Ein kleines Juwel am Fuße der Akropolis

 

von Andrea Strobl

Wollen Sie zur Akropolis, so gibt es mehrere Wege: Am einfachsten natürlich von der gleichnamigen Metro-Station aus. Auf der Dionysíou-Aeropagítou-Straße, auf der früher noch unablässig die Besucherbusse bis vor den Haupteingang der Akropolis fuhren, die aber anlässlich der Olympischen Spiele im Jahre 2004 endlich zur schönen Fußgängerpromenade umgestaltet wurde, geht es dann vorbei am neuen Akropolis-Museum in nur wenigen Minuten zur Akropolis.

Wer es nicht so eilig hat und gut zu Fuß ist, sollte sich der Akropolis allerdings von Norden her nähern, denn da führt der Weg von der Metro-Station Monastiráki (Μοναστιράκι) durch die malerische Pláka (Πλάκα), eine der ältesten Athener Gegenden, die sich an die Ausläufer des Akropolis-Hügels schmiegt. Und wenn man sich dort links hält, zum nordöstlichen Rand des Felsens hin, kommt man durch die etwas versteckten, pittoresken Gassen von Anafiótika (Αναφιώτικα) hinauf zur Akropolis – ein Weg, der mir auch nach fast 30 Jahren hier immer noch der liebste ist. Die Geschichte dieses winzigen Stadtteils ist allemal interessant, führt uns zurück ins 19. Jahrhundert und hat mit dem ersten griechischen König zu tun, der niemand anderer war als der zweitgeborene Sohn von König Ludwig I. von Bayern.

Nachdem sich Griechenland 1821 endgültig von der 400-jährigen Osmanischen Herrschaft befreit hatte und als neu gegründeter Staat international anerkannt worden war, kam es nach der Ermordung des ersten Staatsoberhauptes, Ioánnis Kapodístrias, zu einer politisch unstabilen Lage, die 1832 schließlich zur Ernennung des damals erst 17-jährigen Otto von Wittelsbach (1815-1867) zum ersten König Griechenlands führte.

Alter Stadtteil Athens, © fullframe

Zunächst war Nauplia auf der Peloponnes Regierungssitz, aber schon 1834 zog Otto I. mit seinem Hofstaat um nach Athen, in die neue Hauptstadt des jungen Griechenlands. Mit Otto I. kamen neben bekannten deutschen Architekten und Baumeistern wie z. B. Leo von Klenze auch einfache Handwerker nach Athen, um beim Ausbau der Hauptstadt mitzuwirken – deutsche »Gastarbeiter« in Griechenland also. Wie sehr diese Jahre das Athener Stadtbild nachhaltig prägen sollten, ist jedoch eine eigene Geschichte, von der ich später einmal erzählen werde …

Aber natürlich kamen nicht nur deutsche Handwerker, sondern überwiegend griechische drängte es in die aufstrebende Hauptstadt – und sie wurden auch dringend benötigt für all die großen Bauprojekte, die so zügig wie möglich durchgeführt werden sollten. Handwerker aus allen Teilen Griechenlands strömten in jenen Jahren nach Athen, allen voran die für ihre Kunstfertigkeit berühmten Marmorarbeiter, Maurer, Steinmetze und Schreiner von der kleinen, ärmlichen Kykladeninsel Anáfi (Ανάφη). Den Ankommenden wurden einfache Behausungen in unmittelbarer Nähe der Baustellen zur Verfügung gestellt. Aber schon bald stiegen die Preise für Häuser und Grundstücke in der rasant wachsenden Stadt, und so mussten die Handwerker gezwungenermaßen neue Behausungen finden. Da sie aber nicht allzu weit entfernt von den Baustellen wohnen wollten, beschlossen zwei gewitzte Handwerker aus Anáfi in den 1860er-Jahren, sich an der Nordostflanke der Akropolis niederzulassen, obwohl die Gegend seit 1834 als archäologisches Gebiet galt und damit per Gesetz nicht bebaut werden durfte.

Mit Hilfe von Freunden schafften sie heimlich das notwendige Baumaterial herbei und in nur einer einzigen Nacht bauten sie für sich und ihre Familien zwei kleine Häuschen – eine gesetzeswidrige »Nacht-und Nebelaktion«! Bis allerdings die zuständige Baubehörde »aufwachte« und der Häuschen gewahr wurde, dauerte es einige Zeit. Schwerfällige Behörden gab es offenbar schon damals, und da waren schon längst weitere Handwerker aus Anáfi dem Beispiel ihrer beiden Arbeitskollegen gefolgt: Schnell füllte sich der Ausläufer der Nordostflanke der Akropolis mit kleinen, im Kykladenstil erbauten Häusern, wobei recht planlos das eine neben dem anderen entstand. Kleine Gassen bildeten sich um die Häuser herum, viele kleine Treppen führten von einem Haus zum nächsten. Straßennamen gibt es deshalb dort auch heute noch nicht, jedes Haus hat einfach eine Hausnummer. Kommt man nach ca. 10-15 Minuten Fußweg vom geschäftigen, lauten, großstädtischen Monastiráki-Platz nach Anafiótika, wird man urplötzlich in eine vollkommen andere Welt katapultiert: Griechisches »Insel-Feeling« stellt sich ein – und das mitten in Athen!

Straße in Anafiotika, © milangonda

Heute gibt es noch 45 dieser Häuschen, ihre Größe variiert zwischen 8 und 36 Quadratmetern. Aber sie sind alle noch bewohnt und werden von ihren Bewohnern liebevoll instand gehalten. Mittlerweile stehen die Häuschen natürlich unter Denkmalschutz.

Ich empfehle Ihnen diesen kleinen »Umweg« zur Akropolis unbedingt – nicht zuletzt werden die passionierten Hobbyfotografen unter Ihnen eine Fülle von wunderbaren Motiven finden! Halten Sie sich in der Pláka links und dann einfach durch die Gassen und über die Treppchen »himmelwärts« … Und lassen Sie sich ruhig treiben; eine Karte benötigen Sie nicht,  denn verlaufen werden Sie sich garantiert nicht: Erstens finden Sie ab und zu handgemalte Hinweisschilder und zweitens können Sie die über Ihren Köpfen geduldig thronende Akropolis wahrlich nicht verfehlen – ganz egal, welche Gasse Sie in Anafiótika wählen! Irgendwann kommen auch Sie, ob Sie wollen oder nicht, auf die oben erwähnte Fußgängerpromenade und in nur wenigen Schritten zum Haupteingang der Akropolis …

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