Grazile Frauenpower

 

 

 

 

von Andrea Strobl

Grazile Frauenpower

 

 

 

 

von Andrea Strobl

Es war in der flirrenden Mittagshitze eines Spätsommertages in den 1980ern, als ich das erste Mal auf der Akropolis stand. Seitdem gehört dieser »heilige Felsen« fast zu meinem täglichen Leben in Athen, ist aber nach wie vor nichts »Alltägliches«. Befindet man sich im Stadtzentrum, kann man ihn schlichtweg nicht übersehen, und im Laufe der vielen Jahre haben sich immer wieder Gelegenheiten ergeben, diesen Felsen erneut zu besteigen – und wie beim ersten Mal zu bestaunen …

Das erste Ziel fast aller Besucher auf diesem weiten Felsplateau, nachdem sie durch die Propyläen emporgestiegen sind, ist natürlich der gigantische Parthenon. Erst wenn man sich an ihm »satt gesehen« hat, schweift der Blick weiter und fällt auf das benachbarte Erechtheion mit seinen sechs berühmten Frauenfiguren: den Karyatiden.

© pixabay

 

Diese Stützstatuen, den antiken Mädchenstatuen, den sogenannten Koren, nachempfunden, wurden in der hellenistischen Architektur in der Zeit zwischen ca. 430 bis 370 v. Chr. anstelle von Säulen verwendet. In der Kunstgeschichte wird diese Zeit auch als »Reiche Zeit« betitelt und bezeichnet einen manieristischen Stil innerhalb der spätklassischen Kunst. Der Begriff »Karyatiden« geht auf die Tänzerinnen der antiken Stadt Karya nahe Sparta zurück, die damit jedes Jahr die Göttin Artemis Karyatis verehrten.

Eine etwas abweichende Erklärung liefert u. a. der römische Baumeister Vitruv, der in seinem Werk De architectura schreibt, dass die Männer von Karya, nachdem sie mit den Persern kollaboriert hatten, von den Griechen getötet wurden; die Frauen der Stadt wurden als Sklavinnen verschleppt, und ihnen zu Ehren bezeichnete man fortan diese Stützstatuen als »Karyatiden« – eine Geschichte, die mittlerweile von der Wissenschaft widerlegt und sehr komplex erörtert wurde, was hier aber zu weit führen würde.

Wie auch immer es sich mit der Herkunft des Wortes verhält, entscheidend ist, dass diese Karyatiden die Last der jeweiligen Gebäudedetails sehr anmutig direkt auf dem Kopf tragen und nicht wie ihre männlichen Pendants, die Atlanten, auf angewinkelten, starken Armen. Diese wunderschönen, graziösen Frauen spielten also, im wahrsten Sinne des Wortes, eine sehr tragende Rolle!

Zwischen 421 und 406 v. Chr., einige Zeit nach dem Parthenon, dessen Bau um 432 v. Chr. beendet war, errichtete man im nördlichen Bereich des Felsenplateaus das der Stadtgöttin Athena Polias zugedachte Heiligtum Erechtheion. Sein Name geht zurück auf den mythischen König Erechtius I., dessen Palast an dieser Stelle gestanden haben soll. An der Südseite des Erechtheions ist eine kleine Korenhalle angefügt, deren Dach von 6 Karyatiden getragen ist.

Kennzeichnend für diese Statuen ist die aufrechte Haltung mit herabhängenden Armen (oder einem angewinkelten Arm) und einem leicht vorgestellten Bein. Auffallend sind der Pelops, der den Körper in reichem Faltenwurf umspielt, und die kunstvolle Haartracht.

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Diese weiblichen Stützfiguren waren recht einflussreich in der Architekturgeschichte. Bereits in römischer Zeit findet man sie wieder, z. B. im Forum von Kaiser Augustus in Rom oder in der Hadrian-Villa in Tivoli. Später dann wurden sie in der Strömung des Manierismus des 16. Jahrhunderts oft kopiert, und noch bis ins 19. Jahrhundert kann man solche Karyatiden mit gewissen Abwandlungen im Klassizismus oder im Jugendstil wiederfinden.

Die Karyatiden, die wir heute am Erechtheion erblicken, sind natürlich Repliken. Zwischen 1979 und 1987 wurden die Originale wegen der zunehmenden Schäden durch die Umweltverschmutzung in das damalige Akropolis-Museum überführt. Im neuen Museum haben sie einen ganz prominenten Platz gefunden, der es den Besuchern erlaubt, sie von allen Seiten genau zu betrachten. Erst wenn man so dicht vor ihnen steht, werden einem die Größenverhältnisse bewusst – die Karyatiden sind 2,27 m hoch –, und auch jetzt erst kann man all die Details dieser bezaubernden Statuen erkennen. Zu ihrer Zeit waren sie noch farbig – wie so viele andere antiken Skulpturen auch –, erst der Zahn der Zeit hat die kräftigen Farben getilgt. (Wie die farbigen Skulpturen der Antike ausgesehen haben könnten, wird im Museum übrigens an einem Beispiel sehr schön demonstriert.) Für mich immer wieder faszinierend ist auch die Haartracht der Akropolis-Karyatiden, diese so kunstvoll aus dem Stein gemeißelten Flechtfrisuren. Im Jahr 2009 startete eine Professorin der Fairfield University Connecticut sogar das »Caryatid Hairstyling Project«, bei dem sie herausfand, dass diese Frisuren nicht einfach eine freie Inspiration des Künstlers waren, sondern durchaus der realen damaligen Haartracht im 5. Jh. v. Chr. entsprachen.

© deposit

Dass der Platz der sechsten Karyatide im Museum noch immer leer ist, erklärt sich ganz einfach: Zwischen 1801 und 1812 ließ Thomas Bruce, der 7. Earl of Elgin (schlicht bekannt als Lord Elgin), die Hälfte der intakten Artefakte u. a. des Parthenons, des Erechteions und der Propyläen abmontieren und ins Britische Museum nach London bringen, wo sie seit 1817 ausgestellt sind. So fand auch eine der Karyatiden ihren Weg nach England. Schon damals wurde Elgins »Tat« heftig diskutiert und fand prominente Befürworter (u. a. Goethe) und Gegner (u. a. Lord Byron).

Die Kontroverse um die Rückgabe der »Elgin-Marbles« hält bis heute an, zu kompliziert ist die Sachlage, immer wieder gibt es allgemeine Petitionen und Aufforderungen seitens der griechischen Regierung, die aber bisher zu keiner Einigung geführt haben und vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht dazu führen werden. Und so steht man im Akropolis-Museum eben immer noch vor nur fünf Karyatiden. Wer die sechste (und weitere bedeutende Akropolis-Artefakte) sehen will, muss sich nach wie vor nach London begeben …

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