Johann Pachelbel

 

von Anja Weinberger

Wer war er, dieser Johann Christoph Pachelbel, einer der berühmtesten Söhne der Stadt Nürnberg, über den kaum jemand mehr weiß, als dass er den ebenso berühmten Kanon ersonnen hat? Der eine oder die andere erinnert sich vielleicht noch daran, dass Pachelbel als bedeutendster Vertreter der süddeutschen Orgelschule gilt. Aber sonst …

 

Wir machen uns auf die Suche nach mehr Einzelheiten aus seinem Leben.

Pachelbel wurde am 1. September 1653 in Nürnberg getauft. Vermutlich ist dieser Tag oder der Tag zuvor, also der 31. August, sein Geburtstag. Er kam in einem bürgerlichen Umfeld zur Welt als Sohn des aus dem etwas nördlicher liegenden Fichtelgebirges stammenden Weinhändlers und Flaschners Hans Pachelbel und dessen Ehefrau Anna.

Was wir über Johann Pachelbels frühe Jahre wissen, das haben wir von Johann Mattheson erfahren, der im Werk »Grundlage einer Ehrenpforte« neben den Lebensläufen anderer Musiker auch Pachelbel porträtierte. Und dort können wir lesen, dass der junge Johann Pachelbel ungewöhnlich begabt und ambitioniert gewesen sein muss.

Er ging zur Schule sowohl bei der Lorenzer Kirche als auch im damals sehr angesehenen Gymnasium bei der Egidienkirche. Musikalische Bildung fand er bei Heinrich Schwemmer, der damals ein bekannter Komponist in Nürnberg gewesen ist.

Im Sommer 1669, also mit sechzehn Jahren, konnte er sich an der Universität in Altdorf einschreiben. Die Altdorfer Lehranstalt, ungefähr 25 Kilometer südöstlich von Nürnberg, erlebte gerade – nicht lange nach dem Dreißigjährigen Krieg – ihre Blütezeit. Leider war es Pachelbels Familie nur wenige Monate möglich, dem jungen Mann diese außergewöhnliche Ausbildung zu finanzieren.

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Aber Johann hatte Glück und wurde 1670 als Stipendiat am Gymnasium poeticum in Regensburg aufgenommen. Genau genommen ist »Glück« hier jedoch gar nicht das richtige Wort, denn von Anfang an wusste man in Regensburg genau darüber Bescheid, welch große Begabung man sich ins Haus geholt hatte. In dieser Zeit begann sich der junge Mann auch für zeitgenössische Musik zu interessieren. Möglicherweise war dafür sein Lehrer Kaspar Prentz verantwortlich, der selbst sehr von den Ideen Giacomo Carissimis beeinflusst war, dem Reformator der italienischen Musik im frühen 17. Jahrhundert.

Als Prentz Nürnberg Richtung Eichstätt verließ, sind Pachelbels Spuren leider für einige Monate nur unklar zu verfolgen. Sicher wissen wir jedoch, dass er 1673 in Wien ankam. Dort hatte er dann eine Anstellung als stellvertretender Organist am Stephansdom inne. Obwohl der junge Pachelbel wie viele Franken evangelisch-lutherisch getauft worden war, kam er in der katholischen Umgebung Wiens gut zurecht. In seinen fünf Wiener Jahren sog er die Musik von Kerll, Poglietti, Muffat und Froberger auf – alles führende Musiker ihrer Zeit.

1677 finden wir den Organisten dann in Eisenach, wo zu dieser Zeit Johann Ambrosius Bach Hofmusikus war. Acht Jahre wird es jetzt noch dauern, ehe dessen berühmter Sohn Johann Sebastian das Licht der Welt erblicken wird. Und nur zwölf Monate bleibt Pachelbel als Hoforganist in Eisenach, da er dann durch ein Trauerjahr am Hofe seiner Arbeit beraubt.

Sein guter Leumund wird ihn beinahe übergangslos nach Erfurt verschlagen, wo er die Organistenstelle an der Predigerkirche übernimmt. Sein Ruf als ausgezeichneter Organist, gar als Virtuose eilt ihm voraus. Von 1678 bis August 1690 bleibt er in der Stadt im heutigen Thüringen. In diesen Jahren war sein privates Leben sehr erfüllt. Er wurde zunächst Patenonkel von einem Töchterchen der Familie Bach, kaufte das Haus, in dem er ursprünglich zur Miete lebte, heiratete Barbara Gabler, die Bürgermeisterstochter und verlor sie und den einzigen Sohn 1683 an die Pest, die in Erfurt wütete. 1684 fand er in Judith Drommer seine zweite Frau, mit der er eine recht große Familie gründete. Zwei Töchter und fünf Söhne kamen in den Folgejahren zur Welt.

Die Erfurter Zeit war es auch, die Johann Pachelbels Ruf als einen der größten deutschen Komponisten für die Orgel festigte. Seine großartigen Choralvorspiele sind wohlklingende Beweise dieser erfolgreichen thüringer Jahre. Und doch zog es ihn weg. Das offizielle Entlassungsdatum aus Erfurter Diensten ist der 15. August 1690. Knapp 37 Jahre war er da alt. Man ließ ihn nur ungern gehen.

Blick auf Sebalduskirche und Burg, ©privat

Seine nun folgende Anstellung am württembergischen Hofe in Stuttgart stand unter dem ungünstigen Stern des Pfälzischen Erbfolgekriegs, weswegen die unterdessen vielköpfige Familie nach Nürnberg floh.[1] Ehefrau und Kinder blieben in Franken, Johann Pachelbel aber nahm für zwei Jahre die Stelle des Stadtorganisten in Gotha an.

In seine Heimatstadt Nürnberg kehrte er schließlich 1695 zurück, nachdem der Organist an Sankt Sebald, Georg Caspar Wecker, verstorben war. Nürnberg setzte alle Hebel in Bewegung, um den berühmten Sohn der Stadt zurück zu locken; und es gelang.

Pachelbel wurde Sebald-Organist und hatte diese Stelle bis zu seinem Tod 1706 inne. Neben seinen Pflichten als Orgelspieler betätigte er sich in diesen Jahren in besonders großem Maß als Komponist. Es entstand Orgel – und Vokalmusik, die häufig im Vespergottesdienst erklang. Mehr als 90 Magnificat-Vertonungen flossen in diesen wenigen Jahren aus seiner Feder, aber auch prachtvolle Geistliche Konzerte.

Wie schade, dass wir Nachgeborenen Johann Pachelbel häufig nur als den Komponisten des berühmten Kanons wahrnehmen. Es lohnt sich, seine ambitionierte Ensemblemusik zu entdecken oder auch seine geistliche Vokalmusik.

»Namentlich für den geistlichen Gesang erweist sich Pachelbel als bedeutend. […] Das Vorwalten des Sängers über den Orgelkünstler scheint das Besonderste seines Wesens auszumachen.« So schreibt schon 1845 der Musikwissenschaftler Carl von Winterfeld über Pachelbels Kunst.[2]

Übrigens wurden auch zwei seiner Söhne Organisten und Komponisten. Wilhelm Hieronymus Pachelbel (1686-1764) blieb in Deutschland, wo er sein Leben ebenfalls als Sebaldus-Organist in Nürnberg beendete. Sein Bruder Carl Theodor Pachelbel (1690-1750) wanderte in die Neue Welt aus, wo er zum Mitbegründer der an europäischen Traditionen orientierten Musikkultur wurde. Der Sohn Johann Michael wurde nach längerer Reisetätigkeit Instrumentenbauer und die Tochter Amalia, verheiratete Beer (1688-1723) war eine zu ihrer Zeit bekannte Malerin und Kupferstecherin. In den frühen 1720er Jahren gab sie das erste bekannte Näh- und Stickbuch heraus, mit vielen Vorlagen und Hilfestellungen, so wie sie selbst eine Meisterin der Feinstickerei gewesen ist.

Der berühmte Komponist des Kanons in D, Johann Christoph Pachelbel, wurde in Nürnberg auf dem Rochus-Friedhof begraben, wo seine Grabstelle auch heute noch besucht werden kann.

 

An Sankt Sebald, ©privat

Fußnoten

[1] Der wohl prominenteste Zeitzeuge dieses unnützen Krieges ist das Heidelberger Schloss, seit damals Ruine.

[1] In: Der evangelische Kirchengesang und sein Verhältnis zur Kunst des Tonsatzes, C. v. Winterfeld, Leipzig 1847

(Im Hintergrund der Überschrift: Nürnberg in der Schedel’schen Weltchronik, (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuremberg_chronicles_-_Nuremberga.png)

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