachen. Das weitere Leben Konrads verlief nur wenig erfreulich. Der Papst verhängte über den Kaiser den Bann, was auch die Position des Sohnes schwächte, der Bischof von Mainz wechselte zudem die Fronten, auch andere Adelige fielen von den Staufern ab. Auf Seiten des jungen Königs standen in der folgenden Auseinandersetzung vor allem die deutschen Städte. 1245 sah Konrad seinen Vater in Italien ein letztes Mal, hier erfuhren die beiden auch von der durch den Papst betriebenen Absetzung des Kaisers. In Deutschland wurde Heinrich Raspe, einst Parteigänger der Staufer, nun vom Papst als Gegenkönig forciert, was ihm den Beinamen „Pfaffenkönig“ einbrachte. Eine Schlacht gegen Konrad konnte er allerdings für sich entscheiden und Konrad konnte gerade noch hinter die schützenden Mauern Frankfurts fliehen. Der Grund für die Niederlage war der Verrat einiger Adeliger, die vom Papst bestochen, das Heer Konrads in letzter Minute verließen. Nachdem Heinrich Raspe kurz darauf gestorben war, stellte sich aber keine Entspannung ein, der Papst sorgte dafür, dass ein neuer Gegenkönig gewählt wurde. Auch mit dem neuen Gegenkönig, Wilhelm von Holland, kam es zu zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen. Als es Konrad eben gelungen war, zumindest mit den rheinischen Fürsten einen Waffenstillstand auszuhandeln, erreichte ihn 1250 die Nachricht vom Tod seines Vaters Kaiser Friedrich II. Nun versuchte Konrad auch die Nachfolge im vom Vater geerbten Königreich Sizilien anzutreten und reiste nach Italien. Doch auch hier verfolgte ihn die Gegnerschaft des Papstes, der das erklärte Ziel verfolgte, das Haus der Staufer gänzlich zu vernichten. Vielleicht hatten ihn die ewigen Kämpfe geschwächt, vielleicht war es auch Malaria – im Mai 1254 verstarb der gerade 26-jährige König Konrad IV. Sein Leichnam wurde im Dom zu Messina aufgebahrt, wo die Beisetzung stattfinden sollte. Doch just zu dieser Zeit schlug ein Blitz in die Kirche ein, die mitsamt der Leiche Konrads niederbrannte. [17] Wenigstens musste Konrad IV. nicht mehr erleben, dass sein Sohn Konradin erst 16-jährig von einem Widersacher hingerichtet wurde. [18]

Der Wunsch Kaiser Friedrichs II. mit der einzigen Königswahl in Wien die Nachfolge seiner Familie zu sichern und dem Haus Hohenstaufen die Macht zu erhalten war damit nur 31 Jahre nach der Wiener Wahl endgültig gescheitert und das Geschlecht der Staufer erloschen.

Eine solche Wahl zur Absicherung der Nachfolge sollte von nun an sehr lange Zeit nicht mehr stattfinden. Zum ersten Mal kommt sie wieder im 16. Jahrhundert vor, als der fast immer in Spanien weilende Karl V. seinen Bruder Ferdinand I. nach langem Zögern als seinen Stellvertreter im Reich wählen lässt. [19] In der Folge wird die vorzeitige Wahl des Nachfolgers noch mehrfach praktiziert. Vor allem in Krisenzeiten nahm man gerne zu diesem probaten Mittel Zuflucht. Nachdem die Habsburger nach dem Tod Kaiser Karl VI. 1740 für einige Jahre die Kaiserkrone verloren hatten, nutze etwa Franz I. Stephan 1764 [20] die Königswahl zu Lebzeiten des regierenden Kaisers, um seinen Sohn, den späteren Joseph II. zum Römischen König wählen und krönen zu lassen.

Für Wien bedeuteten jedenfalls der Glanz des Kaiserbesuchs, des Hoftages und der Wahl des jungen Königs eine ganz neue Dimension herrschaftlicher Repräsentation. Zum ersten Mal war die Stadt so in den Mittelpunkt der Reichspolitik geraten. Zwar merkten Zeitgenossen kritisch an, dass der Herrscher und sein Gefolge es sich in Wien vor allem gutgehen ließen, ohne etwas Nützliches zu tun. [21] Doch der Aufenthalt des Staufers zahlte sich für die Stadt trotz der hohen Kosten durch die Verpflegung des fürstlichen Gefolges durchaus auch aus. Im April verlieh Friedrich der Stadt ein Schutzprivileg und unterstellte sie damit direkt dem Kaiser. Für die Bürger waren darin weitreichende Rechte vorgesehen, etwa die Mitwirkung bei der Einsetzung des Stadtrichters oder die erstmals festgeschriebene Einflussnahme auf das Schulwesen. Diese Stärkung der bürgerlichen Rechte sollte freilich nicht von Dauer sein, schon bald schlug das Pendel wieder zugunsten der Babenberger aus. [22]

Die Zeit der Wahl König Konrads IV. und des mehrmonatigen Aufenthalts mit seinem Vater Friedrich II. in Wien ist übrigens für die Stadt nicht nur deswegen bedeutend, weil es die einzige Königswahl auf österreichischem Boden war, sondern weil zu dieser Zeit mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit von Kaiser Friedrich II. der Bau der Hofburg als Kastellburg begonnen wurde [23] – aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte….

Quellenangabe und verwendete Literatur

Quellen:

1 … Hartmann/Schnith, S. 348ff.

2 … Hartmann/Schnith, S. 321 u. 348.

3 … Eibl, S. 225.

4 … Hartmann/Schnith, S. 347.

5 … Eibl, S. 225.

6 … Hartmann/Schnith, S. 338ff.

7 … Csendes/Oppl 2021, S. 25.

8 … Hugelmann, S. 24.

9 … Hugelmann, S. 10ff

10 … Hugelmann, S. 29.

11 … Schwarz, S. 35.

12 … Hugelmann, S. 29.

13 … Hugelmann, S. 30.

14 … Hugelmann, S. 8.

15 … Csendes/Oppl 2021, S. 25.

16 … Eibl, S. 225.

17 … Eibl, 225ff.

18 … Hartmann/Schnith, S. 355.

19 … Hamann, S. 102f.

20 … Hamann, S. 188.

21 … Csendes/Oppl 2021, S. 25.

22 … Csendes/Oppl 2001, S. 104.

23 … Schwarz, S. 78ff.

 

 

Literaturverzeichnis

Peter Csendes/Ferdinand Oppl. Wien. Geschichte einer Stadt. Band I: Von den Anfängen bis zur Ersten Wiener Türkenbelagerung (1529), Wien/Köln/Weimar 2001.

Peter Csendes/Ferdinand Oppl, Wien im Mittelalter. Zeitzeugnisse und Analyse, Wien/Köln 2021.

Elfie-Marita Eibl, Konrad IV. In: Evamaria Engel/Eberhard Holtz (Hrsg), Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters, Köln/Wien S. 224-230.

Brigitte Hamann, Die Habsburger. Ein biographisches Lexikon, Wien 1988.

Gerhard Hartmann/Karl Schnith (Hrsg.), Die Kaiser. 1.200 Jahre europäischer Geschichte, Wiesbaden, 2014.

Karl Gottfried Hugelmann, Die Wahl Konrads IV. zu Wien im Jahre 1237. Weimar 1914.

Mario Schwarz (Hrsg.), Die Wiener Hofburg im Mittelalter. Von der Kastellburg bis zu den Anfängen der Kaiserresidenz, Wien 2015.

 

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