Der Schöne Brunnen

von Anja Weinberger

Der Schöne Brunnen am Nürnberger Hauptmarkt ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der fränkischen Stadt und in unserer heutigen Zeit vermutlich auch eine der rätselhaftesten für die meisten Betrachterinnen und Betrachter.

Der Brunnen steht in der nordwestlichen Ecke des großen Marktplatzes, erinnert in seiner Form an eine gotische Kirchturmspitze und reckt sich mehr als 18 Meter in den fränkischen Himmel. Hier befand sich bis zum Pestpogrom das jüdische Ghetto und in der Regierungszeit Kaiser Karls IV. entstand ein erster Plan für einen Brunnen am neu entstandenen Marktplatz.

Der Kaiser starb 1378 und wenige Jahre später ging es los. Der Steinmetz Heinrich Beheim vollendete das neue Bauwerk schließlich 1392.

Der Schöne Brunnen, © pixabay

Diese nach oben immer schlanker werdende Konstruktion besteht – oder bestand – größtenteils aus bemaltem Schilfsandstein, ist über und über mit Strebepfeilern, Baldachinen, Konsolen, Fialen, Krabben, Kreuzblumen und 40 bunt gekleideten männlichen Figuren besetzt. In der Zeit seiner Fertigstellung war der Schöne Brunnen für die Davorstehenden ein offenes Buch – heute können die wenigsten lesen, was hier erzählt werden soll.

Um besser zu verstehen, worum es geht, müssen wir uns viele Jahrhunderte zurückversetzen.

Wer sind diese 40 Persönlichkeiten, die den Schönen Brunnen zieren?

In der Welt des Spätmittelalters und auch noch viele Jahrzehnte später war der öffentliche Raum frei von Schriftzeichen.

Häufig zu sehen aber waren Figuren mit Attributen, Zeichen, Wappen und manch andere Symbole, deren Bedeutungen den Menschen der Zeit geläufig waren und die mündlich von einer Generation in die nächste weitergegeben wurden.

Solch eine Häufung erzählerischen Inhalts aber, wie hier am Brunnen im fränkischen Nürnberg, war auch für die damalige Zeit ungewöhnlich; außerdem stellte fließendes Wasser auf einem öffentlichen Platz in einer mittelalterlichen Stadt die Ausnahme dar, war aus technischer Sicht schwer zu bewerkstelligen. Der Schöne Brunnen mit den acht von Löwenmäulern gehaltenen Wasserzuläufen ins steinerne Becken hatte seinen Namen dementsprechend bald gefunden.

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Die Acht ist in der christlichen Symbolik die Zahl des Neuanfangs und demnach auch die Verkörperung der Auferstehung und der Taufe.

So fügt es sich gut, dass der Schöne Brunnen auf der Grundfläche eines Achtecks in den Himmel strebt. Im Zusammenhang mit der nicht lange zuvor beurkundeten Goldenen Bulle (1356) sollte er so außerdem auf die Regierungszeit des Kaisers als neue Zeit des Heils und der Wohlfahrt hinweisen.

Nun erschließt sich uns die Konstruktion schon leichter.

Der Schöne Brunnen, © pixabay

Das oberste figurenbesetzte Stockwerk, noch deutlich unter der Spitze des Brunnens, verweist auf Recht und Gesetz. Die wichtigste Gestalt ist hier oben, schon ganz nah am Himmelsblau, Mose mit der Gesetzestafel, die in großen römischen Ziffern die Gebote enthält. Neben ihm zu sehen sind sieben Propheten des Alten Testamentes, welche uns mit ihren gewundenen Schriftbändern Empfehlungen entgegenhalten.

 

Der Schöne Brunnen, © pixabay

Im unteren, wesentlich besser erkennbaren Geschoss stehen in Paaren sieben Kurfürsten und neun „gute Helden“ der Vergangenheit. Namentlich finden wir da für das Christentum König Artus, Karl den Großen und Gottfried von Bouillon. Für das Judentum bevölkern den Brunnen Judas Makkabäus, König David und Josua. Nun fehlen noch die drei Vertreter für die heidnische Antike: Julius Cäsar, Hektor von Troja und Alexander der Große nehmen hier ihre Plätze ein. Diese neun Helden sollten den Kurfürsten als gutes Beispiel dienen und ihnen stets als deutliche Mahnung vor Augen stehen.

Am Beckenrand haben noch einmal acht Paar Platz genommen. Dies sind, weiter innen, die vier Evangelisten und die vier Kirchenväter und, weiter außen, die sieben freien Künste (Rhetorik, Dialektik, Grammatik, Musik, Astronomie, Geometrie und Arithmetik), die durch Sokrates als Stellvertreter für die Philosophie verstärkt werden.

 

Ein kleiner Einschub, quasi ein „Who’s who“, oder die Frage danach, wer was tat:

Die vier alttestamentarischen „großen“ Propheten Jeremia, Jesaia, Ezechiel und Daniel werden von den „kleinen“ Propheten Hosea, Joel und Amos begleitet; sie gelten seit jeher als Verkünder der Botschaft Gottes. Ihnen ist Mose als der von Gott Beauftragte zur Seite gestellt.

Die sieben abgebildeten Kurfürsten sind die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Markgraf von Brandenburg, der König von Böhmen und der Kurfürst von Sachsen. Diese galten als ranghöchste Fürsten des Heiligen Römischen Reiches und sie allein waren berechtigt, den König zu wählen. Seit der Mitte des 10. Jahrhunderts war dieser König i. A. römisch-deutscher Kaiser.

Auch die Gruppe der „guten Helden“ war allseits bekannt und symbolisierte Tugendhaftigkeit, Mut, Ehre und ritterliche Tapferkeit. Im städtischen Kontext versinnbildlichten sie hauptsächlich die „gute Regierung“.

Die vier Evangelisten Markus, Lukas, Johannes und Matthäus sind bekannt als die neutestamentarischen Autoren schlechthin, denn sie schrieben das Leben Jesu nieder. Häufig werden sie auch von ihren geflügelten Symbolen (Löwe, Stier, Mensch, Adler) begleitet oder sogar durch sie vertreten.

Auch die vier lateinischen Kirchenväter Gregor der Große, Ambrosius von Mailand, Hieronymus und Augustinus von Hippo sind christliche Autoren, deren Werke maßgeblich zum Selbstverständnis der christlichen Welt beigetragen haben.    

Die sieben Freien Künste schließlich galten seit der Antike als Maßstab für gute, fundierte Bildung.

Der Schöne Brunnen, © pixabay
Selbstverständlich muss auch auf die alltägliche Bedrohung durch das Böse in der Welt hingewiesen werden. Fratzen, wie wir sie ebenso oftmals am Außenbau oder am Eingangsbereich von Kirchen finden, tun uns diesen Gefallen.

Man kann sich gut vorstellen, dass einem Brunnen aus Sandstein keine unbegrenzte Haltbarkeit in die Wiege gelegt worden ist. Und tatsächlich.

Durch die hohe Feuchtigkeit musste der Schöne Brunnen häufig restauriert werden. Die Daten der Erhaltungsarbeiten sind überliefert: 1420, 1447, 1464, 1490 und 1540 wurde am Schönen Brunnen verputzt, gemalt, instandgesetzt. 1821 bis 1824 fand eine große Restaurierung statt, während der beinahe der ganze Brunnen abgetrage und neu aufgebaut wurde. Heute sehen wir eine deutlich widerstandsfähigere Kopie aus Muschelkalk vor uns. So wurde im Lauf der Jahrhunderte aus dem 1587 beigefügten schmiedeeisernen Gitter der älteste Teil des Schönen Brunnens.

Der Schöne Brunnen, © pixabay
Dieses Gitter, vom Augsburger Schlossermeister Paulus Kuhn angefertigt, hat viel zur Berühmtheit des Brunnens beigetragen. Auch dieses Gitter ist überreich an Ranken, Arabesken, Wappentieren und floralen Formen. Kaum nachvollziehbar sind die Schnörkel und Windungen, die geometrischen Figuren und aufgesetzten Schmuckelemente. Am faszinierensten ist für die Besucher jedoch der drehbare Ring im schmückenden Gitter. Laut Legende geht ein Wunsch in Erfüllung, dreht man an ihm.

Auf der gegenüberliegenden Seite, im Nordosten, hat man bei der kunsthistorisch motivierten Restaurierung im Jahr 1903 einen weiterer Ring eingefädelt. Damals wurden auch die vier sitzenden Figuren auf den, warum auch immer, neu hinzugefügten Kipprohren angebracht. Mit dem Trommler, dem Gitarristen, dem Hornbläser und dem Bogenschützen, die ihre Vorbilder eindeutig in der Renaissance finden, hat sich die Bevölkerungszahl des Schönen Brunnens auf 44 erhöht.

Während des Zweiten Weltkrieges ist es gelungen, den Schönen Brunnen durch eine Ummauerung zu schützen. Um ihn herum war nach den alliierten Bombenangriffen eine Wüste.

2015/2016 fand die letzte Sanierung statt. Ein gutes Jahr lang verschwand der Brunnen hinter einer Plane mit seinem Ebenbild.

Der Schöne Brunnen am Nürnberger Hauptmarkt stellt eine Kurzfassung des mittelalterlichen Geschichtsverständnisses dar und demonstriert die Selbstwahrnehmung innerhalb der Ordnung des Heiligen Römischen Reichs.

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