Ein Schiffstransport der Extraklasse

 

von Anja Weinberger

Ein Schiffstransport der Extraklasse

 

von Anja Weinberger

Wir befinden uns im Jahr 1437. Der Krieg um die Herrschaft in Oberitalien zwischen Venedig und Mailand, also zwischen der Serenissima und der Familie Visconti, tobt seit mehr als 30 Jahren.

(alle Fotos privat)

Warum? Die Visconti hatten im Verlauf des 14. Jahrhunderts vom Westen nach Osten eine ganze Reihe oberitalienischer Städte erobert. Sie waren grausame, gefürchtete Herren – für ihren Größenwahn genauso bekannt, wie für ihr militärisches Talent. Als sie schließlich 1387 siegreich in Verona angelangten (Luftlinie kaum 100 km entfernt), wurde das in Venedig endlich als durchaus bedenklich wahrgenommen. Denn durch die Eroberung Veronas war auch das für die Serenissima lebenswichtige Etschtal in Hand der feindlich gesinnten Mailänder. Bis zu diesem Augenblick hatte Venedig mit seiner Flotte zwar große Teile des Mittelmeeres beherrscht, doch an Besitz auf dem Festland hatte man (noch) kein Interesse. Das sollte sich nun ändern. Die Serenissima mischte sich 1405 tatkräftig und zielorientiert in das oberitalienische Geschehen ein. Stadt für Stadt, Burg für Burg wurden die Visconti im Laufe der kriegerischen Jahre zurückgedrängt.

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Und nun also – heute – stehen wir bei den Ruinen des einst gewaltigen Castel Penede einige hundert Meter südlich von Nago, hoch oben auf dem kahlen Felsen am Nordostende des Lago di Garda. Von hier aus kann man beinahe das ganze Szenario überblicken, das nun in den nächsten Zeilen beschrieben werden soll.

Die Ausgangssituation stellte sich folgendermaßen dar: Wir befinden uns im Jahre 1437. Der ganze Gardasee wurde von den Venezianern beherrscht. Der ganze Gardasee? Nein! Ein von unbeugsamen Mailändern besetztes Dorf – Riva an der Nordwestecke des Sees – hörte nicht auf Widerstand zu leisten. Erinnert uns das nicht an etwas? … Aber zurück aus dem Gallien von Asterix an den Gardasee des 15. Jahrhunderts. Die Mailänder Visconti hatten in Riva außerdem den Vorteil, durch das dort endende Ledrotal ihre Truppen recht einfach verstärken zu können.

Das war die eine Seite der Medaille. Die andere: Etwas weiter im Süden rückten nun Truppen der Mailänder Visconti vor die Mauern der Stadt Brescia, das seit 1426 zu Venedig gehörte. Das ganze Land um die Stadt herum jedoch beherrschten noch immer die Mailänder, da sie nach wie vor Herren über die beiden wichtigen norditalienischen Flüsse Mincio und Po waren.

Der Gardasee war schon immer Sehnsuchtsobjekt, ob für die jeweiligen Eroberer oder später die Kulturreisenden und heute die Sport- und Naturliebhaber. Hier ein Blick auf den See von Torbole nach Süden, wo die Berge langsam flacher werden.

Um nun Brescia vor der Rückeroberung durch die feindlichen Visconti zu bewahren, wäre es am einfachsten gewesen, venezianische Truppen zur Verstärkung über den Gardasee heranzuführen. Voller Schrecken bemerkte man jedoch, dass in Riva unterdessen eine mailändische Kriegsflotte entstanden war, die einen venezianischen Truppentransport über den nördlichen Gardasee keinesfalls zulassen würde.

Was tun? Wie könnte es gelingen, eine eigene venezianische Flotte zur Gegenwehr und zur Verteidigung des nahe gelegenen Brescia auf dem See zu platzieren? Schiffe besaß man mehr als genug, aber der südliche Minciozufluss des Gardasees lag ja auch in den Händen der feindlichen Mailänder. Da war guter Rat teuer.

Nun kommt Nicolò Sorbolo ins Spiel, ein aus dem heutigen Kreta stammender Marineoffizier. Er unterbreitete dem Dogen und dessen Condottiere Gatamelata in dieser verzwickten Situation einen wahnwitzigen Plan. Schiffe sollten über die Etsch nordwärts bis nach Mori transportiert werden, dann über die Berge bis zum Lago di Garda. Die Etsch fließt südlich von Venedig in die Adria und ist für die Serenissima leicht zu erreichen. So weit also, so gut. Viele Flusskilometer waren anschließend nordwärts bis Mori zu überwinden; man passierte Verona und auch die gefährliche Engstelle der Veroneser Klause, bis man schließlich Ravazzone erreichte, ganz in der Nähe von Mori. Dort ging man an Land und musste nun den damals noch nicht verlandeten und ungefähr 7 km entfernten Loppiosee erreichen.

Der Loppiosee, abfotografiert von einer alten Postkarte um 1900. Damals verlief hier auch noch die Eisenbahnstrecke Mori-Arco-Riva. Heute ist der Loppiosee beinahe ganz verlandet. Schaut man genau hin, so erkennt man ihn jedoch nach wie vor.

„Nur“ etwa 70 Höhenmeter mussten bis zum Loppiosee überwunden werden, und dort konnte die Flotte bis zum Anfang des Passo San Giovanni schwimmen. Danach musste man sich schließlich dem schwierigsten Teil des Unterfangens stellen, denn nun waren gigantische Felsbrocken im Wege und viele Höhenmeter waren noch zu überwinden. Eine Route wurde also ins Gestein geschlagen und unter Zuhilfenahme von Seilwinden gelangten die Schiffe auf die Höhe von Nago.

Wieviele Schiffe eigentlich? Genau weiß man es nicht, aber vermutlich wurden neben einer großen Anzahl kleiner Boote auch mehrere Galeeren über den Berg gehievt. Zweitausend Ochsen und unzählige Arbeiter machten diese gefährliche Untenehmung erst möglich.

Oben beim Castel Penede angekommen, das erst seit wenigen Monaten unter venezianischer Kontrolle stand, konnten die völlig erschöpften Transporteure den Gardasee sehen – aber weit unter ihnen. Die großen Galeeren und kleineren Boote standen mit ihrem Bug einige Hundert Meter über der blaugrünen Wasserfläche.

Über unzählige gefällte Bäume, die zu Rollen geschlagen wurden, vertäut im Fels, hat man die Schiffskarawane den steilen, beinahe senkrechten Abhang beim Castel Penede hinunter gelassen.

Der Blick vom Parkplatz unterhalb Nagos auf den See. Die Sarca dürfte damals wesentlich mehr Wasser geführt haben, denn im Gegensatz zu damals wird ihre Wasserkraft heute zur Energierzeugung genutzt und damit unserem Auge entzogen. Das Castel Penede befindet sich von hier aus betrachtet deutlich höher und etwas weiter südlich zum See hin.

Am und auf dem See angekommen, stürzte man sich sofort ins Getümmel. Beinahe wäre der ganze Aufwand umsonst gewesen, denn in einer ersten Schlacht vor dem Gardasee-Städtchen Maderno im November 1439 mussten die Venezianer eine erniedrigende Schmach hinnehmen und verloren beinahe die gesamte Flotte. Aber die Serenissima konnte so etwas natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

Über die nun schon erprobten und für gut befundenen Wege schaffte man Baumateriel heran, und direkt am Ufer des Gardasees entstanden sechs nagelneue Galeeren.

Winter am Lago di Garda – wer möchte da auf dem Wasser kämpfen … Also beäugte man sich aufmerksam. Am Nordwestzipfel des Sees überwinterte nun also die zunächst siegreiche Flotte der Mailänder, und in Torbole am nordöstlichen Seezipfel, nur fünf Kilometer entfernt, sammelten die Venezianer neue Kraft.

Am 10. April 1440 war es dann soweit. Die neu erbaute Flotte der Venezianer jagte die Visconti davon. Riva wurde vom Wasser und vom Lande her erstürmt, und der ganze Gardasee unterstand nun eine Zeit lang  der Serenissima.

Auch heute ist der See übrigens ein Kind vieler Herren: der nördliche Teil mit Riva und Torbole gehört zum Trentino, das westliche Ufer zur Lombardei und das östliche Ufer wie eh und je zu Venetien.

In der Burg von Malcesine befindet sich in einem der Säle eine Sammlung zeitgenössischer Dokumente und Darstellungen dieses ungewöhnlichen Transports.

Nachtrag August 2023: Auf dem Weg zum Castel Penede finden wissenschaftliche Grabungen statt. Bald werden wir also noch mehr erfahren über Burg, Schloss, Bewohner, Gewohnheiten derselben und vielleicht auch über den spannenden Transport. Eine Mitarbeiterin hat mir berichtet, dass dann im Forte di Nago eine Ausstellung entstehen soll.

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