Elias Holl

 

von Christian Schaller

Elias Holl (1573-1646).

Architekt der deutschen Renaissance, Anhänger Palladios
und Baumeister des „goldenen“ Augsburgs

Im Jahr 2023 wird der 450. Geburtstag des Baumeisters Elias Holl gefeiert. Doch wer ist das? Sicherlich verbindet man andere große Namen mit der Kunst- und Architekturgeschichte Deutschlands. Und auch zu den schillernden Gestalten der Renaissance und frühen Neuzeit wird man den Herrn wohl eher selten zählen. Doch dass Elias Holl so unter dem Radar läuft, kann nur als Fehler bezeichnet werden. Immerhin verdanken Süddeutschland und vor allem die Stadt Augsburg ihm sehr viel. Nicht zuletzt erschuf er um 1600 zahlreiche Bauten, die bis heute den Ruhm und Ruf Augsburgs als goldene Stadt der Renaissance begründen. Doch sein Können ging noch viel tiefer, die repräsentativen Renaissancefassaden sind nur die Spitze des Könnens, das diese beeindruckende Persönlichkeit unter Beweis stellte.

Elias Holl wurde am 28. Februar 1573 in Augsburg in eine etablierte Baumeisterfamilie geboren, also in einer Zeit, die turbulenter nicht hätte sein können. Die Reichsstadt am Fluss Lech war eine pulsierende Metropole, in der Könige, Handelsherren und Gelehrte ein und aus gingen. Ideen und Kapital vereinigten sich und machten Augsburg im 16. Jahrhundert zu einer heimlichen Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches – wirtschaftlich, politisch und kulturell. Zahlreiche Reichstage fanden in dieser Zeit innerhalb der Reichsstadtmauern statt. Wichtige Entscheidungen wurden hier getroffen – so zum Beispiel der berühmte Augsburger Religionsfrieden, der 1555 hier verkündet wurde und der erstmalig versuchte, den jahrzehntelangen Zwist der Kirche beizulegen. Jeder Landesherr durfte nun entscheiden, ob er katholisch oder evangelisch war – sein Volk musste folgen oder durfte auswandern. Das war in der damaligen Zeit ein riesiger Fortschritt: Man hatte juristisch anerkannt, dass beide Seiten eine Daseinsberechtigung hatten und nicht mehr nur die völlige Auslöschung und Verdammung verdienten.

Doch der Weg zur relativ friedlichen Koexistenz war noch weit. Erst der verheerende Dreißigjährige Krieg 1618 bis 1648 sowie der nachfolgende Westfälische Friede sollten die Unruhen und Kriege endgültig beenden. Der protestantische Elias Holl wuchs in dieser Zeit auf, die immer wieder von konfessionellen Streitigkeiten geprägt war. Augsburg besaß als Stadtrepublik nämlich keinen Landesherrn, der die Konfession klar hätte entscheiden können. 

In der Stadt lebten Katholiken und Protestanten auf engstem Raum nebeneinander. Gleichzeitig steuerte die Stadt auf eine wirtschaftliche Krise zu: Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts musste die Regierung stark sparen, weshalb nur noch heimische Handwerker zugelassen wurden. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und Armutsvorbeugung wurde deshalb dennoch ein umfassendes Bauprogramm für die Stadt beschlossen, bei dem Holl schließlich eine tragende Rolle einnehmen sollte. Holl absolvierte eine Maurerlehre bei seinem Vater, wirkte für einige private Auftraggeber und erwarb bis 1596 seinen Meistertitel. Aus Studienzwecken bereiste er um 1600 schließlich Venedig und Oberitalien, wo er die Werke des berühmten Andrea Palladio kennenlernte.

Palladio wurde 1508 in Padua geboren und starb 1580 in Vicenza. Er war der bedeutendste Architekt der Renaissance in Oberitalien. Er orientierte sich nicht nur an der römischen Antike sondern auch an seinen berühmten Zeitgenossen – beispielsweise an Bramante oder Michelangelo. Was Palladio besonders auszeichnete, war sein Umgang mit der Architektur: Als ein Prototyp eines „Berufsarchitekten“ imitierte er niemals die Römer oder andere Renaissancebaumeister, sondern schöpfte je nach Bauaufgabe immer wieder neu aus dem Formenschatz, der ihm zur Verfügung stand. Harmonie und Eleganz standen bei ihm an oberster Stelle. Jedes Projekt sollte ausgewogen proportioniert und ästhetisch sein, dabei jedoch auch den Bauplatz und die Wünsche des Auftraggebers berücksichtigen.

Durch seine Bauten und mehr noch seine theoretischen Schriften gewann Palladio immer mehr an Einfluss – auch und gerade nach seinem Tod. Im 17. Jahrhundert entstand daraus der Palladianismus, ein klassizistisch geprägter Baustil, der die Architektur Europas, später aber auch der Vereinigten Staaten maßgeblich beeinflussen sollte. Solch ein Anhänger Palladios war auch Elias Holl aus Augsburg, nachdem er die beeindruckende Schönheit der palladianischen Bauten live vor Ort kennenlernen durfte.

Bäckerzunfthaus © Christian Schaller

Der junge Mann kehrte überaus inspiriert in seine Heimatstadt Augsburg zurück. Bereits ein Jahr später, 1602, bewies er sein Können als frischgebackener Baumeister (damals offiziell: Stadtwerkmeister) der Reichsstadt Augsburg durch die Errichtung des Bäckerzunfthauses am Perlachberg. Ein Zunfthaus war stets ein überaus repräsentativer Bau und zudem an prominenter Stelle direkt am Perlachturm, dem danebenliegenden Rathaus und dem prachtvollen Augustusbrunnen, bis heute ein Wahrzeichen der Stadt, das damals jedoch erst vor wenigen Jahren fertig gestellt worden war.

Am Bäckerhaus exerzierte er die Formensprache der italienischen Renaissance anhand der klassischen Säulenordnungen durch. Über jedes Stockwerk zogen sich Pilaster, also Scheinsäulen, im ersten Stock dorisch, darüber ionisch und ganz oben korinthisch – eine Reihenfolge, wie sie heute beispielsweise noch am Kolosseum in Rom abzulesen ist.

Etwa zeitgleich widmete er sich auch dem Zeughaus. Sein Vorgänger als Stadtbaumeister, Jakob Eschay, war an diesem Projekt noch gescheitert. Das alte Wort „Zeug“ bezeichnet Waffen und genau das war das Gebäude auch: das Waffendepot Augsburgs, das sich als Reichsstadt auch selbst verteidigen musste. Man hatte sich entschlossen, das alte Zeughaus am Stadtrand aufzugeben und es – inmitten einer Zeit religiöser Unruhen – direkt an den Moritzplatz, den zentralen Markt im Herzen der Stadt, zu verlegen. Kurz zuvor hatte man hier den eleganten Merkurbrunnen errichtet. Unüblich war es jedoch, ein Waffenlager mit einer repräsentativen Renaissancefassade zu verzieren. Über dem Hauptportal thronte eine Bronzefigur, der Erzengel Michael, der den Teufel niedersticht.

Die Baustelle zog sich bis 1607 hin. In der Zwischenzeit errichtete Holl noch das Weinsiegelhaus, eine Art Zollbehörde und zugleich architektonischer Rahmen des Weinmarktes, des großen Festplatzes der Stadt, auf dem auch immer wieder Reichstage unter freiem Himmel stattgefunden hatten. Hier war vor wenigen Jahren der Herkulesbrunnen entstanden, der dritte der drei Augsburger Prachtbrunnen.

Ebenfalls zeitgleich kümmerte er sich auch um den Umbau des Wertachbrucker Stadttores. Als Stadtbaumeister fielen nämlich alle Hoch- und Tiefbauten unter seine Obhut. Als sogenannter Stadtgeometer war er zudem für die grundlegende Infrastruktur verantwortlich: Speicherbauten, Wasserwirtschaft, Mühlen, Brücken, Kanalisation, Wasserversorgung und nicht zuletzt natürlich auch die umfassenden Verteidigungsanlagen des Stadtstaates, die Türme und Tore, Mauern und Bastionen.

Zeughaus © Christian Schaller

Bei diesem unglaublich breiten Aufgabengebiet sticht vor allem der Wasserbau hervor. Holl war nicht nur ein fähiger Architekt und Ingenieur, sondern wusste auch außerordentlich gut mit dem kostbaren Nass umzugehen. Um 1609 baute er die Stadtmetzg, das Zunftgebäude der Fleischergilde. An der Fassade exerzierte er einmal mehr die palladianischen Renaissanceformen durch, während ihm im Inneren eine Innovation gelang: Er führte einen Kanal durch den Keller des Neubaus. Hier konnte das Fleisch in einer strom- und kühlschranklosen Zeit sehr gut gelagert werden. Schlachtabfälle konnten gut entsorgt werden und angeblich gab es keine Fliegen oder sonstiges Ungeziefer an dem kostbaren Nahrungsmittel. Im Erdgeschoss darüber befand sich dann die große Verkaufshalle für das Fleisch. Heute ist die Stadtmetzg darum Bestandteil des Wassermanagement-Systems der Stadt Augsburg, das seit 2019 auch ein offiziell eingetragenes UNESCO-Weltkulturerbe ist.

1612 errichtete er das Gymnasium bei St. Anna, eine der renommiertesten Bildungseinrichtungen der Stadt. Um 1614 baute er direkt am Rathaus den neuen Bau im Stil einer italienischen Loggia. Dieses Gebäude läutete sein eigentliches Hauptwerk ein: das monumentale neue Rathaus. Das alte, gotische Rathaus wurde komplett abgetragen und durch einen riesigen Kubus ersetzt, streng, aber dennoch schlicht und harmonisch gegliedert, ist es bis heute einer der bedeutendsten Renaissancebauten nördlich der Alpen. Gleichzeitig baute er auch den benachbarten Perlachturm um und formte ihn zu einem ebenfalls italienisch anmutenden Campanile.

Rathaus © C. Schaller

Augsburgs Stadtbild wurde zusammengefasst ganz maßgeblich von Elias Holl geprägt. Noch heute gilt die Schwabenmetropole als „goldene Stadt der Renaissance“. Gleichzeitig arbeitete Holl aber auch für umliegende Städte, er zeichnete Entwürfe oder fungierte als Gutachter. Sein protestantischer Glaube sorgte in seinem Leben für dramatische Wendungen: Weil er sich wie viele andere weigerte, zum Katholizismus überzutreten, wurde er durch das von Kaiser Ferdinand 1631 erlassene Restitutionsedikt dazu gezwungen, die Reichsstadt und seinen Posten zu verlassen. Erst als die protestantischen Schweden im Zuge des Dreißigjährigen Krieges die Stadt erobert hatten, konnte er zurückkehren. Von 1632 bis 1635 war Holl abermals als Stadtwerkmeister tätig, danach verlor er jedoch durch die katholische Rückeroberung Augsburgs erneut und endgültig sein Amt. Holl stab 1646 und wurde auf dem Protestantischen Friedhof von Augsburg begraben. Er heiratete zeitlebens zweimal und hatte viele Kinder, von denen einige auch Architekten wurden.

Nur zwei Jahre nach seinem Tod endete auch der verheerende Dreißigjährige Krieg. Augsburg war mehrmals erobert worden, erlitt Hunger und Seuchen und hatte nicht nur einen Großteil seiner Bevölkerung verloren, sondern auch seine kulturelle, wirtschaftliche und politische Bedeutung. Die großen Renaissancebauten Holls blieben jedoch erhalten. Im Westfälischen Frieden wurde zudem auch die Parität festgeschrieben, also die gesetzlich verankerte Gleichheit der Konfessionen. In Augsburg begann nun endlich eine Zeit des relativen Friedens. Protestanten und Katholiken konnten nun endlich, nach fast 150 Jahren der Unruhen, harmonisch innerhalb der Stadtmauern zusammenleben.

 

Das Buch „Augsburger Kulturgeschichten“ soll eine Mischung aus klassischem Stadtführer und geschichtswissenschaftlichem Essay sein. Es möchte die zahllosen Facetten der Augsburger Kulturgeschichte in Form von kleinen Anekdoten widerspiegeln, die wiederum auf die großen Entwicklungslinien der Stadtgeschichte verweisen und chronologisch durch 2000 Jahre Historie von den Römern bis zur Gegenwart führen.

Verwendete Literatur

– Haberstock, Eva: Der Augsburger Stadtwerkmeister Elias Holl (1573-1646). Werkverzeichnis (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 7). Petersberg 2016.

– Roeck, Bernd: Elias Holl. Architekt einer europäischen Stadt. Regensburg 1985.

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