Geschichte der Stadt Konstanz

 

von Christian Schaller

Konstanz ist die größte Stadt am Bodensee und kann auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblicken. Die baden-württembergische Stadt liegt direkt an der Grenze zur Schweiz und besticht durch ihre vollständig erhaltene mittelalterliche Altstadt mit dem prachtvollen Münster. Berühmt ist die Stadt auch für das Konzil von Konstanz, das 1414 begann und eines der wichtigsten Ereignisse des Mittelalters darstellt. Doch auch 600 Jahre später hat die Stadt am See trotz einiger schwieriger Zeiten nichts von ihrem Glanz verloren.

Antike und Mittelalter: Vom römischen Lager an der Grenze zur Bischofs- und Reichsstadt

Die Gegend um Konstanz bot bereits in vorchristlicher Zeit eine günstige Verkehrslage und zugleich strategische Position. Der heutige Münsterhügel war von allen Seiten durch Wasser und Sümpfe geschützt. Die Lage am Seerhein, der den oberen, westlichen mit dem unteren, östlichen Teil des Bodensees verband, ermöglichte einen relativ einfachen Übergang über das riesige Binnengewässer. Von hier aus führten Handelswege in alle Himmelsrichtungen und natürlich bot auch die Schifffahrt ein schnelles Vorankommen. Bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus siedelten hier Kelten. Als sich später das Römische Reich ausdehnte und auch den Bodenseeraum im Zuge des Alpenfeldzuges unter Kaiser Augustus bis 15 vor Christus in das Imperium eingliederte, wurde die keltische Siedlung zerstört. In den folgenden drei Jahrhunderten blieb das Gebiet lose besiedelt und im Umland lassen sich einige römische Gutshöfe archäologisch nachweisen. Erst in der Spätantike kam es zu einer deutlichen Zäsur: Um 260 eroberte der germanische Stamm der Alamannen das Dekumatland, ein etwa dreieckiges Gebiet zwischen dem Rhein im Westen und der Donau im Osten, welches heute in etwa dem südlichen Baden-Württemberg entspricht.

Das antike Konstanz war nun nicht mehr im Herzen der römischen Provinz Raetien gelegen, sondern wurde zu einer Festung an der Grenze. Um 300 wurde hier eine mächtige steinerne Verteidigungsanlage errichtet. Der Name dieses Kastells wird als Constantia überliefert und lässt sich wohl mit der in dieser Zeit regierenden konstantinischen Kaiserdynastie des Römischen Reiches in Verbindung bringen. Das Lager sollte den Rheinübergang gegen die Alamannen bewachen. Über die Jahre entstand eine blühende Zivilsiedlung bei der Festung. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 und dem langsamen Verblassen der römischen Verwaltung und Kultur geriet Konstanz im sechsten Jahrhundert an das erstarkende Frankenreich. Deren Herrscherhaus, die Merowinger, hatten ihren Herrschaftsschwerpunkt im heutigen Nordfrankreich, sie dehnten ihren Einflussbereich in dieser Zeit aber sukzessive nach Osten aus. Auf den Fundamenten der spätantiken Festung entstand wohl bald ein erster Vorgängerbau des heutigen Münsters.

Konstanz Fassadenmalerei, © Garoch

Um 585 ließ sich dann mit Maximus der erste Bischof in der wachsenden Stadt nieder und begründete das Bistum Konstanz. Der Bischof und spätere katholische Heilige Konrad von Konstanz (900-975) fasste den Entschluss, die wachsende Bodenseestadt zu einem (natürlich sehr viel kleineren und bescheideneren) Abbild der heiligen Stadt Rom auszubauen – in seiner Regierungszeit entstanden neue Kirchen und Kapellen und alte wurden erneuert.

Schon bald profitierte die Stadt auch vom Fernhandel. Sie avancierte im Mittelalter zu einem Zentrum des Leinenhandels und lag an wichtigen Straßen zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und der sich langsam herausbildenden Schweizer Eidgenossenschaft. Das selbstbewusste Bürgertum erstritt sich vom Stadtherren, dem Bischof, immer mehr Rechte. Im Jahr 1192 erlangte Konstanz schließlich den Status einer freien Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und war damit nur noch dem römisch-deutschen Kaiser Rechenschaft schuldig. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht ließ die Stadt schließlich 1388 ein monumentales Kaufhaus und Warenlager am Hafen errichten, das dann auch zu einem Schauplatz des Konstanzer Konzils werden sollte. Das 1414 bis 1418 in Konstanz abgehaltene Konzil war ein spektakuläres Großereignis und prägt bis in die Gegenwart das kulturelle Bewusstsein der Stadt. Die Versammlung sollte das Große Abendländische Schisma beenden, das seit 1378 bestand und die Einheit der Kirche bedrohte. Zudem sollte eine gründliche Reform der Kirche verhandelt werden. Während die drei amtierenden Päpste auf einen reduziert und das Schisma damit beendet werden konnten, scheiterten die dringend notwendigen Reformen der innerkirchlichen Zustände.

Renaissance und Barock: Das Ende der Reichsstadt und die Habsburgische Zeit

Konstanz Lage am Schnittpunkt zahlreicher Handelswege und Regionen geriet spätestens im 16. Jahrhundert zum Nachteil der Stadt. Der Welthandel verlagerte sich an die Häfen Westeuropas sowie in den Atlantik und Konstanz, die „Stadt der Leinwände“, geriet ins Hintertreffen. Zudem lag die Reichsstadt am Berührungspunkt zweier unterschiedlicher Systeme: Im Norden das fürstlich-adelig geprägte Schwaben mit seinen Reichsstädten und kleinen Territorien, im Süden die erstarkende Eidgenossenschaft, die von Landleuten und Stadtbürgern dominiert wurde. Wie andere Reichsstädte wollte auch Konstanz als autonomer Stadtstaat ein eigenes Territorium aufbauen, was jedoch scheiterte. Durch unglückliche Bündnisse und Kriegsverläufe war die Stadt zunehmend politisch und wirtschaftlich isoliert. Doch die eigentliche Katastrophe für die Stadtgeschichte sollte erst im Zuge der Reformation eintreten.

Konstanz, Detail Kaiserbrunnen; © photosforyou

Nach dem Erliegen des Fernhandels war auch die Macht der alten Patrizierfamilien erloschen. Im frühen 16. Jahrhundert hatten die mächtigen Zunftfamilien das Sagen in der Stadt. Die meisten einfachen Mitglieder der Zünfte neigten allgemein zum neuen, protestantischen Glauben. In den Jahren der Glaubenskriege taktierte Konstanz hin und her, nach der endgültigen Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg 1547 erkannte die Stadt jedoch die Zeichen der Zeit nicht. Sie stellte selbstbewusst Bedingungen an den siegreichen, katholischen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Karl V., und entzog sich damit vollends der politischen Realität. Der Kaiser belagerte Konstanz und beendete 1548 deren Reichsfreiheit.

Die jahrhundertealten Privilegien wurden aufgehoben und die einstige Bodenseemetropole zu einer österreichisch-habsburgischen Provinzstadt degradiert – was auch bis zum Ende des Alten Reichs und darüber hinaus so bleiben sollte. Die meisten Protestanten in der Stadt flohen nach Süden in die Schweiz und Konstanz wurde energisch rekatholisiert.

Die entmündigte Reichsstadt entwickelte sich zu einer hoffnungslos verarmten und perspektivlosen Landstadt. Die quasi auf Lebenszeit amtierenden Ratsmitglieder orientierten sich nach dem Dreißigjährigen Krieg und im beginnenden Barock dennoch an den absolutistischen Fürsten und Königen Europas. Sie entfalteten eine repräsentative, wenn auch im Vergleich bescheidene Hofhaltung. Die Handwerker und Zünfte betrieben während der gesamten frühen Neuzeit neben ihren Berufen meist noch Landwirtschaft und Gartenbau, um über die Runden zu kommen. Wirtschaftliche Hilfen und vom aufgeklärten Absolutismus am Ende des 18. Jahrhunderts inspirierte Reformen durch die österreichischen Landesherren schlugen weitgehend fehl.

Neue und Neueste Geschichte: Konstanz als Teil Badens und Baden-Württembergs

Im Jahr 1806 marschierte Napoleon im Zuge der Koalitionskriege endgültig in Konstanz ein und beendete die Ära als österreichisch-habsburgische Landstadt. Die administrativ und wirtschaftlich erstarrte und restlos verarmte Bodenseestadt wurde dem neu gegründeten Großherzogtum Baden angegliedert und von diesem zur Hauptstadt des Seekreises ernannt. Doch auch in der nachfolgenden Zeit des Biedermeier änderte sich kaum etwas. Die Stadtverwaltung agierte konservativ und die Kluft zu den liberalen Kreisen in der Stadt vertiefte sich immer mehr. Im Jahr 1821 wurde das etwa zwölfhundert Jahre alte Bistum Konstanz aufgelöst.

Die jahrhundertelange Stagnation wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch endlich durchbrochen. 1862 erließ Baden die Gewerbefreiheit und beendete das vormoderne Zunftwesen. 1863 wurde Konstanz an die Eisenbahnstrecke Mannheim-Basel-Konstanz der Badischen Staatseisenbahnen angeschlossen. Die größte Stadt am Bodensee konnte erblühen: die Bevölkerung wuchs massiv,

Konstanz, Altstadt und Hafen; © Tommy_Rau

die mittelalterlichen Mauern wurden abgetragen und ermöglichten Stadterweiterungen. Das Hafenbecken wurde vergrößert, ein Stadtgarten erbaut und zahlreiche Modernisierungen in allen Bereichen des alltäglichen Lebens vorgenommen.

In der Zeit um 1900 erlebte Konstanz schließlich eine glanzvolle Zeit, die sich in einer rasanten Entwicklung offenbarte. Es entstanden zahlreiche Neubauten, die moderne Elektrizität hielt Einzug und es herrschte grenzenloser Optimismus. Die Stadt wurde in alle Himmelsrichtungen erweitert und der Tourismus boomte. Um 1900 stieg die Einwohnerzahl erstmalig auf über 20.000 Menschen. Daneben geriet jedoch auch die industrielle Entwicklung ins Hintertreffen – im gesamten 19. Jahrhundert und bis Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 siedelten sich nur wenige Manufakturen und Fabriken an. Auch die Hoffnungen der Konstanzer Bürgerschaft, ihre Stadt zu einem internationalen Verkehrsknotenpunkt auszubauen – sei es über Eisenbahnverbindungen oder über den schiffbaren Seerhein – scheiterten weitgehend. In der Jahrhundertmitte entwickelte sich auch in Baden immer mehr die Idee der Denkmalpflege. Das Konstanzer Münster wurde im Zuge dessen regotisiert und von 1850-1853 der Turm vollendet. Von nun an krönten zwei Geschosse mit aufgesetzter, durchbrochener Maßwerksspitze die alte Kirche. Die im Mittelalter ursprünglich geplanten Doppeltürme kamen nicht zur Ausführung.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden durch die Weimarer Republik sozialpolitische Maßnahmen wie der dringend notwendige Wohnungsbau vorangetrieben. Zudem setzten eine langsame Öffnung und Veränderung der Gesellschaft in allen Bereichen ein, was von kirchlichen und konservativen Kreisen kritisiert wurde. Die schleichende Inflation verschlimmerte jedoch auch die Zustände in Konstanz. Ende 1923 mussten beispielsweise fast 30 Prozent der Bevölkerung regelmäßig von der Stadt unterstützt werden. Der Aufstieg der Nationalsozialisten erfolgte in der Bodenseemetropole dennoch gebremst. Nach der Machtübernahme 1933 geriet die Kommunalpolitik ebenfalls schnell in eine Sackgasse, vor allem durch die dichtgemachten Grenzen zur Schweiz. Der Zweite Weltkrieg überdeckte viele städtische Problemlagen. Konstanz überstand den Krieg gänzlich unzerstört, was wiederum stark mit der Nähe zur Schweiz zu tun hatte: Die von oben angeordnete, nächtliche Verdunkelung der Stadt wurde nicht eingehalten, weshalb die feindlichen Flieger die erleuchteten Straßen und Häuser noch für einen Teil der Schweiz hielten und verschonten. Im Jahr 1945 besetzte das französische Heer die Stadt kampflos. Konstanz blieb bis 1978 Garnison. In den Jahrzehnten nach dem Krieg bemühte man sich um den Ausbau von Wohnraum, der Fremdenverkehr wurde zu einem wichtigen Zweig der Wirtschaft und durch das konstante Wachstum der Stadt waren Eingemeindungen und neue Infrastrukturen nötig. Bereits 1966 wurde die Universität Konstanz gegründet, die bis in die Gegenwart eine wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung für die Stadt darstellt. Im Zuge der Altstadtsanierung der 1980er Jahre wurde auch der Hafen neugestaltet – die Lagerbauten verschwanden und es entwickelte sich eine gastronomisch-touristische Meile. Mit etwa 85.000 Einwohnern ist Konstanz heute die größte Stadt am Bodensee. Neben den traumhaften Seeblicken besticht die „Stadt des Konzils“ vor allem mit ihren erhaltenen, mittelalterlichen Straßenzügen, überragt vom romanisch-gotischen Münster.

Verwendete Literatur
  • Maurer, Helmut / u. a. (Hg.): Geschichte der Stadt Konstanz. 7 Bände. Konstanz 1989–1995.
  • Seuffert, Klaus: Konstanz. Mehr als 2000 Jahre Geschichte. Konstanz 2019.
  • Zang, Gert: Kleine Geschichte der Stadt Konstanz. Karlsruhe 2010.
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