Der Gardasee – schon die Anfahrt ist ein Traum

von Anja Weinberger

Egal wo genau in Deutschland oder Österreich die Reise beginnt – an manchen Etappenorten der nicht ganz 600km langen Strecke muss (oder darf) man zwischen mehreren verheißungsvollen Möglichkeiten wählen.

In unserem Falle, denn wir starten im Großraum Nürnberg, ist Folgendes die erste Gewissensentscheidung: Fahren wir über Garmisch oder über Kufstein, d.h. links herum um München oder rechts herum? Noch vor einigen Jahren ist die Entscheidung meist zu Gunsten Garmischs gefallen, denn unsere Tochter hatte im nahen Mittenwald eine Ausbildung zur Holzblasinstrumentenbauerin absolviert, und so konnten wir auf diesem Wege noch vor der Urlaubssehnsucht unsere Sehnsucht nach ihr stillen. Außerdem liegt zwischen Mittenwald und Innsbruck, sozusagen als Zugabe, der Zirler Berg mit herrlicher Aussicht.

Momentan jedoch fahren wir meist über Rosenheim und dann über Kiefersfelden/Kufstein hinein nach Österreich. Auf dieser Strecke darf man sich lange als Weggefährte des oft türkisfarbenen Inns fühlen. Ich finde das grandios.

Europabrücke, © onkelglocke

So oder so erreicht man schließlich Innsbruck und bald darauf den Brenner. Hier haben wir viele Jahre lang gerne Mittagspause gemacht, denn im Gasthof Vetter in Bad Brenner gab es köstliche Tris [1]. Wer das nicht kennt, muss sich dringend ein Tiroler Gasthaus suchen, dessen Koch dieses Gericht auf der Karte hat. Meist besteht es aus Spinatknödeln, Speck- oder Käseknödeln und handgemachten Ravioli, die hier Schlutzkrapfen heißen. In einer üppigen Pfütze heißer Butter, großzügig bestreut mit Parmesan hat man ein Gericht vor sich stehen, das bis zum späten Abend keinen Hunger mehr aufkommen lässt. Leider ist der Gasthof Vetter geschlossen und kein Nachfolger in Sicht.

Nun könnte man die Autobahn bezahlen und ist dann, falls kein Stau dazwischenkommt, nach knapp zwei Stunden Fahrzeit und 150 km italienischer Ingenieurskunst in Trient, dem italienischen Trento, der Stadt des Konzils von 1545, angekommen. Ein wirklich spektakulärer Höhepunkt in der oberitalienischen Landschaft ist unterwegs das Kloster Säben, thronend oberhalb des alten Städtchens Klausen [2]. Von der in luftiger Höhe verlaufenden Autobahn ist es gut zu sehen, zumindest für den Beifahrer. Es lohnt sich, vom alten Ortskern im Eisacktal aus über die Stufen hinaufzuklettern. In einer ganz anderen Welt ist man da plötzlich und in der üppigen und äußerst ungewöhnlichen Bemalung der Heilig-Kreuz-Kirche, die nur eine von drei Kirchen ist, fühlt man sich wie im Himmel.

Eine andere Möglichkeit wäre die Landstraße, die meist parallel oder unterhalb der Autobahn verläuft. So kommt man durch viele hübsche Städte und Städtchen wie z.B. Gossensass, Sterzing, Neustift, Brixen, Klausen, Bozen, Neumarkt und Sankt Michael. Ich habe hier schon vorsichtshalber meine im Eingangskapitel erwähnte rosarote Brille aufgesetzt, denn selbstverständlich gibt es auch in Italien Industriegebiete, unschöne Vororte und Geschmacksverirrungen, wie nahezu überall auf der Welt. Jedoch liegen sie eben auf unserem Weg zum Gardasee und da bin ich in dieser Hinsicht außerordentlich großzügig. Spricht mich dann die Kassiererin im wirklich hässlichen Supermercato auch noch auf Italienisch an, um sich dann über meine Antwort zu freuen, wie das nur Italiener können –  spätestens dann hat der Urlaub begonnen.

Auch auf der Landstraße erreicht man nach natürlich deutlich längerer Fahrt Trento, trinkt auf der herrlichen Piazza del Duomo einen Cappuccino und muss sich schon wieder zwischen zwei gleichermaßen einladenden Strecken entscheiden.

Die erste Möglichkeit: ab Trento Richtung Westen, über das Sarcatal nach Riva.

Gleich nach der Abzweigung wird klar, worauf man sich bei dieser Streckenführung eingelassen hat: Rauf geht’s in die Berge. Aber hat man es geschafft und stürzt sich auf der anderen Seite bei Vezzano in die Abfahrt, so wird man mit der Felsenwildnis der Marocche belohnt. Man wundert sich nicht, dass dieses Tal noch bis ins 19. Jahrhundert hinein unüberwindbar war, denn ein überaus gewaltiger Bergrutsch hat hier stattgefunden, nachdem sich die Gletscher der letzten Eiszeit langsam zurückgezogen hatten. Die Steinmassen bedecken weit mehr als 10 km² und formen diese futuristische Landschaft, in der mehrere kleine Seen versteckt sind. Schließlich passiert man das äußerst romantisch gelegene Castel Toblino, das an einem dieser Seen liegt und fragt sich, wer wohl das Glück hat, hier wohnen zu können. Das Gebäude ist in Privatbesitz, aber es  besteht die verführerische Gelegenheit, auf der Terrasse des kleinen Restaurants einen Cafe oder vielleicht gar einen Campari Soda zu trinken – schließlich muss ja nur einer das Auto steuern.

Kloster Säben © Philipp Mair

San Tommaso, Vergangenheit trifft Gegenwart © Anja Weinberger

Nach dieser Rast schlängelt sich die schmale Straße am Fluss entlang, passiert Sarche und Pietramurata, um schließlich unterhalb der Burgruine von Drena durch eine beinahe archaische  Landschaft zu führen. Ungefähr hier vereinen sich die drei (!) Straßen, die in unseren Tagen durch die Marocche geschlagen worden sind. Man kann sich vorstellen, dass nicht die größte die schönste ist. Wir bevorzugen meist die mittlere, diejenige, die am Lago di Cavedine vorbeiführt. Jedes Mal wieder sind wir überrascht, wie ruhig es hier ist, denn der Tourismus flutet ein wenig weiter im Westen auf der größten Straße an diesem hellblauen Juwel vorbei.

Weit ist es nun nicht mehr bis Arco, dem Örtchen, das schon Dürer in seinen Bann gezogen hat und dem hier bald ein paar Extra-Zeilen gewidmet werden.

Von hier aus passieren wir schließlich – nachdem man wieder die rosa Brille bemüht – die winzige Kirche San Tommaso, die früher einmal vollständig ausgemalt war und etwas verzagt am Straßenrand liegt. Das Kirchlein ist ein Musterbeispiel der romanischen Landkirchen Norditaliens und hat all das, was man von einer solchen erwartet: eine formschöne runde Apsis nämlich, einen schlanken Campanile mit gemauertem Helm und hübschen Biforien [3] und, wie es sich für die Romanik gehört, kaum durchfensterte Mauern. Die Busa ist das, durch die man hier fährt, eine sehr fruchtbare Ebene, die noch lange vom Wasser des Gardasees bedeckt war.

Bald hat man nun Riva erreicht – entweder durch den neuen Tunnel, dann wird man kurz vor dem See ausgespuckt, oder über die alte Landstraße, die uns durch den Ort führt. Riva ist eine Perle mit wechselvoller Geschichte. Demnächst mehr dazu …

 

Gardasee, Sarcamündung © Hans Braxmeier

Nicht hier in Riva an der westlichen Seite der Nordspitze des Gardasees kommt man an, sondern in Torbole an der östlichen, hat man in Trento den anderen, den zweiten, Weg gewählt.

Auf dieser Route verlässt man Autobahn oder Landstraße erst weiter südlich bei Rovereto. Man folgt dem Wegweiser mit der verführerischen Aufschrift »Lago di Garda« und gelangt nach Mori, vorbei am verlandeten Lago di Loppio, der Schauplatz einer der unvorstellbarsten Schiffstransporte der Geschichte war. Man ahnt es schon – da bahnt sich eine längere Geschichte an, die hier zu weit führen würde, denn schließlich wollen wir endlich ankommen.

Nago muss noch durchquert werden, das alte Städtchen mit seinen verwinkelten Gassen. Meist rauschen (oder stauen) die Touristenströme einfach durch, denn das Ziel liegt so nahe. Wir aber werfen einen wenn auch schnellen Blick auf die im 16. Jahrhundert neu erbaute und leider eher reizlose Kirche San Vigilio, die jedoch löblicherweise mit dem alten Glockenturm verbunden ist. Und der hat wirklich hübsche Biforien, eine für hier eher ungewöhnliche Turmspitze und ein romanisches Relief.

Nun zieht es uns weiter und wir erreichen endlich den kleinen Parkplatz, auf dem vermutlich schon Goethe stand, als er im September 1786 den See via Nago erreichte. Ein einzigartiges Panorama liegt vor uns. Der Blick schweift über den Nordteil des Sees, der noch zwischen hohen Felswänden liegt und wird von der dunstigen Helle im viel weiteren, großflächigeren Süden angezogen. Er schweift weiter über den Monte Brione, der aussieht wie ein versinkendes Schiff genau zwischen Torbole und Riva und über die Sarcamündung, die so gar nicht wildromantisch wirkt.

Aber das war einmal anders. In unseren Tagen wird das Wasser des Haupt-Gardasee-Zuflusses von der italienischen Elektrizitätsgesellschaft entnommen; früher jedoch war die Sarca ein wilder Fluss, der das einzigartige Sarcatal von der Adamello-Gruppe bis hin zum Gardasee geschaffen hat. Sieht man heute die riesigen Geröllhalden des Flussbettes, ist man recht überrascht von dem winzigen Rinnsal, den der Fluss Sarca den größten Teil des Jahres nur mehr zur Verfügung hat. Die seitlich begrenzenden Felswände des Tales, bei Arco besonders eindrucksvoll, sind spiegelglatt geschliffen – eine Folge des Jahrtausende andauernden Geschiebes der riesigen Gletschermengen.

Torbole © Anja Weinberger

Ein paar Straßenwindungen noch und wir sind in Torbole angekommen. Dieses Örtchen war schon immer bekannt für die steife Brise, die hier weht. Der Kenner in Form meines Ehemannes spricht von der »Düse von Torbole«.

Waren noch in römischer Zeit lediglich die heißen Quellen in Sirmione, also im Süden des Sees, ein Grund, mit dem Wasser freiwillig in Berührung zu kommen, so ist seit der Erfindung des Surfbrettes der Norden zum Eldorado der Wassersportler geworden.

Überall sind sie anzutreffen, die Windhungrigen. Auf jedem freien Fleckchen warten sie morgens auf den Pelèr [4] und nachmittags auf die Ora [5], nahezu jedes Auto hat einen Dachträger samt festgezurrtem Brett, überall flattern und rattern die bunten Segel, die in vielen Ecken zum Trocknen aufgestellt sind.

Wir sind angekommen.

Fußnoten und Literaturverzeichnis

1 … Tris kommt von »drei«.

2 … Ital. Chiusa

3 … Ein durch eine eingestellte Säule in zwei Teile geteiltes Fenster.

4 … Wind am Gardasee

5 … Wind am Gardasee

Literatur:

Pippke, Walter und Leinberger, Ida: Gardasee – Kunst und Geschichte im Zentrum des Alpenbogens, Ostfildern 2011

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