Kulinarische Streifzüge

von Andrea Strobl

Es ist Anfang Juli geworden. Sommerzeit – und Zeit, einmal wieder etwas über »mein« Athen zu erzählen …

(Alle Fotos privat)

Wie immer geht es im alten Stadtzentrum sehr geschäftig zu, nur eben jetzt im Juli (bevor die Athener selbst in Urlaub gehen) noch etwas geschäftiger, weil unsere eh schon quirlige Stadt voller Besucher ist. Und da ich als ›Leiermann-Stadtschreiberin‹ immer gern auf Sehenswertes aufmerksam mache, das nicht unbedingt nur die altehrwürdigen, großartigen Sehenswürdigkeiten betrifft, unternehme ich heute mit Ihnen einen kleinen Spaziergang in die kulinarische Welt Athens, wie sie der Besucher in Sichtweite der Akropolis finden kann – eine »kulinarische Welt« übrigens, von der Sie nach dem Urlaub auch etwas mit nach Hause nehmen können – wenn Sie noch etwas Platz im Koffer haben …

Ausgangspunkt ist die Metro-Station Omónia. Der Platz wurde in den letzten Jahrzehnten von den jeweils amtierenden Bürgermeistern so oft neu gestaltet, dass man sich beim Auftauchen aus der Metro-Unterwelt unter Umständen durchaus schon mal wundert, wie der Platz denn »jetzt schon wieder« aussieht … Momentan jedenfalls präsentiert er sich altmodisch, mit viel gutem Willen zumindest etwas begrünt und mit ein paar mickrigen Wasserspielen, die es in der Geschichte des Platzes wiederholt gab.

In den drei Jahrzehnten, die ich in dieser Stadt lebe, habe ich schon mehrere Neugestaltungen dieses Platzes erlebt. Anfang der 90er-Jahre stand z. B. auf dem großen Rondell der »Läufer«, eine gigantische moderne Skulptur aus Glasscheiben, die ich persönlich einfach wundervoll fand. Auch sie musste irgendwann einer weiteren Umstrukturierung des Platzes (damals in Folge des U-Bahn-Ausbaus) weichen und steht nun (immerhin!) ein paar Kilometer weiter vor dem Hilton-Hotel. Ich kann nicht behaupten, dass mir das momentane, eher an die 60er-Jahre erinnernde »Design« des Platzes gefällt. Aber erstens liegt Schönheit im Auge des Betrachters und zweitens denke ich an den bekannten Spruch »nichts ist für die Ewigkeit«. Wenn diese Worte Gültigkeit haben, dann insbesondere für diesen Athener Platz, denn Eines ist gewiss: Der nächste Bürgermeister kommt bestimmt – und damit auch eine weitere »Verschönerung« des Omónia-Platzes!

Gleich mehrere zentrale Straßen gehen hier sternförmig ab – die gewollte Anlehnung an die Pariser Stadtplanung rund um den Arc de Triomphe ist nicht zu übersehen. Wir wählen für unseren heutigen Streifzug die fast 1 km lange Odós Athinás (Athinás-Straße), die kerzengerade zum Monastiraki-Platz und auf die Akropolis hinführt.

Die Straße wurde 1834 angelegt, als Athen unter der Regentschaft des Wittelsbachers Otto I. Hauptstadt des jungen griechischen Staates wurde. Gedacht als »Boulevard«, sollte die Straße den ursprünglich am Omónia-Platz geplanten Palast Ottos I. direkt mit der Akropolis verbinden – das Alte mit dem Neuen verbinden, das war die politische Vision. Am Ende kam dann alles anders, der königliche Palast (und heutige Sitz des Parlaments) wurde letztendlich nach den Plänen Leo von Klenzes am heutigen Sýntagma-Platz erbaut, aber die Athinás-Straße blieb natürlich bestehen. An vielen Stellen finden sich noch heute schöne klassizistische Gebäude jener Zeit, u. a. auch das Athener Rathaus. Aber weniger interessieren uns auf unserem heutigen Weg diese Bauten. Vielmehr tauchen wir ein in die quirlige Geschäftigkeit dieser Straße, die sich bald zu der Einkaufsstraße Athens mauserte. Und noch immer gilt hier, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, und so reihen sich z. B. viele Geschäfte mit Eisen- und Haushaltswaren oder diverse Lebensmittelgeschäfte aneinander. Man scheut den »Nachbarn« nicht, ganz im Gegenteil. Und weil man seine Waren natürlich am besten vor und nicht im Geschäft an die Laufkundschaft bringen kann, bieten die breiten Trottoirs genug Platz und das südliche Klima reichlich Gelegenheit, um die Waren auch vor dem Laden auszustellen.

Schon nach ein paar Schritten lädt uns eine alte Kaffeerösterei mit angrenzendem Café zu einer kleinen Pause ein. Nichts Schickes, nichts Modernes: »Mokka«, ein einfaches traditionelles Kafeníon, in dem wie eh und je ein guter griechischer Mokka (nomen est omen) angeboten wird – frisch geröstet, gemahlen und aufgekocht im Bríki, dem typischen kleinen Messingkännchen mit dem langen Griff (damit man sich nicht verbrennt). Serviert wird der Kaffee mit dem obligatorischen Glas Wasser und ein paar Stückchen Loukoúmi, einer aus der türkischen Küche stammenden Süßigkeit aus Wasser, Zucker und Stärke.

Neben dem kleinen Kafeníon kann man sich in der angrenzenden Rösterei seinen Kaffee frisch mahlen lassen; auch dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein – immerhin besteht die Rösterei schon seit 1923! Kaffeesorten aus allen Ecken der Welt kann man hier finden. Interessant ist auch, dass die findigen Gründer eine Methode erfanden, die Kaffebohnen in anderer Weise zu rösten als dies in der Türkei üblich war. So erreichten sie einen etwas milderen Geschmack – der »Ellinikó« ward geboren, der typisch griechische Mokka! In den 1960er-Jahren expandierte die Firma und eröffnete weitere Cafés in der Stadt. Begonnen aber hat diese Erfolgsgeschichte genau hier: in dem klassizistischen Gebäude der Athinás-Straße Nr. 44 …

Derart »aufgeweckt« machen wir nach ein paar Schritten einen weiteren Halt auf unserer kulinarischen Spurensuche: am Varvákios-Markt, den Athener Fleisch- und Fischhallen.

Nichts hat sich dort verändert, seit ich in den 80er-Jahren mit großen Augen das Angebot bestaunte. Natürlich interessiert mich noch heute vor allem die Fischhalle, denn so vieles, was dort angeboten wird, hatte ich als »Gewächs« aus den bayerischen Alpen in jungen Jahren noch nie in meinem Leben gesehen, geschweige denn gegessen: Fische aller Art, Krebse, Langusten, Garnelen, Tintenfische, Austern, Miesmuscheln … Seit 1886 beherbergen diese Hallen den Fleisch- und Fischmarkt, und man bekommt alles, was das Herz begehrt. Gestiftet wurden die riesigen Hallen von dem wohlhabenden Geschäftsmann Ioánnis Varvákios, dessen Namen sie deshalb noch heute tragen.

Laut ist es in den Hallen, jeder Standverkäufer möchte seine Ware entsprechend anpreisen. Versteht man die Sprache, ist auch viel Amüsantes zu hören, denn die Griechen sind ein wahrlich humorvolles Völkchen! Als ich einen Standbesitzer freundlich fragte, ob ich denn für einen Blog ein paar Bilder machen dürfte, stimmte dieser sofort begeistert zu – aber nicht, ohne vorher noch etwas frisches Wasser auf seine Ware zu sprengen, damit diese auch »besonders appetitlich« auf den Fotos erscheine …

Haben wir uns dann endlich an all dem Meeresgetier sattgesehen (leider nicht sattgegessen), wechseln wir auf die rechte Straßenseite. Auch hier Lebensmittelläden: Backwaren, Gemüse, Käse, Wurst, Olivenöl – kein Wunsch bleibt offen.

Mittlerweile kommen wir der Akropolis am Ende der Odós Athinás immer näher! Aber da wir ja auf kulinarischer »Mission« sind, verabschieden wir uns vorübergehend vom Blick auf den »Ieró Vrácho», den »heiligen Felsen«. Uns zieht es in die Odós Evripídou, die Euripides-Straße, die nach nur wenigen Metern die Athinás-Straße kreuzt. Dort wartet eine weitere kulinarische Welt auf uns. Denn in dieser Straße fühlt man sich auf einen Schlag um Jahrzehnte in die Vergangenheit versetzt. Hier ist das Athen, wie ich es schon in den frühen 1980er-Jahren kennengelernt habe. Als ich mit meinem – damals noch zukünftigen – Ehemann zum ersten Mal hierher kam, konnte ich meinen Augen kaum trauen: Uralte Läden, kaum renovierte Gebäude … und ja, auch etwas »schmuddelig« erschien es mir damals hier. Bis ich genauer hinschaute und sich mir eine ganz andere Welt eröffnete: Die Welt der Gewürze!

Wenn Sie jemals den so wunderbaren Film Polítiki Kouzína (auf Deutsch Zimt und Koriander) gesehen haben, dann werden Sie sofort verstehen, was ich meine, denn hier in dieser Straße lebt noch ein Stück Orient! Nicht alle der damaligen Gewürzläden, wie ich sie noch erleben durfte, gibt es noch, aber schon noch einige, allen voran gleich zu Beginn der Straße die alteingesessene Gewürzhandlung »Bachár« (Μπαχάρ – dt. »Gewürz«), die schon seit 1940 besteht und alle Widrigkeiten der wechselvollen Geschichte Griechenlands im 20. Jahrhundert überstanden hat. Fragte ich damals in den 80ern meine Schwiegermutter in spe, wo man denn dieses oder jenes Gewürz bekäme, dann bekam ich die lapidare Antwort: »Geh᾽ zum ›Bachár‹!«

Gewürze, Nüsse, Reis oder Hülsenfrüchte werden in den altbekannten Stoffsäcken angeboten, manche Läden bieten ihre Köstlichkeiten in schönen Vitrinen, Schubläden usw. dar, von den Decken hängen aufgefädelte Trockenfrüchte.

So richtig modernes Design wird man in der Evripídou aber nicht finden – worüber ich auch sehr froh bin, denn ab und zu genieße ich diese Ausflüge in die Vergangenheit! Und wenn Sie nun bei Ihrem Athen-Besuch auf der Suche nach mehr oder weniger ausgefallenen Gewürzen sind, die bei Ihnen Zuhause vielleicht teuer sind, dann sollten Sie sich auf jeden Fall in dieses Stadtviertel begeben. Und weil wir gerade von »teuer« sprechen: Wussten Sie, dass es in Nordgriechenland eine Gegend gibt, die anerkannt hervorragenden Safran produziert, der zu wirklich annehmbaren Preisen verkauft wird? Nun, wenn Sie sich in die Athener »Gewürzstraße« begeben, könnten Sie tatsächlich die eine oder andere Überraschung erleben!

 

Damit sind wir fast schon am Ende unseres kulinarischen Ausflugs angelangt. Entweder gehen wir nun auf der Evripídou-Straße zurück auf die Athinás-Straße oder wir laufen durch eine der kleinen Straßen in südlicher Richtung (parallel zur Athinás-Straße) und gelangen in das kleine Viertel Psirrí (Ψυρρί), auch wieder nur ein paar Schritte von der Akropolis entfernt (und wenn ich sage »nur ein paar Schritte«, dann meine ich das so, denn das alte Athener Zentrum ist fußläufig wirklich gut zu erkunden). Psirrí ist mit seinen Bars vor allem abends ein beliebter Treffpunkt für die Athener Jugend, bietet aber auch für Besucher während des Tages viele schöne Tavernen und Restaurants.

 

Und wenn Ihnen jetzt, nach all den kulinarischen Anregungen, das Wasser im Munde zusammengelaufen ist, dann sollten Sie sich in einer der kleinen Tavernen in Psirrí eine kleine Stärkung gönnen …

PS: Natürlich kann man diesen Spaziergang auch umgekehrt machen, also von der Metro-Station Monastiráki aus in Richtung Omónia-Platz. Aber wenn Sie auf mich hören wollen: Sie würden dann den steten Blick auf die Akropolis versäumen, die Ihnen vom Omónia-Platz aus mit jedem einzelnen Schritt etwas näher rückt … Und allein schon diese langsame Annäherung hat doch auch »etwas  für sich«, meinen Sie nicht?

 

 

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