Die Frucht der Persephone

 

 

 

 

von Andrea Strobl

 

 

Die Vorweihnachtszeit ist in Griechenland Granatapfelzeit. Ehe man sichs versieht sind ab Ende Oktober die Wochenmärkte überschwemmt von dieser wunderbaren Frucht …

 

Granatapfelbäume wachsen hier überall – sogar in Athen, am Straßenrand oder in den kleinen Vorgärten. Und oftmals »klaut« man einige im Vorbeigehen, sind sie doch auch eine wundervolle Dekoration, die zur Weihnachtszeit hier einfach dazugehört. Nicht selten sieht man sie dann schon im November in den Häusern – schön arrangiert in Schalen mit Zimtstangen und Sternanis zur Einstimmung auf die Weihnachtszeit …

Der Granatapfelbaum kam einstmals aus Persien und fand von dort seinen Weg nach Griechenland und in viele andere Länder. In der griechischen Mythologie ranken sich unzählige Geschichten um diese Frucht, die u. a. den Göttinnen Athene, Aphrodite und Hera als Symbol zugeordnet wurde. Der berühmteste Mythos erzählt vom Raub der schönen Persephone, Tochter des Zeus und der Demeter: Als sich Hades, der Gott der Unterwelt, in Persephone verliebt, bittet er seinen Bruder Zeus um die Hand Persephones, die jedoch nicht freiwillig in die Unterwelt gehen will. So entführt Hades sie kurzerhand (mit Einverständnis des Zeus) und nimmt sie mit sich in die Unterwelt. Ihre Mutter Demeter ist daraufhin so erzürnt, dass sie auf Erden keine Frucht mehr gedeihen lässt und die Menschen in großes Elend stürzt.

Zeus und die restlichen olympischen Götter versuchen, Demeter zum Umdenken zu bewegen, aber die stellt als Bedingung, dass Persephone aus der Unterwelt zurückkehre. So schickt Zeus den Götterboten Hermes zu Hades, um Persephone zurückzubringen. Grimmig willigt Hades ein, gibt Persephone jedoch vorher noch vier Granatapfelkerne zu essen. Als Demeter davon erfährt, wird ihr klar, dass sie Persephone nicht auf dem Olymp wird halten können, denn niemand, der von dieser Frucht aß, konnte lange auf Erden verweilen. So schlägt Zeus vor, Persephone solle in den vier Wintermonaten (so viele Monate, wie sie Granatapfelkerne gegessen hatte) bei ihrem Ehemann in der Unterwelt bleiben und die restlichen Monate bei den olympischen Göttern. Alle geben sich schließlich damit zufrieden, Demeter lässt Bäume und Pflanzen auf Erden wieder gedeihen und die Not der Menschen hat ein Ende. [1]

So also wurde der Granatapfel zum Symbol für den kommenden Winter, aber auch für das Wiedererwachen der Natur im Frühling. Deshalb spielt er auch an Weihnachten und Neujahr eine große Rolle, und nur zu gern werden Granatäpfel in allen möglichen kunsthandwerklichen Formen an Weihnachten und Neujahr als Glücksbringer verschenkt. Granatäpfel werden heute überall im südeuropäischen Raum angebaut, vor allem in Spanien, wo die Stadt Granada nach dieser Frucht einstmals benannt wurde. Auch in der Kunst wurde der »Raub der Persephone« ein beliebtes Sujet, und auf vielen Darstellungen der Persephone (bzw. der Proserpina, wie sie in der römischen Mythologie heißt) sind auch Granatäpfel zu sehen.

Kunsthandwerk © Andrea Strobl

Aber natürlich haben die Granatäpfel nicht nur symbolische oder dekorative Bedeutung, sondern vor allem in der griechischen Küche finden sie vielfältige Verwendung. Und so werden in der Vorweihnachtszeit mit Hingabe und viel Geduld in so mancher Küche Granatapfelkerne »gepult« …

Sie werden reichlich über Salate aller Art gestreut, man kann wunderbare Marmelade daraus machen oder ein sehr süßes Kompott, das hier meist zu einer Tasse Mokka gereicht wird. Aber die Granatapfelkerne ergeben vor allem einen köstlichen, leicht herzustellenden Likör. Dazu benötigen Sie:

Kerne von 6 Granatäpfeln

½ l Cognac

1 l Vodka

600 g Zucker

1 Zimtstange

Alle Zutaten in ein luftdicht schließendes Glas geben, 20-25 Tage ziehen lassen und immer wieder schütteln, damit sich der Zucker gut auflöst. Nach dieser Zeit den Likör durch ein Leintuch gießen und in Flaschen abfüllen[2]. Για μας – zum Wohl!

Granatapfel, © Barbara Dedié

 

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Fußnoten
[1] https://argolikivivliothiki.gr/2019/01/04/pomegranate/ [9.11.22]

[2] https://www.argiro.gr/recipe/liker-rodi/ [9.11.22]

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