Mein herbstliches Athen

von Andrea Strobl

Mein herbstliches Athen

von Andrea Strobl

Es ist Herbst geworden in unserer Stadt. Die zahlreichen Besucher, die in den Monaten Anfang Juni bis Ende September die Stadt bevölkert haben, sind längst nach Hause zurückgekehrt, der Alltag ist wieder eingekehrt und Athen »gehört« wieder den Athenern.

Wie fast alle südeuropäischen Städte ist auch Athen in den Sommermonaten stets etwas »verwaist«, weil viele Athener die Stadt verlassen und Urlaub am Meer machen, vor allem im Juli und August. Der Besucher kann deshalb in den Sommermonaten nur bedingt das »wahre« Leben in dieser Stadt spüren…

Es gibt gute Gründe, warum ich Freunden und Bekannten einen Athen-Besuch immer außerhalb der Sommermonate empfehle – bevorzugt den Herbst (oder den Frühling):

Da ist zunächst das freundliche Klima, das mit Sonnenschein und Temperaturen um die 20 – 25 °C bis weit in den November hinein einfach ideal für eine Städtereise ist (im Gegensatz zu den Sommermonaten, wo es für so manchen Reisenden durchaus eine physische Herausforderung darstellen kann, bei 40 °C zum Beispiel die Akropolis zu besuchen). Regentage sind eher selten im Herbst und bei angenehmen Temperaturen kann man getrost auch abends draußen sitzen. Die Hotels sind nicht mehr überfüllt, man hat eine größere Auswahl in allen Kategorien und die Zimmerpreise fallen wieder. Die Museen und archäologischen Stätten bieten Ruhe, ja oft geradezu eine Beschaulichkeit, die man im Sommer so niemals antreffen kann. Auch für die jüngeren Besucher, die es abends gern mal »umtriebiger« lieben, gibt es im Herbst gute Neuigkeiten: Viele der im Hochsommer geschlossenen, bei der Athener Jugend angesagten Clubs und Bars haben wieder geöffnet. Kleine, alteingesessene Tavernen, die v. a. im August Betriebsferien machen, weil sie abseits der ausgetretenen Besucherpfade liegen, haben ebenfalls wieder geöffnet – und Sie kennen ja die Binsenweisheit: Am besten ist das Essen oft da, wo sich die Einheimischen treffen!

Der einzige Wermutstropfen einer Athen-Reise außerhalb der Sommermonate: der Verkehr! Vorbei ist die im Juli und August etwas entspanntere Verkehrssituation im Zentrum. Wenn die Athener nach dem Sommerurlaub zurückkehren, tritt alljährlich die Regelung in Kraft, dass man mit dem PKW nur an jedem zweiten Tag ins Stadtzentrum fahren darf (diese Regelung wird nur in den drei Sommermonaten ausgesetzt). Dabei ausschlaggebend sind die geraden oder ungeraden Autonummern, die mit den geraden bzw. ungeraden Kalendertagen übereinstimmen müssen. Dies wird übrigens äußerst streng kontrolliert und kostet bei Nichteinhaltung satte 100 € Strafe. Trotz dieser Regelung bleibt die Verkehrssituation im Zentrum dennoch für so manchen Besucher »gewöhnungsbedürftig« (euphemistisch ausgedrückt). Aber auch der Verkehr gehört eben zu unserem normalen Alltag in der Millionen-Metropole Athen…

Aber keine Sorge: Trotz des manchmal nervenden Verkehrs kann man es sich in diesen herbstlichen Tagen in unserer Stadt gemütlich machen, kann sich treiben lassen und das alltägliche Athen hautnaher erleben als in den touristisch geprägten Sommermonaten. Und auch der Kulturbeflissene wird – in aller Ruhe – auf seine Kosten kommen. Deshalb möchte ich Ihnen kurz drei kleinere, aber exquisite Museen vorstellen, die in der Hektik der meist nur kurz angesetzten Athen-Aufenthalte im Hochsommer oft nicht zu »schaffen« sind:

Da ist zunächst das wunderbare Museum Benáki, das 1930 von der Familie Benákis gegründet wurde und sich im wunderschönen ehemaligen Familiensitz am Vassilísis-Sofías-Boulevard befindet, nicht weit vom Sýntagma-Platz entfernt. Das Museum verfügt über eine wirklich beeindruckende Sammlung griechischer Artefakte von der Antike bis zur Moderne und erlaubt dem Besucher eine kleine, »geballte« Zeitreise durch alle Epochen und Aspekte der griechischen Kultur. Dieses Stammhaus wurde in den letzten Jahren bereichert durch verschiedene Ausstellungsräume, die über ganz Athen verteilt sind und u. a. die umfangreichen Sammlungen zur islamischen Kunst, zur chinesischen Porzellankunst oder zur modernen Kunst beherbergen.

Im »Benáki«, wie man hier das Stammhaus einfach nennt, treffen sich die Athener übrigens auch ohne Museumsbesuch sehr gern, verfügt es doch auf der Dachterrasse über ein schönes Café-Restaurant, in dem man sommers wie winters zum Beispiel einen Kaffee Frappé oder ein kleines Gericht genießen kann – mit Blick über die Dächer der Innenstadt und natürlich auf die Akropolis!

Nur ein paar Schritte weiter, ebenfalls am Vas.-Sofías-Boulevard, befindet sich das Museum für kykladische Kunst. Der von Ernst Ziller 1895 als Wohnhaus entworfene Bau beherbergt heute die Kunstsammlung der Familie Goulandris. Die Ausstellung gewährt – auch durch die Aufnahme weiterer privater Sammlungen – in vier Abteilungen einen guten Einblick in die kykladische, die antike griechische und zypriotische Kunst. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Dokumentierung des Einflusses dieser Kunst auf unsere westliche Ästhetik gelegt. Sehenswert (besonders für Kinder) ist auch die Sammlung zum Alltagsleben im antiken Griechenland.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schließlich finden die Kulturfreunde dann noch das Museum für byzantinische und christliche Kunst, das sich spezialisiert hat auf Artefakte aus frühchristlicher, byzantinischer und post-byzantinischer Zeit. Das Museum beherbergt heute – nach seiner umfassenden Renovierung und Erweiterung anlässlich der Olympischen Spiele im Jahre 2004 – eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen zur byzantinischen Kultur.

Die Athener selbst sind übrigens fleißige Museumsbesucher, sie lieben v. a. diese ihre kleineren Museen und nutzen Herbst, Winter und Frühjahr zu ausgedehnten Museumsbesuchen, und so gibt es auch in diesen weniger touristisch geprägten Jahreszeiten stets hochinteressante Sonderausstellungen.

Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp: Wenn Sie nach dem Museumsbesuch eine Verschnaufpause benötigen, sind es von den oben genannten drei Museen nur ein paar Schritte zum 15 Hektar umfassenden Athener Nationalgarten, den ehemaligen Königlichen Gärten der Amalia von Oldenburg, Frau des ersten griechischen Königs Otto I. Die Gärten waren 1838 von ihr in Auftrag gegeben worden und stellen heute eine der wenigen grünen Oasen der Stadt dar. Geöffnet ist der Nationalgarten täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Auch ein schönes Café-Restaurant finden Sie dort.

 

Nationalgarten © privat

Von der Geschichte des Heurigen, den Ursprüngen von Halloween oder dem Wolfauslassen (einem Brauch zu Martini) bis hin zu Adalbert Stifters Roman »Der Nachsommer« und musikalischen Herbst-Interpretationen spannt sich der Bogen in unserem neuen Sammelband: »Altweibersommer – Kulturgeschichten zum Herbst«

Fußnoten
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