Rom und Bernini

von Stephanie Schoger

Rom und Bernini – ein Tausendsassa der Kunstwelt

Am 7. Dezember vor gut 500 Jahren, nämlich am 7.12.1598, wurde in Neapel einer der bedeutendsten Künstler seiner Zeit geboren. Die Rede ist von Gian Lorenzo Bernini – ein echtes Allround Talent der bildenden Künste, war er doch sowohl als Architekt, Bildhauer aber eben auch als Maler und Bühnenbildner tätig. Dieser Tausendsassa soll sogar auch noch Theaterstücke geschrieben und Musik komponiert haben. Wir alle kennen mit Sicherheit mindestens eines seiner Werke, auch wenn wir sie mitunter nicht sofort mit seinem Namen in Verbindung bringen. Schlendert man durch Rom, Florenz und andere Metropolen Italiens begegnet man diesem Künstler beinahe an jeder Straßenecke.

Seine Kunst, seine Skulpturen bilden den Ausgangspunkt für den Hochbarock und sind nicht nur in Rom, sondern auch europaweit wegweisend. Zusammen mit Francesco Borromini (1599–1677) und Pietro da Cortona (1596–1669) prägt er den Stil der römischen Architektur des 17. Jahrhunderts wie kein anderer. Wie wichtig er für Rom und die Künstlerszene vor Ort war, zeigt ein Ausdruck von Maffeo Barberini, dem späteren Papst Urban VIII. „Du bist geschaffen für Rom, und Rom ist geschaffen für dich.“[1] Barberini ist eine Persönlichkeit, die großen Einfluss auf den Wirkungskreis Berninis haben sollte.

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Beginn seiner Künstlerlaufbahn

Seine aller ersten Aufträge entstehen aller Wahrscheinlichkeit noch in Zusammenarbeit mit seinem Vater Pietro Bernini (1562–1629). Das früheste gesicherte Werk „Faun mit Amoretten“ stammt von 1614 und wurde demnach von Gian Lorenzo in dem beachtlichen Alter von 16 Jahren hergestellt. Legenden berichten sogar davon, dass er bereits als kleines Kind schon künstlerischen tätig gewesen sein soll und den Ruf eines Wunderknaben genoss. So behauptet bspw. Baldinucci, dass Bernini bereits als achtjähriger den Umgang mit dem Meißel beherrschte.[2] Ein Alter, in dem viele Kinder erst den Umgang mit Messer und Gabel erlernen müssen und wenn überhaupt nur Strichmännchen zu Papier bringen.

Ob nun Wunderknabe oder nicht –fest steht, dass wir es bei Gian Lorenzo Bernini mit einem Ausnahme Talent zu tun haben, der unter den zeitgenössischen Künstlern des Barock lange Zeit seines gleichen suchen sollte. Obwohl, oder vielleicht auch gerade weil er so gefragt war, war er nicht unbedingt jedermanns Liebling und eckte bei seinen Zeitgenossen auf gesellschaftlicher Ebene oft an. Mit Aufträgen wurde er jedoch regelrecht überschüttet.

 

Familien-Künstler-Unternehmen

Allein in dem Zeitraum von 1618– 1625 schuf er sechs Skulpturengruppen und einige kleinere Auftragsarbeiten für Büsten oder Grabmäler, von denen zwei als Auftragsarbeit für Barberini entstanden sind. Hierzu zählen der „Hl. Sebastian“, der sich heute in der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid befindet, der „Hl. Laurentius auf dem Rost“ in den Uffizien in Florenz. Aber auch bei anderen Vertretern der italienischen Oberschicht war sein Können gefragt: Für Kardinal Scipione Borghese schuf der damals erst 20jährige Ausnahmekünstler allein vier vollplastische Skulpturengruppen aus Marmor, die nicht nur allansichtig gestaltet sind und so eine Konzentration auf nur eine Schauseite vermeiden, sondern sich bereits mit der für ihn charakteristischen Drehbewegung auseinandersetzen, und Einflüsse des Manierismus offenbaren.

Keine anderen Werke Berninis lassen eine Entwicklung seines Stils so deutlich werden wie diese Arbeiten für Borghese. Mit der letzten Figurengruppe um „Apoll und Daphne“ (1622/23–1624/25) gelingt ihm nicht nur eine oft als unerreichbar geschilderte Virtuosität, die technisch und künstlerisch ihres Gleichen sucht, sondern auch der Schritt hin zu Frühbarock. Aus zeitgenössischen Quellen wissen wir heute, dass Bernini nicht ausschließlich an einer Skulptur arbeitete. Gerade Apoll und Daphne liefern den Beweis dafür, da der Künstler die Arbeiten an dieser Skulptur für eine weitere Auftragsarbeit Borgheses, den „David“ (1623/24), unterbrach. Dieser David lässt sich dabei jedoch nicht den bekannten, berühmten David-Darstellungen von Donatello oder Michelangelo vergleichen.

Als Vorlage scheint vielmehr ebenfalls eine Skulptur der Sammlung Borghese gedient zu haben. Bernini orientiert sich an einer Fechter Darstellung und schafft einen David, der in der Bewegung eingefroren sein scheint, mit gespannter Schleuder. Angeblich soll uns heute das Gesicht Davids ein Selbstporträt des Künstlers zeigen, bei dessen Entstehung der Kardinal selbst den Spiegel hielt und Bernini assistierte. So wird zumindest gemutmaßt.

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Diese ungeheure Massen an Auftragsarbeiten konnte er nur dank organisatorischem Geschick umsetzten. Schon rasch etablierte sich ein regelrechtes Familien-Künstler-Unternehmen. Auch sein Bruder Luigi Bernini (1612–1681) und sein Sohn Paolo Valentino Bernini (1648–1728) gehörten zu den Mitarbeitern seiner Werkstatt. Von Borsi wissen wir außerdem, dass er einen Teil der anstehenden Arbeit auf „Künstler, Schüler, potentielle Rivalen und ältere Meister im Wettstreit um die Macht“ verteilte. Einfach nur ein Mittel, der Auftragslage Herr zu werden oder durchdachtes Kalkül, um mögliche Konkurrenten an ihn zu binden? Das lässt sich heute nur noch schwer sagen. Mit Sicherheit aber eine überaus elegante Lösung zweier Faktoren, die letztendlich Bernini in die Hände spielten. Nur durch seine gut organisierte Werkstatt konnte er schließlich die zahlreichen Aufträge und Wünsche des Papstes schnell umsetzen.

Bernini und die Päpste

Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehören zweifelsohne die Arbeiten an und in St. Peter. Hier bewegen wir uns also bereits im architektonischen Bereich, der bereits Arbeiten am Palazzo Barberini vorausgegangen waren. Diesen vollendete er gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Borromini und gestaltete in diesem Kontext bis 1632 den Gebäudeflügel an der Via Barberini, die Vorzimmer, Freitreppe, den großen Saal und auch die sogenannte Ponte rotto, eine künstlich errichtete Ruine.

Die enge Beziehung, die Bernini zu Barberini pflegte, setzte sich auch fort, als Barberini den Petersstuhl bestieg und seinen persönlichen Lieblingskünstler mit der wichtigen Aufgabe betraute, die monumentale Innendekoration für St. Peter zu gestalten. Obwohl zu er bis zu dieser Zeit hauptsächlich Erfahrungen in der Marmorbildhauerei vorweisen konnte, stieg Bernini 1623 zum Leiter der päpstlichen Gießerwerkstätten auf und schuf zwischen 1624 und 1633 den berühmten Bronzebaldachin in Form eines Viersäulenmonuments über dem Papstaltar. Dabei blieb es jedoch nicht, sodass auch die Vierungspfeiler samt dem Hl. Longinus als Teil des skulpturalen Ausstattung der Pfeiler, die Benediktionsloggia, die Glockentürme, von denen einer aber bereits 1641 wieder abgetragen worden war, und schließlich auch das Grabmal für Urban VIII., vollendet 1647, von seiner Hand stammen.

„So täuschend echt hat Bernini den großen Urban gemacht und so wahrhaftig die starre Bronze beseelt, dass es den Tod in Person auf dem Grabmal braucht, den Trug zu brechen und zu erinnern, dass er verstorben ist.[3]

(Kardinal Rapacciuoli über das Grabmal Urbans VIII.)

Dieser Ausdruck Rapacciuoli kann auch symbolisch für die besondere Beziehung zwischen Barberini und Bernini gesehen werden. Barberini brachte Bernini vollstes Vertrauen entgegen, ob nun ins einer Funktion als Papst oder zuvor als Privatperson, auch wenn viele Zeitgenossen die fehlende fachgerechte Ausbildung Berninis zum Architekten kritisierten und ihm mangelnde Kompetenz auf diesem Gebiet vorwarfen. Viele wissen außerdem nicht, dass Barberini seinen persönlichen Künstler mit einem ganz besonderen Embargo belegte. So durfte er während seiner gesamten Schaffensperiode für Barberini, respektive Papst Urban VIII. keine privaten Aufträge mehr ohne dessen Zustimmung annehmen.

Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass es ein solches Verhalten auch zwischen Papst Julius II. und Michelangelo gab. Nur ein Schelm denkt, dass Urban Berninis künstlerisches Können für sich allein haben wollte. Auffällig ist seine Handlung, besonders durch den Vergleich mich Michelangelo aber allemal.

Mit dem Tod seines langjährigen Förderers und Freundes erlebte auch Bernini einen Rückschlag. Von 1644–1655, unter der Regentschaft des neuen Papstes Innozenz X. kam es zu einer Zeit, die Bernini bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennengelernt hatte, eine Zeit mit wenigen Aufträgen. Erst mit seinem Nachfolger auf dem Stuhl Petris, Papst Alexander VII. Chigi, sollte sich diese schließlich wieder ändern. Bernini wurde erneut mit allen Ehren als Kunstintendant von St. Peter eingesetzt und auch direkt mit neuen Aufgaben betraut.

Bernini, Rom und seine Brunnen

Ein jeder, der Rom bereits einmal besucht hat, schwärmt von seinen zahlreichen Brunnen, von denen der Fontana dei Trevi wohl der bekannteste ist. Auch von der Hand Berninis stammen mit dem Fontana della Barcaccia (1627/28), dem Fontana del Tritone (1630), dem Fontana delle arpi (1644) und dem Fontana die Quattro Fiumi (1648–1651) vier Brunnen. Die Entstehungsjahre der Brunnen verdeutlichen, dass alle von ihnen während seiner Schaffenszeit für St. Peter entstanden ist und zeigen, dass Bernini ein wichtiger Bestandteil der künstlerischen Szene Roms war. Anders als viele andere Brunnenanlagen im Stadtbild orientiert sich Bernini in seinen Projekten eher an der Natur als an architektonischen Elementen. Schon die Namen der Brunnen (Bootsbrunnen, Bienenbrunnen, Viertrömebrunnen) sind hierfür ein deutliches Zeichen.

 

Nur glücklichen Zufällen ist es zu verdanken, dass der Fontana die Quattro Fiumi von Bernini ausgeführt werden konnte. Noch vor einem allerersten Entwurf, wurde er von Papst Innozenz X. von dem Wettbewerb ausgeschlossen. Daraufhin ließ Bernini kurzerhand ein überaus kostspieliges Silbermodell nach seinen Vorstellungen für diesen Brunnen umsetzen und konnte ihn mit Hilfe des Fürsten Ludovisi und Donna Olimpia, der Schwägerin des Papstes, Innozenz X. präsentieren. So kam es, dass er 1648 schließlich doch dazu ausgewählt wurde, den Brunnen zu gestalten, obwohl der Papst eigentlich lieber Borromini oder Algardi mit diesem Projekt beauftragt hätte. Bis heute steht der Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona und stellt dar, wie sich die göttliche Gnade in Form der Taube über den ägyptischen Obelisken auf die damals vier bekannten Erdteile ergießt, die durch ihre längsten Flüsse (Nil für Afrika, Donau für Europa, Ganges für Asien und der Rio Plata für Amerika) dargestellt werden.

Trotz einer Zuschreibung des Brunnens an Bernini ist dieser mitnichten nur von ihm geschaffen worden. Es ist vielmehr eine Zusammenarbeit mit Jacopo Antonio Fancelli, Antonio Raggi, Claude Poussin und Franceso Baratta. Von Bernini selbst stammen hingegen nur die Figuren des Löwen und des Pferdes.

Natürlich erstreckt sich Berninis Schaffen auch über die Grenzen Roms und auch Italiens hinaus. So lieferte er beispielweise auch Entwürfe für den Louvre, die vom französischen König Ludwig XIV. und Colber aber als zu römisch, zu barock abgetan wurden.

Bei seinem Tod am 28. November 1680 war Bernini über 60 lange Jahre einer der bedeutendsten Vertreter der römischen Kunst. Seine Arbeiten waren maßgebend für die nachfolgenden künstlerischen Generationen und beeinflussten die Entwicklung des Barock in Europa weit über die italienische Grenze hinaus.

Fußnoten und Literaturverzeichnis
1 Vgl. Karsten, S. 53 f.

2 Vgl. Riegl, S. 41 ff.

3 Vgl. Giuseppe Cassio: Eccellenza del buon gusto e spirito romano. Il cardinale Francesco Angelo Rapaccioli alla corte dei Barberini. Campisano editore, Rom 2019.

 

 

Literatur und Quellen:

Angellini, Alessandro: Gian Lorenzo Bernini e i Chigi tra Roma e Siena. Siena, 1998.

Avery, Charles: Bernini. München, 1998.

Burbaum, Sabine: Die Rivalität zwischen Francesco Borromini und Gianlorenzo Bernini. Oberhausen, 1999.

Karsten, Arne: Der Schöpfer des Barocken Rom. München, 2017.

Kunz-Saponaro, Susanne: Rom und seine Künstler. Darmstadt, 2008, S. 114 ff.

Marder, Tod A.: Bernini and the Art of Architecture. New York/London/Paris, 1998.

Mormando, Franco: Bernini: his life and his Rome. Chicago, Ill. [u. a.]:Univ. of Chicago Press, 2011.

Mormando, Franco (Hrsg.): The life of Gian Lorenzo Bernini / by Domenico Bernini. A transl. and critical ed., with introd. and comment. by Franco Mormando, University Park, Pa : Pennsylvania State Univ. Press, 2011.

Riegl, Alois, 1858-1905; Baldinucci, Filippo, 1625-1696. Vita del cavaliere Gio. Lorenzo Bernini. Wien, 1912.

Schütze, Sebastian: Kardinal Maffeo Barberini, später Papst Urban VIII., als Auftraggeber und Mäzen (= Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana. Band 32). München, 2007.

Wittkower, Rudolf: Bernini. The Sculptor of Roman Baroque. London, 1955.

Zitzlsperger, Philipp: Gianlorenzo Bernini. Die Papst- und Herrscherporträts. Zum Verhältnis von Bildnis und Macht. München, 2002.

 

 

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