Die verkannte Hauptstadt

 

 

von Christine Piswanger-Richter

Die verkannte Hauptstadt

 

 

von Christine Piswanger-Richter

Faro – der Beginn von (beinahe) jedem Algarve-Aufenthalt

Von Faro kennen die meisten Algarve-Touristen nur den Flughafen. In der Regel werden sie hier abgeholt und in großen Bussen in überwiegender Mehrheit Richtung Westen zur Felsenalgarve gekarrt, um dort an einem der zahlreichen malerischen Strände zu urlauben oder den Golfschläger an einem der fast 40 Golfplätze zu schwingen. Das ist sicherlich auch fein, aber es ist doch schade, dass die meisten dadurch überhaupt nicht mitbekommen, was es an Interessantem in der Hauptstadt der südlichsten Region Portugals zu sehen gibt.

Ihren Namen verdankt die Stadt mit mittlerweile rund 42.000 Einwohnern wahrscheinlich den Arabern. Ben Said Ben Hárum gründete hier im 11. Jahrhundert ein Fürstentum. Im Laufe der Zeit könnte aus seinem Namen schließlich »Faro« entstanden sein. Vielleicht tut man ihm damit aber auch zu viel Ehre an, denn es fällt natürlich die Ähnlichkeit zum portugiesischen Wort »farol« für Leuchtturm auf. Gegründet wurde die Stadt vermutlich schon im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Phöniziern. Es folgte eine Zeit römischer Herrschaft, in der die Stadt »Ossonoba« genannt wurde. Stadt und vor allem der Hafen gewannen an Bedeutung. 418 nach Christi fielen die Westgoten ein und in weiterer Folge wurde die Stadt erstmals Bischofssitz. Eine christliche Kirche wurde gebaut, die der Jungfrau Maria geweiht war. Im Zeitraum von 714 bis 1249 war Faro dann unter arabischer Herrschaft. Die Provinz wurde »Al-Gharb« genannt, das bedeutet Westen, daraus entstand schließlich »Algarve«. Faro war damals noch nicht die Hauptstadt der Algarve, sondern Silves, wo es heute noch eine eindrucksvolle Burg zu besichtigen gibt.

Aber zurück zu Faro. Der portugiesische König Alfonso III. eroberte die Stadt 1249 von den Arabern und ein Jahr darauf wurden alle algarvischen Städte schließlich dem portugiesischen Königreich einverleibt. 1577 wurde dann auch der Bischofssitz von Silves wieder nach Faro verlegt. Es folgten zwei schwerwiegende Ereignisse, die die Stadt fast vollkommen zerstörten: 1569 griff der Graf von Essex die Stadt an (die heutigen britischen Touristen kommen hingegen in friedlicher Absicht und erheitern eher die Einheimischen mit ihrer hellen Haut, die vor der portugiesischen Sonne schnellstens in krebsrot verwandelt wird) und 1755 fand das bisher verheerendste Erdbeben in der Geschichte Portugals statt, dass auch Faro in Mitleidenschaft zog. Das Epizentrum lag bei Lissabon, dass fast zur Gänze zerstört wurde. 1756 wurde Faro schließlich Hauptstadt der Algarve und blieb es – bis auf eine kurze Besatzung napoleonischer Truppen 1808 – bis zur Gegenwart.

Beginnen wir unseren Rundgang in der Altstadt, dem Centro Histórico oder auch Vila Adentro genannt. Auf dem zentralem Platz Largo da Sé steht die die Kathedrale, genannt Sé. Hier war bereits vor dem Erdbeben eine gotische Kirche, die allerdings bis auf einen Turm und ein Fenster zerstört wurde.

Faro Kathedrale, © C. Piswanger-Richter
Wie so oft in Portugal oder Spanien wurde auch hier einstmals eine christliche Kirche gebaut, dann eine Moschee auf den Überresten errichtet und nach der Vertreibung der Araber wurde wieder eine Kirche daraus. Daher vereinen sich hier die Baustile der Gotik, der Renaissance und des Barock. Der Glockenturm überragt den Kirchenbau nur wenig, er kann bestiegen werden und bietet eine schöne Aussicht, sowohl über die Altstadt als auch über das vorgelagerte Naturschutzgebiet, die Ria Formosa. Am Largo da Sé befindet sich die Statue von Bischof Francisco Gomes de Avelar.

Dieser Bischof hat sehr viel für die Region getan. Statt großer Zeremonien zu seiner Ernennung zu veranstalten, bereiste er lieber die Algarve, um Land und Leute kennenzulernen und sich auch ein Bild von den Zerstörungen durch das Erdbeben zu machen und wie der Wiederaufbau am besten gelingen könnte. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass Faro zur Hauptstadt wurde.

Rundumblick von der Kathedrale in Faro, © C. Piswanger-Richter
Östlich der Kathedrale befindet sich das Museu Municipal, in dem einige Fundstücke aus der römischen Zeit zu besichtigen sind. Die Vila Adentro ist von einer alten Stadtmauer umgrenzt, die durch einige sehenswerte Tore durchbrochen ist. Beim Arco da Vila gibt’s nicht nur einen schönen Torbogen zu sehen, auf dessen Zinnen sich alljährlich Storchennester einfinden, hier gibt’s auch etwas Typisches zu hören: In Kurzvorstellungen kann man hier die portugiesische Gitarre kennenlernen. Anders als die üblichen Gitarren, ist die portugiesische nicht tailliert. Sie wird zur Begleitung von Fado-Gesängen verwendet und zeichnet sich durch einen warmen, angenehmen Klang aus.
Vila Adentro, © C. Piswanger-Richter
Portutiesische Gitarren, © C. Piswanger-Richter
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Auch außerhalb der Vila Adentro gibt es allerlei zu sehen. Es gibt viele kleine Geschäfte, sowohl mit typischen Algarve-Produkten, wie Waren aus Kork oder Keramik, aber auch kulinarische Köstlichkeiten, wie das besonders aromatische Marzipan aus den Mandeln der Algarve, Medronho, ein starker Schnaps aus den Früchten des Erdbeerbaumes und Thunfisch in Dosen mit allerlei typischen Gewürzen, um nur einiges zu nennen.
Bica und Pastel de Nata, © C. Piswanger-Richter
In kleinen Straßencafés genießt man eine Pause bei einem Bica, der portugiesischen Variante des Espresso. Der Name ist übrigens die Abkürzung von »beba isto com Açúcar«, auf Deutsch »trink das mit Zucker« und damit ist viel Zucker gemeint. Auch die begleitenden Süßspeisen, allen voran die bei Einheimischen wie Touristen gleichermaßen beliebten Pastéis de Nata, Blätterteig-Schüsselchen mit Eier-Puddingcreme, sind weder zucker- noch kalorienarm, aber sehr fein! In der Nähe der Marinha, die ganz nah an der Vila Adentro liegt, befindet sich das Café Aliança. Es ist eines der ältesten Cafés in ganz Portugal. Hier schlürften schon die Schriftsteller Fernando Pessoa und Simone de Beauvoir ihren Bica.
Teatro Lethes, © C. Piswanger-Richter
Gleich zwei Konzerthallen hat Faro zu bieten. Am Stadtrand das moderne, große Teatro das Figuras, das zwar von außen an einen überdimensionierten Schuhkarton erinnert, aber innen ein großzügiges Auditorium und eine ebensolche Bühne besitzt. Musik, Theater, Ballett, Konzerte, alles findet hier statt und vieles ist auch ohne Portugiesisch-Kenntnisse interessant. Kleiner, feiner, älter ist das Teatro Lethes nahe dem Zentrum. Das war einmal eine Kirche, nun finden hier ebenfalls Theatervorstellungen. Lesungen und musikalische Darbietungen aller Art statt. Das Teatro Lethes ist unbedingt einen Besuch wert, wenn nicht wegen einer spezifischen Veranstaltung, dann schon allein wegen der entzückenden Innengestaltung. Da fliegen die musizierenden Engerln in alle Richtungen und es gibt nicht nur ein Phantom der Oper, sondern sogar zwei – wie man bei Führungen erfahren kann.
Olhao Markthalle, © C. Piswanger-Richter
Auch im nahen Umfeld von Faro findet sich allerlei Interessantes: Ein Stück östlich, ebenfalls an der Küste liegt Olhão. Dieses kleine Städtchen zeichnet sich durch zwei sehr dominante Markthallen – eine für Fisch, die andere für Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst, Käse und regionale Süßspeisen – aus und durch einen Stadtteil mit ganz engen Gässchen, die oftmals in Sackgassen enden, aus. Den Einheimischen macht es sichtlich Vergnügen, in diesen Gässchen Tische und Sessel aufzustellen, um beim Essen mit den Nachbarn zu tratschen und verirrten Touristen wieder aus dem Labyrinth herauszuhelfen (oder sie noch tiefer in die Irre zu führen).
Olhao mit Sonnenschirmen, © C. Piswanger-Richter
Sackgasse in Olhao, © C. Piswanger-Richter
Ca. 30 km von Faro entfernt Richtung Osten liegt Tavira am Rio Gilão. Am Hügel liegt das Castro dos Mouros, von wo aus man einen wunderbaren Blick über die Stadt und die vorgelagerte Lagune hat. Viele alte Häuser haben hier Walmdächer und jede Kirche ist nur einen Steinwurf von der nächsten entfernt. Tavira hat auch eine literarische Besonderheit zu bieten: Hier wurde am 15. Oktober 1890 Álvaro de Campos geboren. Der lebte zwar nicht wirklich, denn er war eines von mehreren Heteronymen des berühmten portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa, aber sein Schöpfer hat ihm nicht nur Geburtstag und -ort zugeschrieben, sondern auch sein genaues Äußeres beschrieben – er trug Monokel, war mager und groß und ging leicht gebückt – und ihm auch einen jähzornigen Charakter und einen eigenen Schreibstil unterstellt. Ähnlich wie in Faro die portugiesische Gitarre, wird hier der Fado präsentiert. Eine gute Gelegenheit, den typisch portugiesischen Gesang kennenzulernen, ohne gleich einen ganzen Abend im Fado-Lokal zuzubringen.
Tavira, © C. Piswanger-Richter
Palacio de Estoi, © C. Piswanger-Richter
Einen letzten Ort in der Nähe von Faro möchte ich noch vorstellen: Estói. Das kleine Städtchen liegt 14 km nördlich von Faro und zählt etwas mehr als 3.500 Einwohner. Zwei besondere Sehenswürdigkeiten gibt es hier zu bestaunen. Gleich bei der westlichen Ortseinfahrt liegt Milreu. Das war in römischer Zeit das Sommerrefugium für reiche Farenser. Die Fundamente einer römischen Villa, Kultgebäude und Badeanlagen mit interessanten Mosaiken locken nach wie vor Touristen und Archäologen. Die zweite Besonderheit ist der Palácio de Estói. Das Rokokoschlösschen wurde Ende des 18. Jh. gebaut. Zunächst war es im Besitz einer adeligen Familie, stand dann lange leer und wurde schließlich 1989 von der Stadt Faro übernommen, die den Palácio zu einer Pousada ausbaute. Der Anbau mit den Gästezimmern ist von außen kein architektonisches Meisterwerk, aber die Räumlichkeiten des Schlosses, die noch als Restaurant und Aufenthaltsraum genutzt werden, die Terrasse und der schön angelegte Garten sind einen Besuch wert.
Strand de Ilha de Faro, © C. Piswanger-Richter
Und für wen ein Algarve-Aufenthalt ohne Meeresstrände undenkbar ist, wird auch glücklich. Denn vor Faro liegt das Naturschutzgebiet Ria Formosa und hier befindet sich auch die Ilha de Faro mit einem kilometerlangen Sandstrand, dem Praia de Faro. Und nicht weit von Faro gibt es auch einen entzückenden, kleinen Strand, den in erster Linie Einheimische zur Erholung nutzen. Er heißt…, nein, wir wollen die Portugiesen ja auch irgendwo unter sich sein lassen, sie sind ohnehin sehr tolerant und liebenswürdig Touristen gegenüber.
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