Mörderisches Athen

 

 

von Andrea Strobl

Athen – neben all der antiken Geschichte und den Geschichten, die es da zu erzählen gibt und die Sie hier bei den »Leiermann«-Stadtschreibern natürlich auch erfahren, sind wir diesmal etwas »mörderisch« in der Stadt unterwegs – und dies aus gutem Grunde:

Lesen Sie gern Krimis? Kennen Sie vielleicht den griechischen Autor Petros Márkaris, dessen Kriminalromane seit vielen Jahren auch auf Deutsch erscheinen? Wenn nicht, wird es Zeit, ihn hier kurz vorzustellen, denn für den Athen-Besucher haben seine Bücher einen ganz besonderen Reiz:

Petros Markaris, ©Diogenes

Márkaris reiht sich mit seinen Athen-Krimis ein in das Genre der sogenannten Regionalkrimis und befindet sich dabei in guter Gesellschaft mit zeitgenössischen Meistern dieser literarischen Gattung, wie etwa dem Italiener Andrea Camilleri oder dem Franzosen Jean-Claude Izzo. Petros Márkaris wurde 1937 in Istanbul geboren. Er entstammt einer armenisch-griechischen Familie und besuchte das österreichische St. Georgs-Kolleg in Istanbul. Seine Studienzeit führte ihn für einige Jahre nach Wien und Stuttgart. Seit den 1960er-Jahren lebt er als freier Schriftsteller und Journalist, arbeitete u. a. mit dem renommierten Filmemacher Theodoros Angelopoulos zusammen, übersetzte Werke von Schnitzler, Brecht, Wedekind – zuletzt sogar Goethes Faust I und II. Für seine Arbeiten wurde er 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Er ist also durchaus kein Unbekannter. Einem breiteren deutschsprachigen Publikum wurde er aber vorrangig durch seine Kriminalromane bekannt, die seit vielen Jahren im Diogenes-Verlag erscheinen und in 14 Sprachen übersetzt sind.

©Diogenes

 

Für den Athen-Interessierten sind seine Kriminalgeschichten insofern lesenswert, da sie meist Bezug auf ganz aktuelle Geschehnisse nehmen: zum Beispiel die Bankenkrise (Faule Kredite), die diversen Machenschaften im Hinblick auf die Olympischen Spiele im Jahr 2004 (Live!), Bestechung im Umfeld der Fußballvereine (Nachtfalter) oder das Athener Leben in den Zeiten der Corona-Pandemie (Verschwörung). Márkaris betätigt sich hier sowohl als unermüdlicher Chronist wie auch als Krimiautor. Diese Bücher sind nicht nur unterhaltsame Lektüre, sondern auch aktuelle Zeitberichte, und der Autor scheut sich nicht, Missstände, Kurioses und Unverbesserliches unverblümt anzusprechen. Wie eng er dabei am Puls der Zeit schreibt, zeigt sich schon daran, in welch schneller Folge seine Bücher entstehen.

So lernt der Leser ganz nebenbei eine Menge über das Leben in dieser Stadt: die alltäglichen »Zustände« und nicht enden wollenden Probleme, mit denen die Athener zu kämpfen haben.

Seien es der ständige Verkehr, der nervenaufreibende Behörden-Dschungel, die häufigen Streiks und Demonstrationen, die unsinnigen städtebaulichen Entscheidungen, das zunehmende soziale Gefälle und noch vieles mehr – der ganz alltägliche Wahnsinn, wie man salopp sagen könnte, alles genau beobachtet, beschrieben und auch kommentiert. Eben diese Aktualität und »Lebensnähe« machen Markaris‘ Bücher so lesenswert, weil man mehr über diese Stadt, ihre Vergangenheit, Gegenwart, aber vor allem auch über die Mentalität ihrer Bewohner erfährt.

Natürlich lesen sich seine Bücher anders, wenn man hier lebt und genau weiß, wo sich der Kommissar gerade befindet, von welchem Stadtteil oder welchen konkreten Imponderabilien gerade die Rede ist. Aber auch dem »Athen-Unkundigen« erschließt sich die Stadt in diesen Büchern; sie nehmen ihn mit und erklären vieles, was ihm vielleicht bei einem ersten kurzen Besuch aufgefallen ist und er nicht »einordnen« konnte …

© privat

Dabei entbehren auch die Krimis von Márkaris nicht der – wie in vielen Romanen dieses Genres – üblichen unterschwelligen Komik: Allen voran ist da der etwas kauzige, brummige, griechischen Mokka, abgepackte Croissants und von der Ehefrau zubereitete Gemistá (gefüllte Tomaten) liebende Kommissar Charítos. Er ist der konservative, gehorsame Beamte, der aber beim Lösen seiner Fälle je nach Notwendigkeit auch mal anarchische Züge zutage treten lässt. Er hängt dem Althergebrachten an, verabschiedet sich z. B. zwangsweise von seinem uralten Auto erst, als es sozusagen die polizeilichen Ermittlungen »untergräbt«, und schöpft sein Allgemeinwissen mit Vorliebe aus Lexika!

 

 Neben dem Aufklären von Mord und Todschlag muss er familiäre Höhen und Tiefen überwinden, es der gestrengen Ehefrau Adrianí und Tochter Katerina so recht wie möglich machen. Ist er in familiärer »Mission« unterwegs, überwiegt auch hier nicht immer unbedingt der »Gehorsam«. Eher vertraut der Kommissar den in langen Ehejahren erfolgreich erprobten Methoden, um so manchen Konflikt halbwegs elegant zu umschiffen oder beilegen zu können …

Aber auch die ihn von Buch zu Buch begleitenden Mitarbeiter und Vorgesetzten seines Kommissariats entbehren nicht gewisser Eigenheiten, die beim Leser oft ein Schmunzeln hervorrufen. Spätestens nach dem zweiten Band kennt man das gesamte Kommissariat, die verschlungenen bürokratischen Wege (und Fallen) des Athener Polizeipräsidiums und die Familie Charítos recht gut. Der Leser gehört also irgendwann schon fast zur Familie, fragt sich, wie sich all diese Geschichten weiter entwickeln werden, und ist gespannt auf das nächste Buch – ein literarischer »Trick«, wie wir ihn von diesem Literaturgenre natürlich kennen und auch erwarten …

Wenn auch Sie einmal Lust auf eine unterhaltsam-informative Lektüre abseits der historisch-kulturellen Leseerfahrungen haben wollen und nicht abgeneigt sind, das heutige Athen auf »mörderischen Pfaden« zu erkunden, dann kann ich Ihnen die Bücher von Petros Márkaris nur empfehlen! Um auch nichts zu versäumen, sollten Sie mit dem ersten, 1999 erschienenen Band Hellas Channel beginnen …

Drei Bücher aus unserem Verlag – voller Kultur, Geschichte, Kunst und Musik – Kulturgeschichten eben. Die beliebte Sammelband-Reihe aus dem Leiermann-Verlag:

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