Madonna di Montecastello

 

von Anja Weinberger

Nahezu unwirklich kommt einem dieses Szenario vor – die Felsen stürzen beinahe senkrecht neben dem Kirchengebäude mehrere hundert Meter hinab in die blaugrünen Fluten des Gardasees.

(alle Fotos privat)
Bei einer Tour gegen den Uhrzeigersinn rund um unseren Lieblingssee gelangt man einige Kilometer hinter Limone an eine Abzweigung im artistischen 180-Grad-Winkel mit der verheißungsvollen Ausschilderung „Strada dei Vini e dei Sapori del Garda“. Ab hier führt uns die SP 38 in die Berge hinein. Zunächst geht es weiter parallel zum Hang, dann aber kommen uns immer mehr Kehren unter die Räder und wir erklimmen langsam aber sicher die südliche Flanke des Monte Castello.

Schließlich erreichen wir das hoch gelegene Örtchen Oldesio, an dessen anderem Ende sich der große, alte und gern besuchte Panoramaparkplatz befindet. Vor einigen Jahren hat hier ein kleines Restaurant eröffnet, das vielleicht nicht besonders gemütlich aussieht, aber mit großartigem Blick, nettem Service und leckerem Kuchen oder guter Pizza durchaus punkten kann.

Der Name des Imbisses „Panorama al Fil“ erinnert daran, dass sich die Bewohner des hochgelegenen Ortes früher wagemutig von hier über ein Seil (ital. „fil“) ins Tal haben bringen lassen. Unvorstellbar – aber natürlich zeitsparend. Der sehr nette Besitzer hat mir berichtet, dass das auch der Schulweg eines manchen Kindes gewesen sei …

Ab hier wird es steiler, kurviger – wir sind schon weit oben. Folgt man der SP 38 noch ein gutes Stück, dann gelangt man bald, hinter Gardola, an eine plötzlich auftauchende Abzweigung zur Kirche Madonna di Monte Castello. Man kann das Auto abstellen und den restlichen halben Kilometer nach oben steigen, durch den Wald, sehr schön schattig. Oder man traut sich die letzten steilen letzten Meter auf vier Rädern zu, sich zuvor jedoch dringend klar machend, dass es keine Wendemöglichkeit gibt. Spannende Kurven, ein kaum vertrauenserweckender Straßenbelag und eine sehr, sehr schmale Durchfahrt vor der letzten steilen Kurve, die im ebenso steilen Parkplatz endet, liegen dann vor uns.

Ist man mit dem Auto angekommen, so fragt man sich zunächst, ob man jemals wieder durch dieses Tor hinauskommt – diesmal steil bergab …  Aber diese Sorgen machen wir uns später …

Hier, auf ungefähr 650 m Höhe, stehen wir also nun vor Madonna di Monte Castello. Zunächst müssen wir noch das vorgelagerte Pförtnergebäude durchqueren, das hoffentlich Eintritt gewährt. Ganz sicher kann man sich da nie sein, aber meist hält sich das Kloster an die Öffnungszeiten. Um einen „Caso eccezionali“ auszuschließen, findet man die täglichen Eintrittszeiten recht einfach im Internet.

https://www.tignale.org/lagodigarda/santuario-montecastello.html

 

 

Das Pförtnergebäude beherbergt übrigens einen kleinen Souvenirladen, und es besteht die Möglichkeit, unter Schirmen Platz zu nehmen und einen ausgezeichneten caffè zu genießen.

 

Jetzt aber endlich unser Besuch bei der Madonna. Alles dreht sich bei ihr um Sterne, „stelle“ auf italienisch. Denn hier, an diesem heute so friedlichen Ort, wurde jahrhundertelang gekämpft. Die Kirche steht am Platz einer früheren Festung, die alle, Brescia, Verona, Mailand und Trient, gerne ihr Eigen genannt hätten. Der Erscheinung eines Sternes, der die blutigen Schlachten endlich beendete, verdankt die Wallfahrtskirche Madonna di Montecastello ihre Erbauung. Und dieser Zusammenhang ist wahrlich nicht zu übersehen. Schon von außen bemerken wir die 12 Sterne, die die Fassade direkt unter dem mittleren, großen Rundbogen schmücken.

Die eigentliche Kirche erreichen wir über eine der beiden eleganten Außenreppen. Drinnen ist es deutlich düsterer, als unter dem ja oft strahlend blauen Himmel Norditaliens. Unsere Augen müssen sich erst an die anderen Lichtverhältnisse gewöhnen.

Dann aber nehmen wir einen flachen, dreischiffigen Innenraum wahr, der von reich verzierten, weiten Bögen gegliedert wird. Heben wir unseren Blick, dann entdecken wir sie – die Sterne der Madonna di Montecastello. Nun wundern wir uns nicht mehr, dass die Kirche auch häufig Santuario Madonna della Stella, also das Heiligtum der Madonna vom Stern, genannt wird.
Auch die restliche Ausstattung der Kirche stellt Maria in den Mittelpunkt – gleich mehrmals ihre Krönung und ihre Versammlung mit Heiligen. Auch einen Tempelgang Mariens finden wir, eine Weihnachtsszene und noch einiges mehr. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, denn auch die teilweise illusionistisch ausgemalte Kuppel erzählt Geschichten.
Hat man das Gelände der Kirche wieder verlassen, einen caffè genossen und noch einmal die Aussicht bewundert, so könnte man am Kloster vorbei weiter bis zum Gipfelkreuz laufen. Dafür sollte man trittfest sein, vor allem die letzten Meter sind nicht ganz ungefährlich. Der großartige Ausblick von dort jedoch belohnt alle Mühen.

Und nun also wieder zurück. Wurde unser Auto an der Kirche geparkt, so sollte man sich tapfer klar machen, dass man durch ein Tor, durch das man herein fahren konnte, logischerweise auch wieder hinaus fahren kann. Schmal wirkt es schon …

Ist man zu Fuße unterwegs, so kann man beim Abstieg zum tiefer gelegenen Parkplatz noch einen Blick zurück werfen und dabei froh sein, dass man dieses Tor nicht mit einem größeren Gefährt passieren muss, oder den Kreuzwegsstationen ein bisschen zeit widmen, die zur Wallfahrtskirche führen.

Wieder etwas flacheren Boden unter den Rädern, könnte man nun auf einer gewundenen Straße durch recht ursprüngliche Landschaften um den Bach Campione herum auf die Hochebene von Tremosine fahren. Kleine Dörfer, tiefe Schluchten, weite Almen und immer wieder grandiose Ausblicke. Überraschenderweise scheint diese entlegene Region eine der am längsten besiedelten Regionen am See zu sein, wurden doch dafür Hinweise in Form von Inschriften entdeckt.

Den Tag beenden sollte man in einer der zahllosen Trattorien, die am Wegesrand liegen. Hat man Glück, so findet man einen Tisch mit Blick auf den See und den gegenüber liegenden Monte Baldo.

(Text von 2023)

 

 

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