Einführung in die Stadtgeschichte von Barcelona

 

 

von Christian Schaller

Barcelona gehört sicherlich zu den strahlenden Metropolen des Mittelmeers, die jedes Jahr Millionen von Besuchern anziehen. Und kein Wunder: Die Hauptstadt Kataloniens punktet mit einem überreichen Kulturerbe und einer zweitausendjährigen Geschichte.

Als zweitgrößte Stadt Spaniens nach Madrid und wichtiger Hafen war Barcelona seit jeher ein Schmelztiegel. Die schillernde Metropole nur auf die Sagrada Familie oder die anderen Bauten von Antoni Gaudí zu reduzieren, die um 1900 entstanden, wird dem architektonischen Gesamtkunstwerk, zu dem Barcelona über die Jahrhunderte heranwuchs, nicht annähernd gerecht.

Die Ursprünge Barcelonas liegen, wie so oft, im Dunkel der Zeit verborgen. Bereits in der Antike bestand hier auf einer gut zu verteidigenden Küstenebene eine iberische Siedlung unter dem Namen Barkeno. Sie nutzte die ideale Lage an den Verkehrswegen von Mitteleuropa auf die Iberische Halbinsel. Archäologische Spuren belegen eine Nutzung als Siedlungsort seit der Steinzeit. Eine gängige Legende weist den berühmtem General Hamilkar Barkas von Karthago, den Vater Hannibals, als Stadtgründer aus, der die Region im dritten Jahrhundert vor Christus eroberte. Von der Dynastie des Barkas sollte dann auch der Name der Siedlung, Barcelona, herrühren. Nach den Punischen Kriegen übten die Römer die Herrschaft über Hispanien aus.

Sie verlegten ihre Hauptstädte jedoch nach Tarraco und Caesaraugusta, sodass das antike Barcino in den Jahrhunderten um die Zeitenwende recht unbedeutend war. Unter dem ersten Kaiser Augustus wurde der Ort immerhin als Colonia Faventia Iulia Augusta Pia Barcino ausgewiesen und damit zu einer Niederlassung für pensionierte Soldaten erkoren. Barcino selbst wurde als castrum, also als Militärlager mit rechtwinkligen Straßen, angelegt.

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Zugleich entstand ein prachtvoller Augustustempel. Durch die günstige Lage konnte sich das römische Barcelona im Laufe der Zeit wirtschaftlich gut entwickeln. Im zweiten Jahrhundert nach Christus besaß die Stadt bereits bis zu 5000 Einwohnern. Die umliegende Küstenebene wurde von der Landwirtschaft und dem Weinbau genutzt.

Um das Jahr 250, im Zuge der Römischen Reichskrise, wurde die Siedlung von einer neuen Doppelmauer umgeben, um sie besser gegen befürchtete germanische Einfälle zu schützen. Diese massiven Verteidigungsanlagen mit ihren 78 Türmen sollten in der Zeit der Völkerwanderung schließlich für den Bedeutungsgewinn Barcelonas verantwortlich sein, während alte Hauptorte wie etwa das nahe Tarraco einen Niedergang erlebten. Ab dem dritten Jahrhundert erfolgte auch die zunehmende Christianisierung Spaniens. In der wichtigen Hafenstadt Barcelona wurde bereits am Ende des vierten Jahrhunderts – an der Stelle der heutigen Kathedrale – die erste Bischofskirche errichtet.

© Ch. Schaller

Das fünfte Jahrhundert brachte schließlich enorme politische Umwälzungen. Während das Weströmische Reich schwächelte und ganz Europa von den Kriegen und Migrationsbewegungen der Völkerwanderungszeit heimgesucht wurde, war das Schicksal von Hispania eng mit dem germanischen Volksstamm der Westgoten verbunden. Im Jahr 410 eroberte und plünderte der westgotische Anführer Alarich die Stadt Rom. Wenige Jahre später hatte sein Bruder Athaulf das Heer dann nach Südfrankreich geführt, wo sie nach einer Niederlage gegen die Römer über die Pyrenäen flohen. Bald entwickelten sich die Westgoten hier von Feinden zu Bundesgenossen, die für den weströmischen Kaiser Spanien kontrollieren sollten. Das sich herausbildende Westgotenreich konnte sich über den Untergang Westroms hinaus als germanisches Nachfolgekönigreich behaupten.

Die neuen Herrscher näherten sich dabei rasch der romanisierten, christianisierten Bevölkerung an. Das spätantike Barcino war kurzzeitig Hauptstadt und nachfolgend immer noch ein wichtiges Zentrum der Westgoten. Im Jahr 717 eroberten die muslimischen Mauren die Region und beendeten die westgotische Herrschaft. Barcelona wurde durch eine Kapitulation dabei vor größeren Zerstörungen bewahrt. Keine hundert Jahre später, um 801, eroberte Ludwig der Fromme, ein Sohn Karls des Großen, die Stadt und machte sie zu einem Grafensitz in der sogenannten Spanischen Mark, der südwestlichsten Grenzregion des Frankenreichs. Wieder einmal machten sich die guten Verteidigungsanlagen bezahlt und Barcelona stieg rasch zur mächtigsten und blühendsten Metropole der Region auf.

Im Mittelalter bildete sich im Westen von Barcelona die sogenannte Krone von Aragonien heraus, ein Herrschaftsgebiet, das vor allem im späten Mittelalter die Vormacht über das westliche Mittelmeer erlangen sollte. Zur Blütezeit sollten auch die Balearen, Korsika, weitere Gebiete Ostspaniens sowie ganz Süditalien inklusive Sizilien von den aragonesischen Königen regiert werden. Gerade Katalonien entwickelte sich zum ökonomischen und kulturellen Motor und das mittelalterliche Barcelona war darin die größte und wichtigste Ansiedlung. Aus dem römischen Barcino entwickelte sich in dieser Zeit die heutige Altstadt von Barcelona.

Noch heute kündet das berühmte Gotische Viertel vom Bauboom des 14. Jahrhunderts, als Barcelona eine starke Seemacht war. Auch die nahe Kirche Santa Maria del Mar, erbaut in reinster katalanischer Gotik, strahlt seit über 650 Jahren den Reichtum dieser Tage aus. Pracht und Grauen gingen hierbei Hand in Hand: In Barcelona entstand 1401 etwa die angeblich älteste öffentliche Bank, die Taula. Gleichzeitig war die Stadt auch ein führendes Zentrum für den Sklavenhandel zwischen Nordafrika und Osteuropa.

© Ch. Schaller

Die frühe Neuzeit sollte schließlich für große Veränderungen sorgen. Durch die Hochzeit von Ferdinand II. von Aragonien und Isabella I. von Kastilien wurden die zwei großen Königshäuser Spaniens zusammengeführt. Im schicksalshaften Jahr 1492 wurde durch die Eroberung Granadas die Herrschaft der muslimischen Mauren über die Halbinsel beendet und die Entdeckungsfahrten von Christoph Columbus führten ihn auf die amerikanischen Bahamas. Das nunmehr stabilisierte Königreich Spanien konnte Amerika teilweise besiedeln und auf die reichen Rohstoffe der Neuen Welt zugreifen. Dieser unfassbare Aufschwung bedeutete jedoch auch massive Probleme für Barcelona. Der Handel ging stark zurück und die Hafenstadt war zu einem Provinzort degradiert worden.

Dennoch konnte sich der hohe Stolz, den die Einwohner seit der mittelalterlichen Blütezeit mit Katalonien und Barcelona verbanden, bis in die Gegenwart halten. Bereits in dieser Zeit kam der Gedanke von Separatismus auf, wie die Katalanische Revolte ab 1640 bewies. Ihr Zentrum war Barcelona und ihr Ziel war eine Loslösung von Spanien. Während einer großen Pestwelle um 1650 musste die Hafenstadt erneut einen herben Schlag hinnehmen. Wohl um die Hälfte der Bevölkerung wurde von der Krankheit dahingerafft.

In den folgenden Jahrhunderten mischte sich Barcelona immer rege in die Politik und Kriege ein, die Spanien und Europa heimsuchten. Während des Spanischen Erbfolgekrieges 1701 bis 1714 stellte sich die katalanische Oberschicht auf die Seite der Habsburger, was sich jedoch als Fehler erwies. Der Kriegsgewinner und neue König von Spanien, Philip V. aus dem Haus Bourbon, beendete die katalanische Autonomie. Doch dieser Einschnitt war für die Bedeutung Barcelonas nur von vorübergehender Dauer: Als nach wie vor wichtiger Mittelmeerhafen und durch die großen Braunkohlevorkommen in der Region entwickelte sich die Stadt vom späten 18. Jahrhundert an immer rasanter zu einem wichtigen Industriestandort. Über die Napoleonischen Kriege, die Spanische Revolution und die Carlistenkriege hinweg sollte sich das nicht ändern.

Nichts bewies das eindrücklicher als die 1888 ausgerichtete Weltausstellung Exposición Universal de Barcelona, der eine großangelegte Ausweitung und ein massiver Ausbau des Stadtgebietes folgten. Von 1897 bis 1924 gemeindete Barcelona zahlreiche umliegende Kommunen ein. Im Jahr 1929 erfolgte eine weitere Weltausstellung. Die Wirtschaft und damit verbunden auch die Kultur florierten – nicht zuletzt belegt das die prachtvolle Architektur, die Antoní Gaudi in dieser schillernden, zukunftseuphorischen Epoche hinterließ. Zahlreiche Gebäude, darunter etwa die weltberühmte Kirche Sagrada Familia oder der extravagant-bunte Park Güell gelten bis in die Gegenwart als Hauptsehenswürdigkeiten dieses weltberühmten Stadtsohnes.

Wenige Jahre später sollte Barcelona, seit Langem eine Hochburg republikanischer Kräfte, erneut Schauplatz von Krieg und Gewalt werden. Im Zuge des Spanischen Bürgerkrieges zwischen 1936 und 1939 wurde die Stadt zum Opfer von schweren Luftangriffen der italienischen Armee. Der Widerstand gegen den Aufstieg Francos geriet der Stadt zu einem verheerenden Nachteil: Ähnlich wie bereits dreihundert Jahre zuvor wurde Katalanien jedwede Autonomie genommen und die katalanische Sprache wurde in der Öffentlichkeit verboten. Politisch und kulturell entmachtet kompensierte Barcelona dies, indem es ein nach wie vor zentraler Wirtschaftsstandort Spaniens blieb und über die Jahre des Franco-Regimes zahlreiche Immigranten anzog, welche die Stadt weiter anwachsen ließen.

Nach dem Tod Francos im Jahr 1975 wurde die allgemeine Demokratisierung gerade im eigensinnigen und selbstbewussten Katalonien mehr als begrüßt. Auch das Katalanische erholte sich rasch von dem Verbot und wurde wieder zu einer lebendigen Sprache in der Region. Das moderne Barcelona entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten außerordentlich positiv, was vor allem auch mit dem EU-Beitritt Spaniens 1986 zusammenhängt. Im Jahr 1992 feierte Barcelona seine wachsende Bedeutung durch die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele.

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts konzentrierte sich Barcelona dann zunehmend auf eine städtebauliche Entwicklung, die den Anforderungen der Gegenwart gerecht werden und die Lebensqualität steigern soll – etwa durch den Bau von Bahnstrecken oder die Sanierung der Stadtstrände. Die heute annähernd 1,7 Millionen Bewohner wie auch die mehr als 27 Millionen Touristen pro Jahr scheinen den Erfolg dieser Maßnahmen zu belegen.

Verwendete Literatur

 

  • Englert, Klaus: Architekturführer Barcelona. Berlin 2018.
  • Gogolin, Manuela: Barcelona – Ein Geschichtenmosaik. Norderstedt 2018.
  • Hughes, Robert: Barcelona. London 1992.

 

 

 

 

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