Der Kurfürstendamm

 

 

 

 

von Christian Schaller

Der Kurfürstendamm

 

 

 

 

von Christian Schaller

Berlin ist eine Stadt der Kunst und Kultur, aber natürlich auch des Konsums. Wer hier shoppen gehen will, der kommt – natürlich – früher oder später an den berühmten Kurfürstendamm. Und das hat Tradition: Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist der Ku`damm ein repräsentativer Boulevard, der geschaffen wurde, um beim Flanieren zu sehen und gesehen zu werden.

Ursprünglich war der Damm allerdings genau das: Ein Dammweg durch die grüne Wiese, der in der Mitte des 16. Jahrhunderts angelegt wurde und vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald führte. Die Straße sollte das schnelle Hin- und Herreiten für den damaligen jagdbegeisterten Kurfürsten Joachim II. erleichtern. Lange Zeit war der kleine, befestigte Weg unbedeutend für die weitere Stadtentwicklung Berlins.

Die Siedlung an der Spree wuchs im Laufe der frühen Neuzeit dennoch beträchtlich in alle Himmelsrichtungen. Es war seit 1486 die Residenz- und Hauptstadt des Kurfürstentums Brandenburg, ab 1701 die Kapitale des jungen Königreichs Preußen und nach den deutschen Einigungskriegen schließlich auch ab 1871 die Hauptstadt des Deutschen Reiches. Es war Bismarck selbst, der die Bedeutung des Kurfürstendamms erkannte und betonte.

Das glanzvolle Zentrum Deutschlands, Herz eines Reiches und Sitz eines Kaisers, benötigte seines Erachtens eine mondäne Prachtmeile, um mit den anderen europäischen Hauptstädten mithalten zu können. Die ursprünglichen Planungen, den alten Dammweg in einen 25 Meter breiten Boulevard umzubauen, waren dem Kanzler zu wenig: Er plädierte für ganze 53 Meter. Am Ende der Straße sollte eine neue Villenkolonie namens Grunewald entstehen.

© Christian Schaller

Mit der Gründung einer Kurfürstendamm-Gesellschaft begann der Bau endlich zum Jahresende 1882. Die Eröffnung erfolgte 1886 und der Ku`damm avancierte rasch zu einer beliebten Wohngegend für die Reichen und Schönen Berlins. Die vornehmen Bewohner beschleunigten nur die Entwicklung des Boulevards. Immer mehr feine Vergnügungsangebote und Kaufhäuser siedelten sich hier an. Bis zum Ersten Weltkrieg war der Kurfürstendamm genau das geworden, was Bismarck geplant hatte – ein Aushängeschild der pulsierenden Metropole Berlin. Die Gelehrten und Künstler, die hier ein- und ausgingen, prägten die deutsche und europäische Kulturgeschichte. In den zahlreichen Cafés und Bars sowie auf den vielen Bühnen vor Ort tobte das kulturelle Leben. Gerade in der Weimarer Republik galt der Damm als Inbegriff der goldenen 20er Jahre.

Hier trafen sich die modernen Freigeister, die Kreativen und Intellektuellen. Hier provozierte man mit Freizügigkeit und innovativen Ideen. Es war ein internationaler Ort der Zusammenkunft und des guten Lebens.

Im nationalsozialistischen Regime, das bald folgen sollte, war dieser kosmopolitische Glanz natürlich alles andere als gewünscht, sodass die zunehmenden Reglementierungen des öffentlichen Lebens auch dem Ruf des Kurfürstendamms ganz empfindlich schadeten. Das wilde Kulturleben kam zum Erliegen, viele Menschen, darunter auch zahlreiche Juden, wanderten aus oder wurden vertrieben, inhaftiert und grausam ermordet.

© Christian Schaller

Zusätzlich erfolgten im Zweiten Weltkrieg dann auch weitreichende Zerstörungen. Dennoch brachte das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit einen erneuten Aufschwung: Der Ku`damm wurde wieder zu einem Habitat der Flaneure und während des Kalten Krieges geradezu zu einem „Schaufenster des Westens“. Nach dem Mauerfall konzentrierte sich Berlin zunehmend wieder auf sein altes, historisches Fenster, das jahrzehntelang durch die Mauer durchschnitten war. Die Bars, Cafés und Kinos am Ku`damm schlossen nach und nach. Der Boulevard entwickelte sich nun um die Jahrtausendwende zu einem Standort für exklusive Geschäfte, Designermarken und auch Hotels.

Einen visuellen Ankerpunkt bildet inmitten all der Neubauten sicherlich die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie wurde bis 1895 im Stil der Neoromanik erbaut, im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und als Ruine stehen gelassen, um als Mahnmal des Krieges zu dienen. In der Nachkriegszeit baute Egon Eiermann eine moderne Kirche um den zerstörten Turm herum.

Literatur

Rainer Haubrich: Der Kurfürstendamm. Eine kurze Geschichte des Berliner Boulevards. Berlin 2021.

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