Die sieben Pilgerkirchen

 

 

von Raimund Gründler

Der lange Weg zu sieben Kirchen

»Stadt der 1000 Kirchen« ist neben »Die ewige Stadt« eine häufig verwendete Bezeichnung für die Stadt Rom, und beide Titel haben ihre Berechtigung. Im Zentrum, links und rechts des Tibers, stehen sie so dicht gedrängt, dass die Spaziergängerinnen und Spaziergänger schon nach dem Durchschreiten von wenigen Straßen die Portale von sieben Kirchen erreicht haben. Und doch nehmen manche Pilger seit vielen Jahrhunderten eine Wegstrecke von gut zwanzig Kilometern in Kauf, um ihre Sieben-Kirchen-Wallfahrt zu absolvieren.

Denn bei den sieben Kirchen, die bei dieser speziellen Wallfahrt alle an einem Tag erreicht werden müssen, handelt es sich um besondere Kirchen, und die liegen eben etwas verstreut. Es handelt sich um die vier römischen Hauptkirchen, die Lateransbasilika San Giovanni in Laterano, den Petersdom, Maria Maggiore und Sankt Paul vor den Mauern. Ergänzt werden sie durch Santa Croce in Gerusalemme, Sankt Sebastian vor den Mauern und Sankt Lorenz vor den Mauern.

Alleine die Tatsache, dass drei der sieben Kirchen den Zusatz »vor den Mauern« tragen, weist auf längere Wege hin. All diese Kirchen gehen in ihren Ursprüngen in frühchristliche Zeiten bis ins 4. und 5. Jahrhundert zurück, und schon in dieser Zeit gab es den Brauch, sie an einem einzigen Tag zu besuchen. Wie so vieles andere geriet auch diese Tradition weitgehend in Vergessenheit, als Rom im Mittelalter mehr und mehr verfiel, sich entvölkerte und zwischenzeitlich seine Bedeutung fast ganz verloren hatte.

Ihre Wiederbelebung im 16. Jahrhundert ist einem der originellsten Heiligen zu verdanken, die die katholische Kirche kennt: Der auch »Apostel Roms« genannte Filippo Neri wollte sich in seiner Arbeit nicht nur auf die Hilfe für Arme und Bedürftige sowie Pilger beschränken, er wollte auch seinen Glauben verbreiten. Aber es sollte eine frohe Botschaft sein, nicht eine Welt der Buße und Furcht. So geißelte er die Menschen von Rom auch nicht für ihr schamloses Benehmen im römischen Karneval.

Er bot ihnen stattdessen eine attraktive Alternative: die Wallfahrt zu den sieben Kirchen. Dabei wollte er den Römern auf der Strecke, die zu den Gräbern großer Heiliger und Märtyrer sowie zum Kreuz Christi führt, den Heldenmut der Christen der frühen Jahre deutlich machen. Gleichzeitig sollte auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen. Und so freute sich am 8. Februar 1584, dem Fasnachtsdonnerstag, eine große Menschenmenge auf der Via Appia auf ein fröhliches Frühstück. Auch das Abendbrot auf dem Rasen von Sankt Sebastian erinnerte an ein Riesenpicknick. Aus kleinen Anfängen erwuchs so ein Brauch, der längst nicht mehr nur auf den Karneval beschränkt blieb und der bei aller Mühsal des Weges auch nicht mehr in Vergessenheit geriet.

Rund zweihundertfünfzig Jahre später beeindruckte die Sieben-Kirchen-Wallfahrt selbst den Protestanten Johann Wolfgang von Goethe sehr. In seiner Italienischen Reise, stellte er fest, dass die Wallfahrt zu den sieben Kirchen »[…] einer abermaligen anstrengenden Reise wohl gleichzuachten ist.«.

 

Dieser Text stammt aus den Kalendergeschichten, die 2023 beim Leiermann erschienen sind.

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