Ein Museum für Athen und die Welt …

 

von Andrea Strobl

Als ich 1983 das erste Mal in meinem Leben auf der Akropolis stand, gab es dort noch das kleine Akropolis-Museum, das sich nur ein paar Schritte vom Parthenon entfernt befand und im 19. Jahrhundert erbaut worden war.

Mit der rapiden Zunahme des Tourismus in den letzten Jahrzehnten wurde aber immer deutlicher, dass das Museum dem zunehmenden Ansturm der Akropolis-Besucher nicht mehr gerecht werden konnte. Zudem wichen im Zuge der stetigen Restaurierungsarbeiten auf der Akropolis immer mehr Artefakte Repliken und benötigten einen festen Platz im Akropolis-Museum, um vor den verheerenden Auswirkungen der Umweltverschmutzung in der beständig wachsenden Stadt geschützt zu sein: 1979 zogen zum Beispiel auch die berühmten Karyatiden des Erechtheions ins Museum um. Und obwohl man das alte Museum noch mit einem Anbau etwas erweiterte, gab es am Ende doch nur eine Lösung: Ein größeres Museum musste her!

Ein geeignetes Areal direkt unterhalb des Akropolis-Felsens, nur 300 Meter südöstlich des Parthenons, war bald gefunden.

Dennoch war der Weg noch weit und mit vielen Hindernissen gepflastert: Unter anderem mussten Klagen der Anwohner wegen der Beeinträchtigung der freien Sicht auf die Akropolis und der daraus resultierenden Wertminderung ihrer Immobilien gerichtlich geklärt werden; auch der notwendige Abriss zweier unter Denkmalschutz stehender Gebäude sorgte für weitere Klagen und gehörigen Aufruhr; zudem nahmen die Ausgrabungen der archäologischen Funde auf dem ausgewiesenen Baugelände weitere Zeit in Anspruch.

The Acropolis Museum Restaurant, © Acropolis Museum, Photo Giorgos Vitsaropoulos

Aber irgendwann war es dann doch so weit. Den Athenern – und der restlichen Welt – wurde ein Museum angekündigt, das mit 23.000 Quadratmetern Gesamt- und 14.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche den großartigen Exponaten, aber auch den Anforderungen ihrer Erhaltung gerecht werden sollte.

Im Januar 2003 war endlich die Grundsteinlegung. Große bauliche und architektonische Herausforderungen waren zu bewältigen: Zunächst erforderten die reichen archäologischen Funde auf dem Baugelände und ihre Einbeziehung in das Gesamtkonzept eine sorgfältig durchdachte Platzierung der Fundamente. Architektonisch wurde dies sehr beeindruckend gelöst, läuft der Besucher auf dem Weg zum Museumseingang doch über eine weite verglaste Fläche, die den Blick auf diese Ausgrabungen freigibt und somit den Außenraum mit in das Museum einbezieht. Durch entsprechende Gleitpendellager musste die Erdbebensicherheit des riesigen Gebäudes gewährleistet werden, »rumpelt« es doch nicht selten hier in unserer Stadt – mal mehr, mal weniger stark. Aber vor allem musste sich der Bau an den Ausstellungsstücken selbst orientieren, insbesondere an den riesigen Skulpturen der archaischen Tempel auf dem Akropolis-Felsen. Die adäquate Ausstellung all dieser Exponate erforderte ja nicht nur generell ein größeres Museum, sondern im Falle der Parthenon-Artefakte einen ganz besonderen Raum: Auf der dritten und letzten Etage des neuen Museums wurde eine Fläche von 39 x 84 Metern in den Proportionen des Tempels selbst geschaffen. Die Exponate des Parthenon konnten so auf beeindruckende Weise ausgestellt werden und vermitteln dem Besucher einen weiteren Eindruck von der Größe des Parthenons.

The “Calf-Bearer”. Around 570 BC (Acr. 624), © Acropolis Museum, Photo George Vitsaropoulos

The “Relief of the Pensive Athena”. The goddess, in front of a stele, leans casually on her spear. Around 460 BC (Acr. 695), © Acropolis Museum, Photo Socratis Mavrommatis

2007 wurde der Museumsbau beendet. Die Überführung der Exponate aus dem alten Museum dauerte dann noch über ein Jahr und wurde als der »größte Umzug in der Geschichte Athens« bezeichnet. Offizielle Eröffnung war schließlich am 20. Juni 2009.

Endlich konnten die Athener – und natürlich nicht nur sie – das neue Museum besuchen! Im ersten Jahr nach der Eröffnung kostete der Eintritt rein symbolisch gerade einmal 1 Euro.  Auch ich besuchte im ersten Herbst nach der Eröffnung das Museum zum ersten Mal und war erstaunt: Von außen konnte ich mich mit der modernen Architektur so gar nicht anfreunden. Irgendwie wirkte der moderne Bau genau gegenüber der Akropolis und inmitten vieler alter, klassizistischer Gebäude wie ein Fremdkörper. Einige Kritiker bezeichneten damals die Ästhetik des Baus gar als die eines »Einkaufszentrums«, und ein Bekannter von mir nennt das Museum auch heute noch nur »das Parkhaus« …

Die Meinungen waren also geteilt, aber egal, ob man nun für oder gegen diese moderne Architektur war, die Athener freundeten sich schnell mit »ihrem« neuen Museum an. Zu offensichtlich und überzeugend waren doch die »inneren Werte« dieses Museums, allem voran die bereits erwähnte beeindruckende Konzeption des Parthenon-Saales, der durch seine riesigen Glasfronten einen überwältigenden Blick auf die Akropolis und die ganze Stadt erlaubt und die Exponate je nach Tageszeit in verschiedenem Licht erstrahlen lässt.

Der Ruf nach einem Museumsneubau war von Anfang an auch mit der seit vielen Jahrzehnten geführten Diskussion um die Rückgabe der von Lord Elgin im 19. Jahrhundert ins Britische Museum »entführten« Parthenon-Skulpturen verbunden gewesen. Sicherlich war auch dies ein Grund, gerade dem Parthenon einen so beeindruckenden Ausstellungsraum zu widmen: Man wollte endlich die notwendigen Voraussetzungen für die Rückkehr der Parthenon-Skulpturen schaffen und manch beharrlichem Gegenargument auf britischer Seite die Grundlage entziehen. Die nach wie vor bestehenden »Leerstellen« (aufgefüllt durch Gipsabgüsse) stechen dem heutigen Besucher gerade durch diese großartige Konzeption besonders ins Auge.

Southwest corner of the frieze, from which began the two streams of the Panathenaic procession, © Acropolis Museum, Photo Nikos Daniilidis

Obwohl sich auch die UNESCO verstärkt für eine Rückgabe einsetzt, bleibt bisher letzter Stand der Dinge ein Vorschlag von britischer Seite, die Figuren des Parthenon-Frieses und andere Skulpturen der Akropolis dem Athener Museum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen – wobei die Griechen natürlich auf eine dauerhafte und keineswegs temporäre »Leihgabe« pochen. Ob die berühmten »Elgin-Marbles« jemals ihren Weg zurück nach Athen finden werden? Dies ist, wie man so schön sagt, »ein weites Feld« …

Heute »gehört« dieses Museum den Athenern ebenso wie den Touristen. Das kulturelle Angebot ist das ganze Jahr über äußerst vielfältig, es gibt laufend interessante Sonderausstellungen im Erdgeschoss, thematische Sonderführungen, kulturelle Angebote speziell für Kinder und vieles mehr; es finden oft Konzerte auf der großen Terrasse mit Blick auf die Akropolis oder im schönen Garten des Museums statt – bereits legendär sind die Veranstaltungen der langen Vollmondnacht jedes Jahr im August. Die Halbierung des Eintrittspreises während der Wintermonate von 10 auf 5 Euro mag zusätzlich dazu beitragen, dass die Athener dieses Museum immer wieder – vor allem außerhalb der touristischen Sommermonate – sehr gern besuchen. Auch ich war schon viele Male dort, manchmal ohne bestimmten Grund, einfach als »Sonntagvormittag-Vergnügen«.

Zusammen mit dem Archäologischen Museum, dem Kykladischen Museum und dem Benaki-Museum gehört das Akropolis-Museum auf die unbedingte »To-do-Liste« eines Athen-Besuches.

(Alle notwendigen und aktuellen Informationen findet man auf der Webseite des Museums: https://www.theacropolismuseum.gr)

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