Das Museum der geretteten Kunst

 

von Caterina Panetta

Die Eröffnung des Museums der geretteten Kunst in den Diokletiansthermen

In einer Stadt wie Rom gibt es viel zu entdecken. Ich würde sogar sagen, dass ein einziges Leben nicht ausreicht, um diese Stadt kennenzulernen. In Luigi Pirandellos Werk Die Wandlungen des Mattia Pascal beschreibt die Figur des Anselmo Paleari Rom als »eine traurige, tote Stadt […] Eingeschlossen in den Schlaf seiner majestätischen Vergangenheit, will sie nichts mehr von diesem armseligen Leben wissen, das sich erdreistet, herumzuwimmeln. Wenn eine Stadt ein Leben gehabt hat wie das Roms, mit so scharf ausgeprägtem und besonderem Charakter, so kann sie nicht eine moderne Stadt werden, das heißt eine Stadt wie jede andere. Rom liegt dort mit seinem großen, gebrochenen Herzen an den Schultern des Kapitols […].

Die Päpste hatten – nach ihrer Art, versteht sich – ein Weihwasserbecken daraus gemacht; wir Italiener haben nach unserer Art einen Aschenbecher daraus gemacht. Aus jedem Lande sind wir hierhergekommen, um die Asche unserer Zigarre hier abzustreifen, die das Symbol der Nichtigkeit dieses unseres elenden Lebens ist und des bitteren und giftigen Vergnügens, das es uns gibt.«[1] Ein gnadenloses Urteil, das sich auf die Folgen der Vereinigung Italiens bezieht, nämlich die Zerstörung des Stadtgefüges durch Bauspekulationen und eine massive Einwanderung nach der Umwandlung Roms in die Hauptstadt Italiens. Jeder Römer weiß, dass diese Beschreibung auch heute noch zutiefst wahr ist. Eine Wahrheit, die aus den typisch italienischen Widersprüchen und ihrer verwirrenden Komplexität besteht. Denn Rom ist eine riesige, überfüllte, chaotische und oft auch unorganisierte Stadt mit Problemen, die so alt sind wie sie selbst.

Doch in diesem komplizierten, oft zu lautem Großstadtdschungel verstecken sich Oasen der Stille, die mich staunen lassen – halbunbekannte Orte voller Geheimnisse, die Paolo Sorrentino im Film Die große Schönheit meisterhaft beschrieben hat. Alte, verfallene Villen mit Fresken, dekadent scheinende Gärten mit üppig wachsenden, mediterranen Bäumen, halbleere Museen, in denen ältere, adlige Damen nach Feierabend unter antiken Statuen Karten spielen, kaiserliche Ruinen, zwischen denen an Sommerabenden Opernaufführungen oder Lesungen stattfinden. Rom ist all das und natürlich noch viel mehr. Eine Stadt mit tausend Gesichtern, alt und modern zugleich, zusammengesetzt aus vielen Teilen wie ein Puzzle. Ein gigantisches Puzzle jedoch, dessen Zusammensetzung das Werk eines Lebens wäre. Aber das ist nicht das, worüber ich hier sprechen möchte.

Achteckige Innenhalle der Diokletiansthermen, © hiddengemswithcathy

Vielmehr möchte ich von einem dieser unbekannten Orte erzählen, die heute noch reich an Atmosphäre und Geschichte sind und wo man selten auf Touristenscharen stoßen wird. Er befindet sich in einem Stadtviertel des 19. Jahrhunderts, nur wenige Schritte von der gigantischen Piazza della Repubblica und Michelangelos Kirche S. Maria degli Angeli entfernt: Direkt neben der Fakultät für Erziehungswissenschaften, der Universität Rom III (Università degli studi di Roma Tre), wurde am 15. Juni 2022 eine neue Abteilung des Nationalen Römischen Museums eingeweiht, das Museo dell Arte Salvata (Museum der geretteten Kunst). Das neue Museum befindet sich innerhalb der imposanten Ruinen einer altrömischen Halle der Diokletiansthermen. Es handelt sich um eine Sonderausstellung von Kunstobjekten und archäologischen Funden, die gestohlen, verloren, illegal verkauft und außer Landes gebracht wurden und die im Auftrag des Staates zum Schutze des kulturellen Erbes wiedererlangt werden konnten. Diese Funde sind hier nur für eine begrenzte Zeit zu sehen, bevor sie in den Museen ihrer Ursprungsregionen eine endgültige Unterkunft finden werden.

Attische schwarzfigurige Amphoren aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, © hiddengemswithcathy

Jahrelang fand die Ausstellung der wiedergewonnenen Werke in den Sälen des Palazzo Barberini statt. Schließlich wurde jedoch beschlossen, für diese bei den Römern sehr beliebte Veranstaltung einen Ort zu finden, der besser geeignet war. Daher kam man auf die Idee, dafür die Aula Ottagona (oktagonischer Saal) in den Diokletiansthermen aus dem 4. Jh. n. Chr. zu verwenden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Halle schon auf die unterschiedlichsten Arten verwendet: als Kirche, Getreidespeicher, Öllagerstätte, Turnhalle, Vorführraum und Planetarium, bis sie nach mehreren Restaurierungen (das letzte Mal in den achtziger und neunziger Jahren) ihre heutige Form als Ausstellungsstätte gefunden hat.

Ich kam im Jahr 2002 zum ersten Mal in die Aula Ottagona, als ich in der nebenan liegenden Universität Kunstgeschichte studierte. An zahlreichen Samstagmorgen organisierte mein Professor für uns Studenten regelmäßig Führungen in den römischen Museen, in denen antike Statuen ausgestellt waren. In der Aula Ottagona sah ich zum ersten Mal den »Boxer«, ein Meisterwerk der hellenistischen Bronzeplastik, der heute im Palazzo Massimo ausgestellt ist. Seitdem hat sich natürlich vieles verändert und auch der Saal war für mehrere Jahre geschlossen, bis es seine heutige (und hoffentlich endgültige) Funktion gefunden hat.

Mit der Wahl, dieses alte Frigidarium in den Sitz des neuen Museums zu verwandeln, bin ich vollkommen einverstanden. Die antiken Mauern erhalten heute noch die originalen Nischen, in denen während der Römerzeit Statuen von Athleten, Helden und Gottheiten ausgestellt waren. Auch die Kuppel ist noch im Originalzustand erhalten, wohingegen die Stuckdekoration der Decke und die Marmorwandeinlagen verlorengegangen sind. Wir stehen hier vor einem imposanten Beispiel antiker römischer Architektur: ein luftiger und ruhiger Raum, der den nach und nach ausgestellten Werken ein eindrucksvolles Umfeld bieten wird.

Der Name Arte Salvata (gerettete Kunst) ergibt sich aus dem Bedürfnis, die Geschichte dieser Werke zu erzählen: ihre Herkunft aus illegalem Handel, Grabraubzerstörungen oder dem Diebstahl aus Erdbebengebieten und wie sie dank der Arbeit von Institutionen wie   ISCR, Opificio delle Pietre Dure (Werkstatt der Halbedelsteine) oder ICPAL und zugleich unter Hilfe der UNESCO und dem Carabinieri-Kommando für den »Schutz des Kulturerbes der Gemeinschaft« zurückgegeben werden konnten. Seit 1969, dem Bestehen des Kommandos, gelang es den Carabinieri, mehr als drei Millionen Werke aus unerlaubten Ausgrabungen sowie aus Schmuggelei und Hehlerei nach Italien zurückzubringen. Doch wie finden die Carabinieri geraubte Kunstgegenstände, die sich heute im Ausland befinden?

Tafeln der Magna Graecia (Apulien) aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., © Chiddengemswithcathy

Das wichtigste Instrument ihrer Arbeit ist eine riesige Datenbank, die im Laufe der Jahrzehnte erstellt wurde und die die geraubten Werke anhand der zugehörigen Dokumentation auflistet und die unerlässlich ist, um die illegale Herkunft der Artefakte nachzuweisen und ihre Beschlagnahme zugunsten des italienischen Staates zu erreichen. Allerdings muss man auch sagen, dass sich die internationale Zusammenarbeit zwischen Italien und mehreren renommierten Museen in den letzten Jahren intensiviert hat. Angesichts ihrer Verhaltenskodizes für Neuerwerbungen sind verschiedene Institute selbst mit dem Kulturministerium und den Carabinieri in Kontakt getreten, um die legale Herkunft ihrer Werke überprüfen zu lassen. Dies war etwa der Fall beim Metropolitan Museum of Art in New York und der darauffolgenden Zurückgabe des Euphronios-Kraters (6 Jh. v. Chr.), der 1971 aus einem Grab in Cerveteri geplündert wurde. Auch das Fine Arts Museum in Boston retournierte die Marmorstatue von Vibia Sabina, der Ehefrau Kaisers Hadrians, die sie auf Fotos erkannten, die im Freihafen von Genf beschlagnahmt wurden. Im Laufe der Jahre ist es auch gelungen, eine Bestätigungsmethode für den Erwerb weiterer archäologischer Funde einzuführen, die unter anderem auf dem Informationsaustausch zwischen Italien und anderen Ländern beruht.

Im Mittelpunt der ersten Ausstellung stehen archäologische Funde, die während zweier voneinander unabhängiger Prüfverfahren ans Tageslicht gekommen sind: 2021 in den Vereinigten Staaten und 1995 in Basel. Die Sammlung aus den USA umfasst verschiedene Terrakottawaren aus der vorrömischen Zeit, darunter Votivobjekte, Bankettvasen und Stirnziegeln (wahrscheinlich von Tempeln), die ursprünglich aus Mittel- und Süditalien stammen. In Basel hingegen wurden sehr seltene Werke wiedergewonnen wie Amphoren, Krater, Oinochoe, Kantharos, Trozelle, Figurvasen, Votivstatuen, Marmor- und Bronzestatuen, die insgesamt einen Wert von mehr 50 Millionen Euro darstellen.

Über das archäologische Umfeld dieser Artefakte ist nichts bekannt, da sie höchstwahrscheinlich durch Plünderungen ans Licht kamen. Diese Tatsache hindert uns leider vorläufig noch daran, ihre historische Bedeutung vollständig zu verstehen. Außerdem ist es nicht auszuschließen, dass einige dieser Kunstwerke gefälscht sind, was angesichts des unglaublich guten Erhaltungszustands bzw. der besonders lebendigen Farben einiger Exponate wahrscheinlich scheint. Um mehr darüber zu erfahren und die Authentizität dieser Funde zu bestätigen, werden noch weitergehende Untersuchungen (archäologisch, chemisch, typologisch und stilistisch) notwendig sein.

Römische Kopie eines griechischen Originals, das möglicherweise Artemis darstellt, 2. v. Chr., © hiddengemswithcathy

Die gefundenen Fragmente von Bechern mit roten Figuren (Magna Graecia – Apulien) aus dem 5. Jahrhundert, © hiddengemswithcathy

Allerdings ist das lediglich die erste aus einer Reihe an Ausstellungen, die an diesem neuen Standort stattfinden werden. Man wird die Werke im Laufe der Zeit auswechseln, je nach Stand der Ermittlungs- und internationalen Rückgabemaßnahmen wie auch nach dem Grad des Fortschritts der Restaurierung der von Erdbeben und Überschwemmungen betroffenen Artefakte. Ziel dieser Initiative ist es, die Leistungen der Carabinieri bei einem breiteren Publikum bekannt zu machen, ihre Erfolge hervorzuheben und die Menschen zu sensibilisieren und auf den Wert des historischen Erbes Italiens und die Bedeutung seiner Erhaltung hinzuweisen.

Das Wort patrimonio (Erbe) kommt aus dem Lateinischen patris munus und bedeutet »Geschenk des Vaters«. Ein Geschenk das verteidigt und gerettet werden muss, gerade weil es ein Vermächtnis für heutige und zukünftige Generationen darstellt. Die Verteidigung des Erbes ist eine heilige und uralte Pflicht, die eng mit dem Totenkult verbunden ist. Noch im Jahr 2019 sagte Roberto Riccardo, ein General der Carabinieri: »Kunst in Italien nicht zu lieben gleicht einem Verbrechen: es ist die Voraussetzung ihrer Zerstörung. Die Kunst nicht zu verteidigen, wenn du Italiener bist, heißt, deiner eigenen Geschichte den Rücken zu kehren, deinen Vater und deine Mutter zu entehren.« [2]

Mehr von Caterina Panetta gibt es auf ihrer Website hiddengemswithcathy.com.

Fußnoten

1 … Pirandello, Luigi, Die Wandlungen des Mattia Pascal, Alf Hager Verlag, 1925.

2 … Riccardi, Roberto, Detective dell’arte. Dai Monuments Men ai Carabinieri della culture, Rizzoli, 2019.  

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