Die Augsburger Puppenkiste und das Heilig-Geist-Spital

 

von Christian Schaller

Die Augsburger Puppenkiste ist für viele eine schöne Kindheitserinnerung. Vor allem mit ihren Filmen erlangte sie bundesweite Berühmtheit in der Nachkriegszeit. Die Puppenkiste wurde bereits während des Zweiten Weltkriegs von der Familie Oehmichen gegründet. Nach der Zerstörung der Stadt und dem Kriegsende fand die Familie einen neuen Aufführungsort in den Räumen des Heilig-Geist-Spitals im Süden der Augsburger Altstadt. Im Jahr 1948 begann das Marionettentheater wieder. Bis heute werden Märchen und lustige Kindergeschichten, aber auch ernstere Schauspiele dargeboten. Nach einem Umbau bis 2001 wurden die Räumlichkeiten erweitert und das Puppentheatermuseum wurde gegründet. Doch neben der Berühmtheit der Puppenkiste ist auch das Gebäude, in dem es seit jeher untergebracht ist, eine wichtige Sehenswürdigkeit mit einer reichen historischen Vergangenheit.

© Christian Schaller

Augsburg stieg im späten Mittelalter zu einer Handelsmetropole auf. Dies bedeutete vor allem Wohlstand und Macht. Das bezog sich allerdings nur auf die elitäre Oberschicht, den Stadtadel und die Kaufleute sowie einige wenige Handwerker. Die Schere zwischen Arm und Reich war gewaltig und bis zur Renaissancezeit, der goldenen Blütezeit Augsburgs, wuchs sie immer weiter an. Im vom Christentum geprägten Europa entwickelte sich darum schon früh eine regelrechte Spenden- und Stiftungsökonomie.

Jeder wohlhabende Mensch, der etwas auf sich hielt, gab den Armen und Kranken etwas von seinem Geld, denn gute Taten ebneten schließlich den Weg in das Himmelreich. Und Angst vor dem Fegefeuer hatte quasi jeder. So stiftete Jakob Fugger, um 1500 der reichste Mann Europas, mit der Fuggerei eine gesamte Stadt in der Stadt.

Die Bewohner sollten jeden Tag dreimal für ihn beten, um seine Zeit im Purgatorium zu verkürzen. Doch neben privater Mildtätigkeit gab es auch städtische Einrichtungen, um die Kranken und Alten der Reichsstadt zu versorgen. Das Heilig-Geist-Spital am Roten Tor kann ohne Zweifel als älteste dieser Institutionen gelten. Sie führt sich zurück auf eine Gründung durch den heiligen Bischof Ulrich im zehnten Jahrhundert. Ulrich gilt bis heute als wichtigster Stadtpatron. Er ist der erste Heilige, der durch den Papst kanonisiert wurde. Der heutige Name des Spitals ist ab der Mitte des 12. Jahrhunderts belegt. Dieses hochmittelalterliche Gebäude lag noch außerhalb der Stadtmauern, vor dem Graben am Roten Tor.

Erst im 16. Jahrhundert wurde ein spätgotisches Gebäude an der heutigen Stelle, also direkt innerhalb der Stadtmauern rund um das Rote Tor errichtet. Damit lag das Spital an einer der wichtigsten Straßen, die von Italien im Süden kommend in die Stadt mündeten und von dort in das Zentrum führten. Schon ab dem Mittelalter war die Hospitalstiftung finanziell äußerst gut aufgestellt. Sie besaß große Ländereien und Lehen in der gesamten Region um Augsburg. In vielen bayerisch-schwäbischen Dörfern finden sich bis heute Spuren der Heilig-Kreuz-Besitzungen während des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Zahlreiche Ortschaften nahmen das Wappen des Spitals – die Farben Rot und Weiß sowie die Taube und das Radkreuz – in ihre Dorfwappen auf.

Als der Vorgängerbau um 1600 einstürzte, wurde der Baumeister Elias Holl mit einem Neubau beauftragt. Er schuf bis 1631 eine repräsentative Vierflügelanlage im Stil der Renaissance, wobei der Westflügel erst von Holls Nachfolger Jörg Höbel umgesetzt werden konnte. Vor allem die schlichte Straßenfassade mit ihrem Portal und den zahlreichen, von Fenstern unterbrochenen Giebeldach schafft einen interessanten Akzent, der zum hohen Turm des Roten Tores hinleitet.

© Christian Schaller

Nach dem Westfälischen Krieg wurde Augsburg zu einer bikonfessionellen Reichsstadt, sodass auch die Heilig-Geist-Stiftung nun paritätisch verwaltet wurde – also gleichermaßen von Katholiken und Protestanten. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches und dem Reichdeputationshauptschluss von 1803 wurde das Geld der Stiftung eingezogen, das Gebäude wurde allerdings als Spital weitergeführt. In der Gegenwart wird das Ensemble zwar nicht mehr direkt als Krankenhaus genutzt, es sind aber neben der Puppenkiste auch zahlreiche Seniorenwohnungen, eine Tagespflege und Ateliers darin untergebracht.

Literatur

– Gottlieb, Gunther / u.a. (Hg.): Geschichte der Stadt Augsburg. Von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984.

– Hagen, Bernt von / Wegener-Hüssen, Angelika: Stadt Augsburg. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Denkmäler in Bayern, Bd. VII.83). München 1994.

– Lengle, Peter: Das Augsburger Heilig-Geist-Spital. In: Walter Pötzl (Hg.): Der Landkreis Augsburg. Band 3: Herrschaft und Politik – Vom Frühen Mittelalter bis zur Gebietsreform. Landratsamt Augsburg, Augsburg 2003, S. 206–215.

– Schülke, Yvonne (Hg.): artguide Augsburg. Kunst-, Kultur- und Stadtführer. Augsburg 2008.

 

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