Ein Friedhof, aus dem Karotte und Kohlrabi sprießt

von Marion Rissart

Ein Friedhof, aus dem Karotte und Kohlrabi sprießt

von Marion Rissart

Ein himmlisch-irdischer Acker zwischen zwei Aorten Berlins (Greifswalderstr. bzw. Prenzlauer Allee) inmitten der permanenten Rushhour von Autos, Straßenbahnen, dem steten Fluss von Tourist und Einwohner auf dem Asphalt.

Dieses Stück Erde ist weder ein Park noch ein Cluster aus Boutiquen, Shops, Fresstempel oder Touristenmeile. Hier ist die Rede von einem Friedhof am Puls unserer Bundeshauptstadt: Nämlich der Kirchhof I der evangelischen St. Georgen –Parodialgemeinde am Prenzlauer Berg.

Vor sage und schreibe 117 Jahren eingeweiht vor dem damaligen Königstor und angelegt auf dem ehemaligen Weinberggelände gilt der bewährte Gottesacker als Kleinod. Oder um über das Leben und seine Endlichkeit zu sinnieren, die Ohren vor dem Großstadtlärm zu verstopfen. Oder aber auch, um den Geruch Erde, Wildblumen und Rosen wahrzunehmen, deren Duft schwer in der sommerlichen Luft hängt. Bei mir kam auch hinzu, dass ich das kühle Grün der Bäume erfrischender fand, als den kochenden Asphalt Richtung Alexander Platz. Purer Zufall trieb mich zwischen den mit Brennnessel überwucherten Gräber in Richtung Kapelle, ließ mich über eine Baumwurzel stolpern, die einen bemoosten Grabstein zur Seite gesprengt hatte.

 © M. Rissart

 Vergangenes ist des Ahnenforschers Liebstes

Wirklich Zufall? Ahnenforscher haben ja bekanntlich ein Händchen für Vergangenes. Ergraute Grabsteine, umgestürzte Stelen, ausgewaschene Inschriften schrecken unsereins nicht ab, sondern beflügeln den Forschergeist und die Phantasie. Schließlich sammeln wir ja auch die Sterbeurkunden unserer Vor-Verblichenen, haben also weniger Berührungsängste.

„Gras wächst schneller, als man denkt“

So heißt es an einer Stelle von Johannes Oerdings Lied „Alles Okay“. Und ich könnte schwören, dass er dabei an diesen Gottesacker dachte. Hier ein mit Unkraut mit Unkraut übersätes Mausoleum, dort ein zerbrochenes Postament. Auf der anderen Seite ein mit Flechten überzogener steinerner Engel, der den Deckel des steinernen Sargs festhält. Die Wandgräber, die sich an einer mit Graffiti überzogenen Häuserzeile kleben. Dazwischen wuseln leuchtend rote Eichhörnchen zwischen Grab, Steinen, Bäumen und meinen Füßen hin und her. Schamlos nutzen sie den Heimvorteil aus und versuchen mit überrumpeltem Charme, von dem Besucher Nüsse zu erbetteln.

Eine gebettete Community zwischen Kriegsgrab und Haute Volee

In dieser gebetteten Community entdecke ich eine steinerne Ansammlung von Kriegsopfern beider Weltkriege. Weiter geht es zu der Nekropole der damaligen Haute Volee Berlins. Zum Beispiel das Familiengrab der Pintschs, die nicht nur Glasglühlichtbrenner entwickelte, sondern auch auf die Gasbeleuchtung in den Eisenbahnwagons Patente besaß.  Oder die Ruhestätte der Familie Bötzow, Inhaber der am Prenzlauer Berg einst der größten Berliner Privatbrauer inkl. Biergarten. Auch Geistiges darf hier nicht fehlen. Der mittlerweile unbekannte Sturm- und Drang Dichter Karl Philipp Moritz hat hier sein Grab, ebenso wie der Pädagoge August Zeune, der die Berliner Blindenanstalt begründet hat.

 

© M. Rissart

Gemüse zwischen Grabsteinen- Hochbeete in Hobbit- Format

Und ich entdecke noch etwas anderes. Ein Trampelpfad, wie Kinder ihn anlegen, macht mich neugierig. Wohin mag er führen? Mit erhobenen Armen schlängele ich mich an den Brennnesseln vorbei.  Zu meinem Erstaunen endet der Weg an einer Kolonie aus liebevoll angelegten Hochbeeten aus Tomaten, Gurken und Zucchini. Ein Spalier Erbsen rang an der Friedhofsmauer hervor. Schilder informieren über den Lebensraum Baum, Unkraut, Wildgemüse und Heilkräuter. Mittendrin laden würfelförmige Gedenksteine als Sitzgelegenheit zur Pause ein. Es gibt jede Menge jede Menge Hobbygärtner in dem Kiez, die dem Aufruf „Tomate sucht Gießkanne“ gefolgt sind. Im diskreten Abstand zu den Gräbern habe sie eine Art Schrebergarten in Hobbit-Format angelegt. Mit dem Vorteil, dass keine Rasenmäher und Grillorgien die Abgeschiedenheit stören.

Wer sät, darf ernten und essen – theoretisch

„Werden und Vergehen“ – nirgendwo sinnhafter wie in diesem Moment. Bei dem Anblick einer saftigen-roten Tomate befinde ich mich allerdings sofort im Hier und Jetzt. Meine Hand schnellt nach vorne, um sie zu pflücken. Stoppt aber kurz davor, denn der Satz, was ich nicht gesät habe, darf ich auch nicht ernten, schießt mir durch Kopf. Stattdessen besehe ich sie mir von allen Seiten. Und da theoretisch ist ja praktisch immer alles möglich ist, hole mir auf dem Nachhausweg beim Gemüsehändler an der Ecke eine Ersatz-Tomate und esse sie. Mehr als okay für mich.

© M. Rissart

Weitere Infos finden Sie unter www.dieahnin.com

 

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