Keillers Park – Ramberget

 

von Meike Dahlström

Es ist Anfang Mai in Göteborg, die Sonne scheint, der kalte Wind lässt endlich nach und fast ist es schon warm genug, um in Sommerbekleidung die Umgebung zu entdecken – was könnte man da Besseres tun, als die Grünflächen der Stadt zu entdecken? Mich hält an einem solchen Tag nichts mehr in den vier Wänden und so ziehe ich los, mit Hundedame Lotte im Schlepptau, um dem nahegelegen Keillers Park einen Frühlingsbesuch abzustatten.

Keillers Park liegt zusammen mit den nördlichen Ausläufern Göteborgs auf Hisingen, der fünftgrößten Insel Schwedens. Dort befindet sich der circa 30 Hektar große Park eingebettet in Ramberget, einem Hügel, dessen höchste Erhebung 87 Meter über den Meeresspiegel herausragt. Ram bedeutet im Altschwedischen »Rabe« und bis heute suchen sich die Vögel hier ihre Nistplätze. Der Aufstieg zur Bergspitze ist alle Mühen wert: Vom höchsten Punkt des Ramberget, auch stora utsikten (»große Aussicht«) genannt, wird man mit einem herrlichen Blick auf die modernen Gebäude in Lindholmen, den regen Fährverkehr auf dem Göta Älv bis hin zu den Ausläufern von Göteborgs Schärengarten belohnt. Die Bergspitze besteht größtenteils aus blankem Gneisgranit und steht als windige Aussichtsplattform in herbem Kontrast zu der übrigen Parkanlage.

Das Land, auf dem sich heute die Parkanlage befindet, kann auf eine rege Geschichte zurückblicken: Bereits in der Jungsteinzeit vor circa 8000 Jahren war das Gebiet besiedelt. Auf einem Hügel unterhalb des Berggipfels befindet sich die Ausgrabungsstelle einer 1863 entdeckten Siedlung samt zugehörigen Werkzeugen und Gerätschaften. [1] Seit dem Mittelalter nutzten die Bauern der umliegenden Dörfer die damals nur mit Heidekraut und Gras bewachsene Erhebung als Weidefläche. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der an heißen Sommertagen so angenehm schattige Buchenwald angelegt, der heute den Großteil des Parks ausmacht: Die Bewaldung war eines von mehreren Projekten der Zeit, um Ramberget zu renaturieren. Daneben wurden außerdem Lärchen, Kiefern und Eichen angepflanzt.

Gneisgranit auf Ramberget, © Meike Dahlström

»Wegeschild« aus dem Jahr 1923, © Meike Dahlström

 

Im Jahr 1906 vermachte James Keiller, Direktor eines Schiffbauunternehmens, das Land an die Stadt Göteborg. Die neue Parkanlage wurde daraufhin von Eugen Thorburn geplant. Die Auswahl kam nicht von ungefähr: Der erfolgreiche Architekt und Kommunalpolitiker hatte bereits die Zeichnungen für den Bau der 1889 fertiggestellten Stora Saluhallen (»große Markthalle«) und der im Jahr 1901 eröffneten Brücke Kungsportsbron angefertigt. Die Parkanlage wurde von Thorburn im nationalromantischen Stil gestaltet: Dieser skandinavische Baustil war Teil der nationalen romantischen Bewegung um die Jahrhundertwende und wird auch als nordische Ausprägung des Jugendstils interpretiert. [2]

Bis heute ist dank der zahlreichen wildromantischen Ecken mit halbverfallenen Steinmauern, steilen Treppchen, beschrifteten Steinen und dem idyllisch gelegenen Wassertürmchen die Nostalgie dieses vergangenheitsverliebten Stils spürbar. Ein netter Augenschmaus: eingraviert in einen zum Straßenschild umfunktionierten Felsstein befindet sich ein Hinweis aus dem Jahr 1923, der sowohl Gehweg als auch Fahrweg zum Gipfel anzeigt – passend mit entsprechenden Piktogrammen.

Beim Spaziergang in nordöstliche Richtung stößt man auf einen größeren Teich, eingerahmt von mehreren Bänken sowie einem utegym –einem Freiluft-Fitnessstudio sozusagen. Hier kann man wunderbar die Gedanken auf Wanderschaft schicken, träumen, innehalten oder ganz einfach die Enten bei ihren Tauchmanövern beobachten. Sollte man sich dabei selbst beobachtet vorkommen, mag es vielleicht an der verschämt nach unten blickenden Nixe in der Teichmitte liegen: Das 150 Zentimeter hohe Bronzekunstwerk mit dem klangvollen Namen Najad von Carl Milles aus dem Jahr 1931 soll an die Najaden der griechischen Mythologie erinnern, die als Quellgeister und Nymphen über Bäche, Flüsse und Seen wachen.

 

Najade im Teich, © Meike Dahlström

In der Nähe befinden sich außerdem die Skulpturgruppe tre gracer – »drei Grazien« – des schwedischen Bildhauers Per Agélii. Die drei Granitfiguren, die im Gegensatz zu ihrem Namen alles andere als grazil wirken, wurden zum hundertjährigen Parkjubiläum aufgestellt und beobachten seither zusammen mit der Najade die zahlreichen zwei- und vierbeinigen Besucher.

Skulpturengruppe »tre gracer« von Per Agélii, © Meike Dahlström

Im wahrsten Sinne der Höhepunkt eines Ausflugs in den Keillers Park aber ist der Gipfel stora utsikten und der ättestupa genannte Steilhang an der Südseite. Ättestupa ist ein legendenumrankter Begriff: So sollen sich in prähistorischen Zeiten die Greise von der ättestupa gestürzt haben, um der Gemeinschaft nicht länger zur Last zu fallen. Fakten, die diese Legende stützen, gibt es allerdings nicht. Für Cineasten mag zu diesem Thema das amerikanisch-schwedische Mystery-Horror-Drama »Midsommar« aus dem Jahr 2019 interessant sein, in dem der Brauch in all seiner Drastik dargestellt wird. [3]

Ättestupan, © Meike Dahlström

Für alle Hundebesitzer lohnt sich nun noch ein kleiner Ausflug zum hundrastgård – einem eingezäunten Bereich, in dem Hunde jederzeit ohne Leinen spazieren dürfen und sich nach Lust und Laune austoben können. Wer das Gespräch mit Einheimischen sucht, findet hier auf jeden Fall eine Möglichkeit zum Gedankenaustausch.

Falls jetzt noch Platz für weitere neue Eindrücke bleibt, kann auf dem Heimweg einen Fotostopp an Göteborgs Moschee einlegen, die sich an der Ostseite des Parks befindet. Das markante Gotteshaus wurde 2011 eröffnet und bietet Gläubigen eine Fläche von 2000 Quadratmetern. Wer sich weiter informieren möchte, kann online einen kostenfreien Besichtigungstermin buchen. [4]

Lotte und ich haben uns inzwischen an der warmen Frühlingsluft müde gelaufen und freuen uns auf eine Erfrischung zuhause. Die nächsten Sonnenstrahlen werden uns sicher wieder ins Freie locken – wir freuen uns auf weitere Begleitung bei unseren Ausflügen in Göteborg!

Göteborgs Moské, © Meike Dahlström

Mehr von Meike Dahlström gibt es hier zu lesen – »Beruf und Berufung«, ein Buch über Adalbert Stifter uns sein »sanftes Gesetz«.

Fußnoten

1 … http://runeberg.org/ymer/1904/0221.html (abgerufen am 03.05.2022).

2 … https://www.hisour.com/de/national-romantic-style-28497 (abgerufen am 03.05.2022).

3 … https://www.imdb.com/title/tt8772262 (abgerufen am 03.05.2022).

4 … https://goteborgsmoske.se (abgerufen am 03.05.2022)

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