Hochwasser in Wien – Kaiser wird zum Helden stilisiert

 

von  Rita Klement

Hochwasser in Wien – Kaiser wird zum Helden stilisiert

 

von  Rita Klement

Vor 160 Jahren – im Februar 1862 – gab ein verheerendes Hochwasser den letzten Ausschlag, die Donauregulierung endlich in Angriff zu nehmen. Kaiser Franz Joseph leistete dabei wohl tatsächlich tatkräftige Hilfe, was ihm viel Bewunderung einbrachte.

Das Hochwasser im Februar 1862 grub sich tief in das Gedächtnis der Menschen ein. Sogar zwei Volkslieder zu diesen dramatischen Tagen entstanden [1], in denen das Entsetzen der Menschen über die Gewalt der Natur deutlich zu spüren ist. In einem der Lieder heißt es etwa:

„Die Menschen flohen auf der Dächer Zinnen,
Machtlos, zu retten nur ihr wenig Hab und Gut.
Um nur dem sicheren Tode zu entrinnen,
Und unten braust des Stroms wilde Flut“ [2]

Dabei waren Überschwemmungen für die WienerInnen bei Weitem nichts Neues. Immer wieder stellten Hochwässer eine Gefahr für Wien und seine Vorstädte dar. Schon im römischen Vindobona richtete ein Hochwasser der Donau verheerende Schäden an. Die ans Ufer tosenden Fluten führten in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts zu einer massiven Hangrutschung, Teile des Lagers stürzten sogar ab. Noch heute zeugt die Geländekante bei der Ruprechtsstiege und Maria am Gestade von dieser Naturkatastrophe. [3] Auch im Mittelalter waren die Stadt selbst und vor allem die nord-östlich gelegenen Gegenden wie die heutige Leopoldstadt, Brigittenau, Floridsdorf und Donaustadt immer wieder schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. [4]

Alexander Kaiser (Lithograf), Otto Körner (Zeichner), Ludwig Carl Zamarski (Drucker), Karl (Carl) Dittmarsch (Drucker), „DIE ÜBERSCHWEMMUNG WIEN’s / in den Februartagen 1862.“, 1862, Wien Museum Inv.-Nr. 87198, CC0; Link: zum Bild

Tückisch war, dass nicht zuletzt durch die Hochwasserereignisse sowohl die kleinen Flüsse im heutigen Stadtgebiet, sondern auch die Donau selbst immer wieder zu massiven Geländeerosionen führten und dabei sogar ihren Lauf veränderten. Sogar ganze Ortschaften verschwanden in den Fluten, wie das Örtchen Ringelsee, das Anfang des 16. Jahrhunderts von einem Hochwasser endgültig zerstört wurde und an das heute nur noch der Ringelseeplatz im 21. Bezirk erinnert. [5] Die Vernichtung dieses Örtchens durch die Fluten war so vollständig, dass heute nicht einmal mehr die genaue Lage mit letzter Sicherheit festgestellt werden kann. [6] Immer wieder wurde daher versucht, der Naturgewalten Herr zu werden. Schon im 15. Jahrhundert ging man daran, die Donau zu zähmen. Damals lag das Hauptaugenmerk darauf, die Einfahrt in den Wien am nächsten liegenden Donauarm, den so genannten „Wiener Arm“, den wir heute als Donaukanal kennen, schiffbar zu halten. Gerade dadurch kam es aber immer wieder zu Überschwemmungen. Ab dem 18. Jahrhundert war dann vor allem der Hochwasserschutz das zentrale Anliegen der wasserbaulichen Maßnahmen. [7] Diese Projekte waren aber nur von bedingtem Erfolg gekrönt und so kam es auch im späten 18. und im 19. Jahrhundert zu verheerenden Überflutungen.

Letztlich waren es zwei Hochwasserereignisse, die dazu führten, dass am Ende des 19. Jahrhunderts die Donauregulierungskommission eingesetzt und die Zähmung des Stroms endgültig in Angriff genommen wurde: Die Überflutungen von 1830 und 1862. [8]

Ludwig Angerer (Fotograf), Kaiser Franz Joseph I., um 1860, Wien Museum Inv.-Nr. 133182/2, CC0; Link: zum Bild

Schon Ende Jänner 1862 hatte sich die Katastrophe angekündigt. Der Ottakringer Bach trat an seinem Oberlauf über die Ufer und sprengte schließlich in der heutigen Lerchenfelderstraße den Kanal, in den man ihn gut 20 Jahre zuvor hatte ableiten wollen, auf einer Länge von 15 Klaftern – also rund 28,5 Metern. Straßenpflaster und Erdreich brachen ein und in der Folge entstand ein regelrechter Krater. Der dort üblicherweise verkehrende Stellwagen hatte den Unglücksort nur Sekunden vorher passiert. [9] Am nächsten Tag stand das Wasser in der Gegend bereits bis auf die halbe Höhe der ebenerdigen Wohnungen und die meist ärmere Bevölkerung konnte nur versuchen, wenigstens ein paar ihrer Habseligkeiten zu retten. In der Folge versuchte man die Häuser, die durch den Einsturz in Gefahr waren, abzustützen und vor allem den durch den Einsturz verschütteten Kanal wieder funktionsfähig zu machen, um so etwas von dem Wasser abzuleiten, was schließlich auch gelang. Von Seiten des Hofes war man bemüht, so gut wie möglich zu helfen. Pionierabteilungen des Heeres wurden entsandt und der Kaiser kam auch persönlich vorbei um sich ein Bild von der Lage zu machen und den Betroffenen Mut zu machen. Die Kaiserfamilie ließ es allerdings nicht nur bei guten Worten bewenden, auch namhafte Geldspenden für die Hunderten Betroffenen trafen ein. [10]

Die dramatischen Ereignisse in der Vorstadt hatten die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sodass man der Donau wenig Augenmerk schenkte. Auch sah es so aus, als sei die Eisdecke des mächtigen Stroms ruhig. Doch der Schein war trügerisch. Am 1. Februar trafen Meldungen aus Linz und Melk ein, dass die Donau dramatisch steige, auch von enormen Wassermassen – verursacht durch die Schneeschmelze und den anhaltenden Regen – in den Zubringerflüssen der Donau war die Rede. Doch die Warnungen kamen zu spät, um Maßnahmen ergreifen zu können. Außerdem – so merkt bereits der zeitgenössische Bericht an – wurden die dramatischen Nachrichten aus dem Westen eher von den Schaulustigen begierig aufgegriffen, die auf Sensationen hofften, als von den Verantwortlichen. Am nächsten Tag, dem 2. Februar, war der Wasserstand der Donau bereits dramatisch gestiegen, erste Überflutungen in der Rossau und in Erdberg traten auf. Auch aus der Umgebung und aus dem Prater wurden erste Überschwemmungen gemeldet. Nachdem am Vortag schon die Kaiserin-Elisabeth-Westbahn durch das Wasser unterbrochen worden war, kam es nun auch zu Ausfällen im Bereich der Telegrafen. Nach und nach wurde klar, dass die bisher kolportierten beruhigenden Meldungen hinsichtlich einer baldigen Entspannung der Lage wohl deutlich verfrüht gewesen waren. [11]

In der Nacht auf den 3. Februar war der Pegel der Donau und der Zubringer so hoch gestiegen, dass die Brigittenau komplett überschwemmt war. Die Überflutung maß in den Morgenstunden noch zwei Schuh – also rund 60 Zentimeter – bis zum Abend aber waren Häuser und Straßen sechs Schuh – also 1,8 Meter – hoch unter Wasser! Die Lage in der Brigittenau war nun dramatisch. Denn das Wasser war so schnell gestiegen, dass es den Menschen unmöglich gewesen war, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die einzige Fluchtmöglichkeit war die auf die Dächer der Häuser, wo die Bewohner in der Februarkälte und im immer noch strömenden Regen auf Rettung warten mussten. Es grenzt an ein Wunder, dass tatsächlich alle Betroffenen in der Brigittenau in Sicherheit gebracht werden konnten. Die Überschwemmung indes drang in der Zwischenzeit in immer mehr Gebiete in und um Wien ein. [12]

Obwohl man noch am 3. Februar in den Wiener Zeitungen lesen konnte, dass alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden seien, zeigte sich bald, dass diese nicht ausreichten. Nach Bahn, Straßenbahn und Telegrafen wurde nun auch die Wasserversorgung in Mitleidenschaft gezogen. In der Spittelau drang das Wasser in das Maschinenhaus der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung und in der Folge in die Saugkanäle ein, womit das Trinkwasser unbrauchbar geworden war. [13]

Trotz der Dramatik der Situation kam es immer wieder zu Szenen, wie wir sie auch heute von ähnlichen Ereignissen kennen. Denn als durch die Wassermassen große Mengen Holz von flußaufwärts gelegenen Holzstapeln angespült wurden, begann unter den vielen Schaulustigen ein lebensgefährliches Angeln nach dem Treibgut.

Während sich anfangs noch einige Ärmere ein paar Scheite Holz für ihren Herd fischten, kam es nach und nach zu einem regelrechten schwunghaften Holzhandel ganzer herausgefischter Holzstöße, bis die Behörden dem Treiben ein Ende machten. Allerdings trieb nun nicht mehr nur harmloses Brennholz in dem reißenden Strom, sondern auch entwurzelte Bäume, Teile von mitgerissenen Häusern, Zäunen und dergleichen. Angesichts der sich zuspitzenden Lage machte sich auch Kaiser Franz Joseph einmal mehr auf, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen und Militäreinheiten zur Unterstützung der Rettungseinsätze in die Überschwemmungsgebiete zu beordern. [14]

Ludwig Seidle (Lithograf), Karl (Carl) Lanzedelli (Lancedelli) (Lanzedelly) (Verleger), „Naturgetreue Übersicht / der Überschwemmung der Brigittenau und der niedrig gelegenen Vorstädte Wiens / vom 2. bis zum 8. Februar 1862.“, 1862, Wien Museum Inv.-Nr. 57799, CC0; Link: zum Bild

Kaiser Franz Joseph war auch am nächsten Tag unterwegs zu den Unglücksgebieten. Obwohl die Witterungsbedingungen dramatisch waren, eiskalter Regen und Sturm hatten eingesetzt, verbrachte er fast den ganzen Tag – tatsächlich aufrecht stehend – in den Rettungskähnen und half bei der Bergung der von der Überflutung Eingeschlossenen. [15] Diese heroische Haltung des damals 32-jährigen Monarchen wurde allerorts bewundert und im Bild festgehalten. Auch die beiden eingangs zitierten Volkslieder rühmten den Kaiser:

„Er tröstet all‘ die Armen, theilt milde Gaben aus,
Am Kahn als lieber Vater, vor manch’ zerstörtem Haus.”  [16]

Das Wasser stieg indessen weiter. Durch die Kanäle drang es nun auch in die Innenstadt vor. Am Nachmittag des 4. Februar war die Adlergasse (damals zwischen Rotenturmstraße und Laurenzerberg) überschwemmt worden. Auch am Salzgrieß und am Franz-Josephs-Kai kam es zu Überflutungen. In der Rossau kam es indessen auch zu einem Todesopfer, beim Kentern einer Zille konnte ein Mädchen nicht mehr aus den eisigen Wassermassen gerettet werden und ertrank. [17] Am nächsten Tag, dem 5. Februar, war die Lage weiter dramatisch. Das Wasser stieg noch weiter, auch die Leopoldstadt war in der Zwischenzeit vollkommen überflutet. Das Carltheater musste geschlossen werden, weil das Wasser in die Versenkungen eingedrungen war und außerdem die Gasbeleuchtung beschädigt hatte. Auch am mittlerweile fünften Überschwemmungstag war der Kaiser, ebenso wie Bürgermeister Zelinka, unverzagt in den Überschwemmungsgebieten unterwegs. Franz Joseph scheint dabei tatsächlich auch selbst Hand angelegt zu haben – denn schon den Zeitzeugen fiel der krasse Gegensatz des Monarchen zu den gaffenden Schaulustigen auf, die höchstens versuchten, sich am Treibgut zu bereichern. [18]

Martin Gerlach jun. (Fotograf), August Xaver Karl Pettenkofen (Ritter von) (Künstler), Franz Joseph I. (Habsburg-Lothringen), Erzherzog von Österreich, Kaiser von Österreich (Portrait von), Franz Joseph auf der durch Hochwasser zerstörten großen Taborbrücke, 1862 (Inv.-Nr. 29035), um 1935, Wien Museum Inv.-Nr. 210116, CC0; Link: zum Bild

Erst langsam begann das Wasser am 6. Februar in einigen Vorstädten zu sinken. In der Brigittenau aber war noch kein Rückgang der Fluten zu sehen. Hier waren die Verwüstungen besonders katastrophal. Einige Häuser und alle Gärten waren vollkommen zerstört. Das Vieh, das damals noch von vielen Bewohnern gehalten worden war, war samt und sonders qualvoll verendet. Auch einen Tag später sank das Wasser weiter, doch nach wie vor galt es 4.000 Obdachlose zu versorgen. [19] Das Ausmaß der Katastrophe hatte kaum jemanden kalt gelassen. Daher trafen auch zig-tausende Gulden an Spenden ein, um die Not der Flutopfer zu lindern. [20]

Nachdem am 7. und 8. Februar 1862 das Wasser endlich deutlich gesunken war, schlug das Wetter um. Nun setzte eine extreme Kälte mit -12 Grad ein, die den Opfern der Wassermassen zusätzliche Probleme bereitete. Denn die Häuser standen teils noch unter Wasser, das jetzt gefror, und die mit Wasser vollgesaugten Mauern nahmen durch den massiven Frost weiteren Schaden. Dazu kamen immer mehr Krankheitsfälle. Unter den Kindern, der in Notquartieren zusammengepferchten Menschen grassierten Scharlach und Masern. Erste Typhusfälle traten auf. [21]

Nach den dramatischen Tagen des Februar 1862 war man sich im Klaren, dass gehandelt werden müsse. Es folgten aber noch lange Diskussionen und Planungsarbeiten bis im Mai 1870 der Spatenstich für die Donauregulierung gesetzt wurde. Innerhalb von fünf Jahren wurde nun der 13 Kilometer lange Durchstich errichtet [22]  – doch das ist bereits wieder eine andere Geschichte…

Quellenangabe und verwendete Literatur

Verwendete Literatur

Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Bd. IV. Le bis Ro, Wien 1995.

Johann Ernst, „Die Überschwemmung von Wien“, Wien: Verlag Carl Barth 1862. Zitiert nach: https://www.wienervolksliedwerk.at/VMAW/VMAW/Anmerkungen/hochwasser1862.htm

  1. Hofmann, Die Überschwemmung von Wien und Umgebung im Februar 1862, Wien 1862.

Helmut Kretschmer/Herbert Tschulk, Brände und Naturkatastrophen in Wien. Wiener Geschichtsblätter, Beiheft 1/1995, Wien 1995

Franz Michelmayr, Gegen den Strom. Die Regulierung der Donau. In: Karl Brunner/Petra Schneider (Hrsg.) Umwelt Stadt. Geschichte des Natur- und Lebensraums Wien, Wien/Köln/Weimar2005, S. 307-317.

Johannes Sachslehner, Wien. Eine Geschichte der Stadt, Wien 2012.

Carl Munganast, „Das Hochwasser im Jahre 1862“, Wien: Verlag Mathias Moßbeck 1862. Zitiert nach: https://www.wienervolksliedwerk.at/VMAW/VMAW/Anmerkungen/hochwasser1862.htm

Wiener Volksliedwerk, https://www.wienervolksliedwerk.at/VMAW/VMAW/Anmerkungen/hochwasser1862.htm

 

Quellenangabe:

1 ….. Wiener Volksliedwerk

2 ….. Johann Ernst, „Die Überschwemmung von Wien“, nach der Melodie „Die Kindesliebe“.

3 ….. Sachslehner, S. 41.

4 ….. Kretschmer/Tschulk S. 16.

5 ….. Hohensinner, S. 16ff.

6 ….. Czeike, S. 677.

7 ….. Michlmayr, S. 308f.

8 ….. Michlmayr, S. 310.

9 ….. Hofmann, S. 3.

10 ….. Hofmann, S. 4ff.

11 ….. Hofmann, S. 6ff.

12 ….. Hofmann, S. 8ff.

13 ….. Hofmann, S. 9.

14 ….. Hofmann, S. 10ff.

15 ….. Hofmann, S. 13f.

16 ….. Munganast.

17 ….. Hofmann, S. 14f.

18 ….. Hofmann, S. 16ff.

19 ….. Hofmann, S. 21ff.

20 ….. Hofmann, S. 28.

21 ….. Hofmann, S. 30.

22 ….. Michlmayr, S. 310f.

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