Livraria Lello

 

von Maria Pussig

Livraria Lello – Die schönste Buchhandlung der Welt

Mit diesen bescheidenen Worten bewirbt sich eine ganz außergewöhnliche Buchhandlung im Zentrum Portos oberhalb des Ribeiro-Viertels. Ob sie wirklich die schönste der Welt ist, liegt wohl im Auge des Betrachters oder der Betrachterin. Dass sie jedoch die zweitälteste der Welt ist, das ist bewiesen. Beides – die bewegte Geschichte des Geschäfts sowie sein ästhetisches Äußeres – haben die Buchhandlung mittlerweile zu einer der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Porto gemacht. Mehr als tausend Besucherinnen und Besucher übertreten die Schwelle des Ladens zu Spitzenzeiten und viele davon werden dank einer ausgefeilten Taktik der aktuellen Geschäftsführung auch zu Kundinnen und Kunden. Doch das war nicht immer so.

Erste Anfänge und große Durchbrüche

Die Livraria Lello wurde ursprünglich 1869 von dem französischen Verleger und Buchhändler Ernesto Chardron unter dem Namen „Livraria Internacional de Ernesto Chardron“ gegründet und befand sich damals einige Meter vom heutigen Standort in der Rua dos Clérigos entfernt. Nach dem Tod Chardrons befand sich das Geschäft für einige Zeit unter der Führung des Verlages Lugan & Genelioux, welcher einige Umbauten vornahmen und die Räumlichkeiten vergrößerte, bevor es 1894 an den Namensgeber der heutigen Buchhandlung Josè Lello verkauft wurde.

Livraria Lello; © bennymarty

Einige Zeit später gesellte sich auch der Bruder Josés, António Lello, zu ihm und gemeinsam beschlossen sie neben dem Handel mit Büchern auch einen literarischen Salon für Männer zu führen. Die Brüder waren mit ihrem Unterfangen so erfolgreich, dass 1906 der Umzug zum aktuellen Standort erfolgte, welcher in seiner Ästhetik den mittlerweile erreichten geschäftlichen Status in jeder möglichen Form widerspiegelte. Mit dem Entwurf des Gebäudes hatte man jedoch keineswegs einen bekannten Architekten betraut, sondern den als Literaturliebhaber bekannten Ingenieur Francisco Xavier Esteves. Bei der Eröffnungsfeier des neuen Standortes wurde dieser vom Diplomaten und Schriftsteller Abel Botelho als „Tempel der Kultur und des Geistes“ gelobt.

Ein eklektisches Gebäude zwischen Neugotik und Jugendstil

Schon bevor man das zweistöckige Gebäude betritt, erkennt man, dass die Bezeichnung „Tempel“ keine Untertreibung ist. Sofort stechen die große Eingangstür sowie die beiden seitlichen Fenster ins Auge. Eingefasst von einem alles umschließenden Torbogen, den ein Schriftzug in gotischen Buchstaben ziert, bereitet der Eingang behutsam auf das vor, was drinnen noch auf die Kundschaft wartet. Seit den Restaurierungsarbeiten 2016 brilliert auch der Rest der Fassade wieder in altem Glanz und beeindruckt abwechselnd mit Blumen- und geometrischen Mustern im Jugendstil, die bis zu die kleinen Zinnen am Dach des Hauses ragen. Auffallend sind außerdem die drei hohen, schmalen Fenster des Obergeschoßes, die von innen den Blick auf die Straße (und damit nicht selten auf meterlange Besucherschlangen) freigeben und an den Außenseiten von Gemälden José Bielmans gerahmt werden. Gemäß der Örtlichkeit sollen die beiden gemalten weiblichen Figuren allegorisch Kunst und Wissenschaft symbolisieren.

Livraria Lello; © fotokon

Betritt man die Buchhandlung schließlich, findet man sich nicht nur zwischen Tausenden von Büchern wieder, die in massiven Holzregalen bis unter die Decke gestapelt stehen – und an deren Statik man beizeiten ein wenig zweifelt – sondern steht auch alsbald den Brüdern Lello und anderen Persönlichkeiten der portugiesischen Literaturszene gegenüber. Auf dunklen Holzsäulen befinden sich die Flachreliefs der Geschäftsgründer und auch von Romão Junior angefertigte Büsten portugiesischer Schriftsteller zieren das innere Erscheinungsbild des Geschäfts.

Die berühmte Wendeltreppe mit karminroten Stufen, welche entsprechend einer Aufzeichnung aus den 1930er-Jahren für einen „Eindruck von Leichtigkeit und Kühnheit sorge“, führt schließlich ins Obergeschoss, das seit 1995 öffentlich zugänglich ist. Auch dort oben kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man die beeindruckend gemeißelte Deckenverzierung betrachtet, die das rund acht Meter lange Dachfenster verspielt umrahmt. Letzteres weist eine ebenso kunstvoll gefertigte bunte Musterung auf und verinnerlicht in einem Schriftzug außerdem das Leitmotiv der Buchhandlung: Decus in labore (Würde in der Arbeit).

Literarischer Tourismus in der Livraria Lello

Es ist überflüssig zu erwähnen, dass diese beeindruckende Geschichte und Architektur der Livraria Lello jährlich Tausende von Touristinnen und Touristen anlockt, die meistens „einfach mal gucken“ wollen. 2015 führte die aktuelle Geschäftsführung, zu der auch ein Erbe der Gebrüder Lello in fünfter Generation zählt, daher eine neue Strategie ein: Man verlangte von nun an Eintritt – dieser beläuft sich mittlerweile auf fünf Euro – und zieht diesen beim Kauf eines Buches vom Verkaufspreis ab. Wurde die neue Verkaufsstrategie auch kritisiert, so lässt sich ihr Erfolg nicht leugnen. Seit 2016 kommen 50 % der Besucherinnen und Besucher mit einem Buch vom „einfach mal gucken“ zurück. Aus einem neunköpfigen Team wurde ein 50-köpfiges und der Umsatz im Jahr 2018 überstieg durchschnittlich tausend Exemplare pro Tag.

Entsprechend der internationalen Kundschaft, die fast 70 % der Klientel ausmacht, findet sich in der Livraria Lello auch ein multilinguales Angebot an Literatur, wobei ein leichter Fokus auf übersetzte Werke portugiesischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu erkennen ist. Aber auch seltene alte Werke, die noch aus der Zeit Ernesto Chardrons stammen, gehören zum Inventar. Mehrere Regale nimmt außerdem die Kinderliteratur ein und eine ganz besondere Widmung wurde den Jüngsten zuteil, als die Buchhandlung anlässlich zum Tag des Kindes 2016 selbst ein Kinderbuch und einen kurzen Trickfilm rund um die Geschichte der Livraria Lello herausgab: „Na livraria mais bonita do mundo“ – „In der schönsten Buchhandlung der Welt“.

Die beste, die schönste, die älteste?

Auch wenn sich diese Wertung vielleicht nicht abschließend bestätigen lässt, so kann doch mit Sicherheit festgehalten werden, dass sie eine der geschichtsträchtigsten und damit faszinierendsten ihrer Art ist. Nicht umsonst schaffte es die Livraria Lello wiederholt auf die Bestenlisten der New York Times oder der spanischen Tageszeitung El País. Und auch für die Architektur Hogwarts soll das Geschäft verantwortlich sein. Angeblich habe sich J. K. Rowling, damals als Professorin für Englisch in Porto ansässig, vom Stil der Buchhandlung inspirieren lassen und ihre Eindrücke in die Harry-Potter-Romane einfließen lassen. Die Autorin selbst leugnet dies jedoch.

Ob nun aber die beste, die schönste oder die älteste – einen Besuch ist die Livraria Lello allemal wert. Und das nicht nur ihrer selbst willen. Auch das geschäftige Treiben rund um die Rua das Carmelitas 144 lässt einen am sonnigen Gemüt und Temperament des portugiesischen Völkchens teilhaben. Zwischen dem Torre dos Clérigos, der Universität von Porto und der Igreja do Carmo liegend, bietet sich die Buchhandlung daher ganzjährig und bei jeder Witterung als idealer Zwischenstopp auf einer Sightseeingtour an.

Verwendete Literatur

 

https://www.lampoonmagazine.com/article/author/giulia-vigano/

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