Ein nicht mehr ganz so goldenes Zeitalter

 

von Christian Schaller

Ein nicht mehr

ganz so

goldenes

Zeitalter

 

von Christian Schaller

Kolonialismus und Ausbeutung unter den Handelshäusern Fugger und Welser im „goldenen“ Augsburg des 16. Jahrhunderts

Die Fugger und Welser von Augsburg – das sind klangvolle Namen, die für zwei der mächtigsten deutschen Handelshäuser des 16. Jahrhunderts stehen. Die Fugger waren zeitweise die reichste Familie der Welt. Sie finanzierten Fürsten und Könige, den Papst und den Kaiser. Die Handelsbeziehungen der großen Handelsfirmen umspannten nicht nur Europa, sondern reichten auch nach Amerika, Afrika und Asien. Natürlich gab es auch in zahllosen anderen Reichs-, Hanse- oder Handelsstädten wichtige Fernhändler und gut vernetzte Akteure, an die Fugger und Welser reichte jedoch einige Jahrzehnte lang so gut wie keiner heran.

Sie waren maßgeblich daran beteiligt, eine Art frühneuzeitliche Vorform der Globalisierung anzutreiben – mit allem was dazu gehört, gute wie schlechte Seiten. In diesem Beitrag soll es nicht um den Glanz dieser Unternehmen gehen, sondern der Fokus soll sich auf ein dunkles Kapitel dieser süddeutschen Händlerclans richten: auf Kolonialismus und Ausbeutung, auf Verbrechen und Leid.

Augsburg war im 16. Jahrhundert auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Die süddeutsche Reichsstadt war eine der wichtigsten Handelsmetropolen Mitteleuropas und von herausragender wirtschaftlicher, politischer und kultureller Bedeutung. Die Welser gehörten in dieser aufstrebenden Reichsstadt bereits seit Jahrhunderten zum Patriziat, dem alteingesessenen Stadtadel. Zu Beginn der frühen Neuzeit bauten sie ein Netz aus Faktoreien aus, welches sie zu einer der großen globalen Handelsmächte werden ließ – so entstand beispielsweise 1526 eine Faktorei in der Karibik. Durch ihren enormen Reichtum fungierten sie auch immer wieder als Kreditgeber für die Mächtigen der Zeit.

Die Fugger waren dagegen soziale Aufsteiger. Ebenso wie die Ratsfamilien und andere Handelshäuser – für Augsburg seien beispielsweise noch die mächtigen Familien Langenmantel, Imhoff, Ilsung oder Rehlinger genannt – kamen sie zunächst durch Fernhandel an Reichtum. Diesen nutzten sie nicht nur, um in den Handel zu reinvestieren, sondern um ebenfalls auch Kredite zu vergeben. Als Rückzahlung erhielten sie mitunter Schürfrechte in Minen und – unter Jakob Fugger dem Reichen, dem damals wohlhabendsten Mann der Welt – auch Adelstitel.

1532 wurden die Welser dann in den Reichsadel erhoben, die Aufnahme der Fugger in diesen erfolgte nur vier Jahre später. In der Mitte des 16. Jahrhunderts standen die beiden Handelshäuser dann im Zenit ihrer Macht. Der Reichtum und der Glanz dieser Tage wurde von der Geschichtswissenschaft lange Zeit hervorgehoben, ohne jedoch die dunklen und leidvollen Aspekte dieser Ära angemessen zu beleuchten. Es war die Zeit der Renaissance und des Humanismus, der Reformation und Religionskriege, aber auch eine Ära, in der die europäischen Seemächte zunehmend expandierten und damit die Anfänge einer frühen Globali-sierung heraufbeschworen.

Augsburg © Christian Schaller

Diese brachte Unfreiheit und Elend für zahllose Menschen und Kulturen mit sich – eine Tatsache, die erst in den letzten Jahren zunehmend adäquat erforscht und vermittelt wird.

Um 1500 war das westeuropäische Portugal eine Seemacht, die den Weg um Afrika erschloss und Lissabon damit zum zentralen Hafen für den Handel mit dem fernen Indien machte. Ein Hauptgrund für die gefährlichen Entdeckungsreisen waren sicherlich Gold und Gewürze wie Pfeffer, Nelken und Muskat. Um 1503 gründeten auch die Fugger und Welser in Lissabon Kontoreien und beteiligten sich 1505 sogar an einer Indienfahrt. Die edlen Gewürze konnten ein Jahr später in Europa zu horrenden Preisen verkauft werden – 175 Prozent Gewinn sind überliefert. Danach wurde der Gewürzhandel zum portugiesischen Kronmonopol, sodass weitere Fahrten nicht stattfanden. Dennoch war der Kontakt zu Indien auch weiterhin sehr lukrativ für die Augsburger: Die Nachfrage an Kupfer war dort immens, aber auch Zinn, Quecksilber und Silber waren auf dem fernen Subkontinent gefragt.

In Westafrika wurden dagegen zeitgleich sogenannte Manillen, also dicke, halboffene Ringe aus Kupfer, Messing oder Bronze, als Hauptwährung genutzt, um dort gefangene Menschen zu kaufen. Die Fugger besaßen im 16. Jahrhundert zahlreiche Schürfrechte in ganz Europa und waren damit ein Hauptlieferant für diese Metalle, sodass bereits hier eine direkte Beziehung des Augsburger Handelshauses zum Sklavenhandel besteht. Doch auch in den spanischen Quecksilberminen, die den Fuggern zeitweise gehörten, wurden Sträflinge und muslimische Kriegsgefangene zu unmenschlicher Arbeit gezwungen. Die giftigen Dämpfe dort brachten in der Regel bereits nach wenigen Monaten den Tod.

Augsburg © Christian Schaller

Doch nicht nur um Afrika und nach Indien, auch in die neue Welt blühte bereits um 1500 die Seefahrt. Ab 1525 wurde der Handel nach Santo Domingo und Hispaniola in der Karibik auch für nichtspanische Fahrten geöffnet. Bereits ein Jahr später errichteten die Welser eine Faktorei dort und importierten Holz, Häute und Zucker. Im Jahr 1528 wurde der Faktor der Welsergesellschaft, Ulrich Ehinger, zum Statthalter über Gebiete im heutigen Kolumbien und Venezuela ernannt. Hierfür wurde sogar das Privileg verliehen, über 4000 afri-kanische Sklaven einzuführen.

Damit beteiligten sich die Welser bereits sehr früh am atlantischen Sklavenhandel, einem der grausamsten Prozesse innerhalb der europäischen Kolonialgeschichte. Auch südamerikanische Ureinwohner wurden bei den Unternehmungen über Jahrzehnte beraubt, verkauft oder getötet – selbst christlich getaufte „Indianer“. Die Welser betrieben Landwirtschaft und Bergbau, aber auch Perlenfischerei und Botanik in Venezuela. Ihre Zuckermühle auf Hispaniola wurde mit Sklaven betrieben. Gleichzeitig wuchs die Gier nach Gold bei den Europäern und mehrere Expeditionen suchten nach dem sagenhaften El Dorado, der Stadt aus Gold. Mit den Augsburgern wurde also eine Ära der systematischen Ausbeutung begonnen. Zwischen 1528 und 1540 wurden für die Welser 4578 Sklaven von Afrika nach Hispaniola verschifft. Im Jahr 1547 gaben die Welser ihre Faktoreien in der Karibik und in Spanien auf. Auch die Fugger verhandelten um 1530 über eine Statthalterschaft in der Provinz Chile, zu der es jedoch nie kam.

Die Zustände im 16. Jahrhundert waren damit alles in allem äußerst inhuman. In den Kolonien, aber sogar im mediterranen Raum waren – natürlich nichtchristliche – Sklaven äußerst üblich. Seit dem 15. Jahrhundert hatten die Portugiesen ihre teuren Expeditionen zur See teilweise mit dem Sklavenhandel finanziert. Sklaven arbeiteten dann auch auf den Zuckerplantagen und -mühlen in Amerika, währen viele afrikanische Unfreie in Bergwerken eingesetzt wurden. In den spanischen Minen der Fugger und Welser wurden Sklaven, Häftlinge und Morisken, also zum Christentum konvertierte ehemalige Muslime, eingesetzt.

Doch nicht nur die gefährliche und unmenschliche Arbeit brachte zahllosen Unschuldigen den Tod: Bereits auf den Transportschiffen herrschte eine hohe Sterblichkeit, viele weitere starben kurz nach der Ankunft an Krankheiten oder Entkräftung. Inder, aber auch Afrikaner und amerikanische Ureinwohner wurden von der zeitgenössischen Literatur zu Barbaren und Monstern stilisiert, sie wurden diskriminiert und erfuhren alle vorstellen Formen der Ungerechtigkeit und Gewalt, bis hin zum Mord und der Auslöschung ihrer individuellen Kultur und Lebensart. Kinderarbeit war ebenfalls allgegenwärtig und galt noch nicht als verwerflich. Dieses Denken sollte erst während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert aufkommen.

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Der enorme Reichtum rief natürlich auch ein schlechtes Gewissen bei den Fuggern und Welsern hervor. Die Armut und soziale Unterschiede waren nicht nur außerhalb Europas, sondern auch in wohlhabenden Städten wie Augsburg allgegenwärtig. Während die Patrizier und Handelsherren in ihren Palästen residierten, litten und hungerten nur wenige Straßen weiter die ärmeren Bevölkerungsschichten. Im späten Mittelalter bestand ein sozialer Druck, sein Geld zu stiften und zu spenden. Hinzu kam nicht zuletzt die Angst vor dem Fegefeuer. Viele Kaufleute und Handelshäuser richteten Konten ein, die Gott oder Heilige dem Namen nach zu „Teilhabern“ erklärten.

So hatten die Fugger ein „Sankt Ulrich“-Konto, benannt nach dem wichtigsten Bistumspatron und Stadtheiligen Augsburgs. Die Welser wollten noch mehr auf Nummer Sicher gehen und nannten ihr Konto etwas allgemeiner „Allheiligen“. Aus den dort gelagerten Geldern wurden Stiftungen, Armenspeisungen und Almosen finanziert. Natürlich galten die Spenden und Almosen nur den einheimische, natürlich christlichen, Menschen in der eigenen Stadt. Um die Belange der Nicht-Christen innerhalb und außerhalb Europas stand es sehr viel schlechter. Der Reformator Martin Luther beurteilte die Kaufleute in dieser Zeit kritisch. Er forderte sogar die Auflösung der Unternehmen, die Schließung von Faktoreien und das Verbot von Zinsen.

Die Augsburger Firma der Welser ging 1614 bankrott, die Fugger gaben den Handel und ihre Schürfrechte erst bis 1665 auf. Der Dreißigjährige Krieg, der 1614 bis 1648 tobte, hatte nicht nur Mitteleuropa und Reichsstädte wie Augsburg empfindlich ausbluten lassen. In der nun beginnenden Barockzeit hatte sich der Welthandel nun auch endgültig an die Atlantikhäfen Westeuropas verlagert. Eine postkoloniale Aufarbeitung der Fugger, Welser und anderer Handelshäuser sowie ganz allgemein der kolonialen Verflechtungen mit Asien, Afrika und Amerika erfolgt erst seit wenigen Jahren.

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Verwendete Literatur
  • Bitterli, Urs: Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt. München 1999.
  • Denzer, Jörg: Die Konquista der Augsburger Welser-Gesellschaft in Südamerika (1528–1556). Historische Rekonstruktion, Historiographie und lokale Erinnerungskultur in Kolumbien und Venezuela. München 2005.
  • Flaig, Egon: Weltgeschichte der Sklaverei. München 2009.
  • Häberlein, Mark: Aufbruch ins globale Zeitalter: Die Handelswelt der Fugger und Welser. Stuttgart 2016.
  • Hansen, Valerie: Das Jahr 1000. Als die Globalisierung begann. München 2020.
  • Hoffman, Philip: Why Did Europe Conquer the World? Princeton 2015.
  • Ogger, Günter: Kauf dir einen Kaiser. Die Geschichte der Fugger. München 1976.
  • Pelizaeus, Ludolf: Der Kolonialismus. Geschichte der europäischen Expansion. Wiesbaden 2017

     

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