Hans Lietzmann in Torbole

von Anja Weinberger

Das kleine Örtchen Torbole an der Nordspitze des Gardasees ist ein Paradies für Surfer und andere Wassersportler.

Gardasee bei Torbole, © A. Weinberger

Nirgends kann man so oft mit einer steifen Brise am See rechnen wie hier, nirgends sonst fallen auch zu unüblichen Zeiten die Winde von Nagos Höhen herab auf das blaugrün schillernde Wasser. Aber halt! Auch durch die Täler des Ledro und des Valvestino jagen oft stürmische Lüftchen, jedoch ist dort am und auf dem See einfach nicht genug Platz für die sportlichen Windsüchtigen.

Jedes noch so kleine Plätzchen wird hier in Torbole genutzt, um das Brett immer startbereit zu haben.

 

Denn die Wassersportler von heute sind ein sensibles Völkchen – dauernd haben sie einen Zeh in Richtung See gestreckt, um ja keine Brise zu verpassen. Kommt er dann, der ersehnte Wind, so ist die Seeoberfläche in Minutenschnelle von hin und her sausenden bunten Segeln bedeckt. Tapfer und sehr langsam bahnt sich das zum Glück nicht so häufig kreuzende Passagierschiff nun seinen Weg an die Anlegestelle.

Und dann gibt es hier in Torbole verblüffend viel Kunst – nur weiß das kaum jemand.

Sollte uns das Wetter einmal dazu bringen, nicht im Freien abendzuessen – auf einer Terrasse direkt am See, mit träumerischem Blick hinunter in den abends oft verhangenen Süden – dann kann es passieren, dass man im Speisesaal des Hotel Benaco zwischen unzähligen Gemälden diniert. Viele Künstler haben Anfang des 20. Jahrhunderts hier den Süden gesucht und ihre Gemälde als Währung zum alltäglichen Überleben eingesetzt.

Im Speisesaal des Hotel Benaco, © A. Weinberger

Einer von ihnen war Hans Lietzmann. Der deutsche Maler wurde 1872 in Berlin geboren und starb 1955 am Gardasee. Schon in der Kindheit lernte er den See kennen und lieben, denn eine Verwandte seines Vaters lebte hier und man hatte recht engen Kontakt. Hans Lietzmann wurde früh Waise, besuchte das Joachimsthaler Gymnasium und studierte von 1889 bis 1894 in Berlin an der Königlichen Akademie der Künste. 1899 zog er nach Torbole, kaufte dort ein altes Gebäude am See und gründete eine Malschule. Er nannte sein neues Refugium „Caffè Paradiso“. Viele junge Künstler nutzten diese Gelegenheit und so haben wir heute  das Glück, mit Blick auf ihre Gemälde unser Abendessen genießen zu können.

Foto/Postkarte: privat

Die faschistische Regierung Italiens beendete nach dem Ersten Weltkrieg abrupt alle Künstlerträume. Hans Lietzmann verlor durch Enteignung sein Paradies am Gardasee.

Dennoch kehrte er nach einigen Jahren zurück und lebte bis zu seinem Tod 1955 in Torbole und Riva. Seine letzte Ruhestätte fand er, hoch über dem Örtchen, auf dem Friedhof von Torbole. Hier in der Kirche Sant’Andrea hängt ein Altarbild von Ciambattista Cignaroli, das im Krieg von einer Splitterbombe schwer beschädigt wurde. Restauriert hat es Hans Lietzmann.

Drei Fotos von Sant’Andrea, © A. Weinberger

Und noch ein Kleinod liegt genau am Weg der flanierenden Touristen. An der Außenfassade der Casa Beust am Hafen können wir ein leider recht schlecht erhaltenes Wandbild von Hans Lietzmann bestaunen: Der Heilige Antonius spricht zu den Fischen.

Stehen wir hier mit dem Kopf im Nacken, um die verblichenen Umrisse der Figuren erkennen zu können, so sind wir wieder im alten Zentrum Torboles angekommen.

Wandbild in Torbole, © A. Weinberger

Goethe war hier, © A. Weinberger

Bei unserem Abstieg von der Chiesa Sant’Andrea hierher passierten wir auch das Albertihaus, wo Goethe während seiner Italienreise logierte. Natürlich hat man es sich nicht nehmen lassen und eine Gedenktafel zu Ehren des berühmten Dichters angebracht. Vor ihm besuchte auch schon Albrecht Dürer den kleinen Ort, und auch nach ihm kamen sie, die von Sehnsucht getriebenen. Gustav Klimt, Sigmund Freud und Franz Kafka – alle wollten den Benacus mit eigenen Augen sehen.

Zollhäuschen in Torbole, © A. Weinberger

Das wohl bekannteste Fotomotiv Torboles ist jedoch zweifellos das kleine k.u.k.-Zollhäuschen mitten auf der Hafenmole. Genau hier verlief bis zum Ersten Weltkrieg die Grenze zwischen Kaiser und König, also zwischen Österreich-Ungarn und Italien.

Hans Lietzmanns Caffè Paradiso ist nach langen Jahren der Grabesstille wieder erwacht. Heute kann man dort in einem schönen, modern, aber sehr geschmackvoll renovierten Hotel die Zeit am See genießen. Ganz so idyllisch wie damals ist es nicht mehr. Aber der Blick auf den See ist nach wie vor großartig. In der Eingangshalle hängt ein Gemälde von Hans Lietzmann. Es zeigt die Siegerin eines Wettbewerbes, der in seinem Paradies ausgetragen wurde.

Auch Sie können hier den Gardasee erleben. Das Hotel Paradiso Conca d’Oro begrüßt seit zwei Jahren wieder Gäste aus Nah und Fern. Das Hotelier-Ehepaar hat mit viel Liebe und Gespür für kleine Details ein Paradies unserer Zeit geschaffen. Im Restaurant kann man bei jedem Wetter den Blick auf den See genießen. Herzliche Einladung nach Italien!

Fotos Paradiso Conca d’Oro, © A. Weinberger

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