Stadttore und Stadtmauern in Augsburg

 

von Christian Schaller

Wehrhaftigkeit und Repräsentation in einer schwäbischen Reichsstadt

(alle Fotos vom Autor)

Städte galten im Mittelalter als Orte, an denen alles möglich war – Macht und Pracht, wirtschaftliches Wachstum, kulturelle Blüte, sozialer Aufstieg und ein zivilisiertes Leben. Die Strahlkraft dieser Metropolen machte es jedoch auch notwendig, für ausreichenden Schutz zu sorgen. Denn die sprichwörtliche Stadtluft zog nicht nur ehrgeizige und hoffnungsvolle Menschen an, sondern erzeugte auch Neid und Gier.

Schon im Altertum waren viele Siedlungen von einem schützenden Mauerring und anderen Befestigungsanlagen umgeben, um sie vor äußeren Feinden und kriegerischen Angriffen zu schützen. Ganz zu schweigen von der sozialen Kontrolle, die sie der Obrigkeit ermöglichten: Die Wälle schufen nämlich einen abgesicherten, abgegrenzten Bereich, in dem die einzelnen Bürger Rechte, aber eben auch Pflichten besaßen, denen sie sich nicht entziehen durften. Auch im Mittelalter waren Stadtmauern also an der Tagesordnung und geradezu ein Statussymbol für aufsteigende Städte, die etwas auf sich hielten und über genug Prestige und Privilegien von oben verfügten, das sich zu verteidigen lohnte.

 

Wie einige andere Städte in Süd- und Westdeutschland konnte auch Augsburg auf eine lange Geschichte zurückblicken, die bis in die römische Antike zurückreichte. Im zweiten Jahrhundert nach Christus war Augusta Vindelicum die Hauptstadt der Provinz Raetien und damit eine der Metropolen im römischen Imperium. Am Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter bestand Augsburg fort und wurde zugleich Bischofssitz. In diesen dunklen Jahrhunderten schrumpfte die Stadt jedoch enorm.

Die alten Römermauern waren viel zu weit geworden und wurden als Steinbrücke genutzt, während sich der neue Siedlungsschwerpunkt rund um den Dom konzentrierte. Diese fast schon winzige Bischofsstadt war von Palisaden und später auch behelfsmäßigen Mauern umgeben. Im Lauf der Jahrhunderte wuchs die Stadt jedoch wieder: Den Anfang machten einige Kirchen und Klöster, die südlich der Domburg, quasi auf grüner Wiese, entstanden. Zwischen diesen Siedlungsnuklei entstanden Wege, an denen sich immer mehr Menschen ansiedelten. Bis zum späten Mittelalter war Augsburg – nun eine freie Reichsstadt – enorm angewachsen und nach und nach hatte man alle Stadtteile in einen neuen Mauerring mit zahlreichen Türmen und Toren miteinbezogen.

Das Schlusslicht bildete die Jakobervorstadt im Osten, die ursprünglich als Armen- und Pilgersiedlung vor den Toren entstanden war, jedoch um 1340 mit Palisaden und um 1450 auch mit einer festen Mauer umgeben wurde. Die Stadtgestalt Augsburgs stand nun fest – und so blieb es auch bis ins 19. Jahrhundert, als die alten Mauern endgültig fielen und der modernen Großstadt die Möglichkeit gaben, endlich in alle Himmelsrichtungen zu wachsen.

 

Die reichsstädtischen Befestigungsanlagen setzen noch im 16. Jahrhundert auf das bewährte System von turmbewehrten Mauern mit davorliegendem Graben. Doch die Fortschritte der Waffentechnik machten ständige Verbesserungen notwendig, um auch den Schusswaffen und Kanonen angemessen standhalten zu können. So wurden an strategischen Eckpunkten rund um die Altstadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts sechs mächtige Bastionen errichtet. Dennoch baute man bereits damals im Wettlauf gegen die Zeit: Bei der Fertigstellung war die Basteianlage fast schon wieder veraltet. Den modernsten Ansprüchen des damaligen Festungsbaus genügte sie jedenfalls nicht. Genau genommen spielte das für Augsburg auch keine sonderlich große Rolle: Die Stadt befand sich auf einem wirtschaftlichen Höhenflug und galt als heimliche Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Man besaß die Gunst des Kaisers und Unmengen an Geld, mit dem man sich aus jeder Gefahrensituation hätte auskaufen können. Gute 50 Jahre nach den Umbauten machte sich Elias Holl, der damalige Stadtbaumeister, noch einmal daran, die Mauern und Türme zu renovieren.

 

Stadtschreiberei beim Leiermann – der Augsburger Stadtschreiber Christian Schaller

Sein Fokus lag jedoch eher auf der repräsentativen und ästhetischen Wirkung der Bauten. Viele der schmucken Türme wurden erhöht und mit prachtvollen Renaissancefassaden versehen – im Angriffsfall hätten diese hohen Gebäude recht wenig gebracht. Im kurz darauf ausbrechenden Dreißigjährigen Krieg wurde diese Nachlässigkeit zum Verhängnis: Die schwedisch-protestantische Armee eroberte Augsburg und deren König Gustav Adolf ordnete 1632 umgehend die Ausbesserung der fast schon unnützen Befestigungen an. Augsburg wurde in den folgenden Jahren – eilig und behelfsmäßig – mit einem unvollständigen Festungsring, Werken und Schanzen umgeben.

Doch nach dem Krieg fehlte das Geld, diesen Ausbau fortzusetzen und zu erhalten, sodass Augsburg bei der nächsten Belagerung erneut das Nachsehen hatte. Im Jahr 1704 eroberten französische und bayerische Truppen im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges die Stadt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erfolgten weitere, jedoch erneut eher geringfügige Ausbauten. Als Augsburg 1806 an das Königreich Bayern geriet, erhielt es den Status als Festung. Dies bedeutete, dass die maroden und unnützen Mauern nicht geschleift werden durften. Erst 1866 fiel das Verbot. Zahlreiche Mauern und Türme wurden umgehend abgerissen. Im heutigen Stadtbild finden sich nur noch einige Relikte der ehemaligen Wehrhaftigkeit und Repräsentation, die Augsburg während seiner Reichsstadtzeit an den Tag legte.

Die erhaltenen Wallanlagen und Stadtgräben wurden – wie im Bereich der Jakobervorstadt – zu idyllischen Naherholungsgebieten und grünen Oasen inmitten der Stadt umgeformt. Einen Eindruck von den alten, trutzigen Türmen bieten vor allem das Jakobertor und das Vogeltor im Osten der Altstadt. Die zwei weiteren erhaltenen Tore, das Wertachbrucker Tor im Norden und das Rote Tor im Süden, tragen mit ihren Renaissancefassaden dagegen klar die Handschrift des Baumeisters Elias Holl.

 

Literatur:

Kießling, Hermann: Türme, Tore, Bastionen. Die reichsstädtischen Befestigungsanlagen Augsburgs. Augsburg 1987.

Spannende und unterhaltsame Lektüre beim Leiermann:

 

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