Der Annahof in Augsburg

 

 

von Christian Schaller

In der Kirche St. Anna wurden über Jahrhunderte die Reichen und Mächtigen der Reichsstadt beerdigt. Kein Wunder: In der angrenzenden Annastraße befand sich lange Zeit auch eine der ersten Wohnadressen der Stadt.

Doch wandelt man durch einen Torbogen, der von der Straße und an der Kirche entlangführt, gelangt man in einen prachtvollen Innenhof, der ebenfalls große Beachtung verdient, aber durch seine Ruhe und Abgeschiedenheit eben oft auch übersehen wird.

Der sogenannte Annahof ist nämlich ebenfalls ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde – im wahrsten Sinne des Wortes. Im Zuge der Reformation gründete sich in Augsburg bereits um 1531 eine städtische Lateinschule, die man im kurz zuvor aufgelösten Karmelitenkloster von St. Anna unterbrachte. Damit zählt die Einrichtung zu den ältesten in Bayerisch-Schwaben. Zudem vereinigte man die reichen Buchbestände der verlassenen Orden und führte sie 1537 zu einer städtischen Bibliothek zusammen.

Stadtschreiberei beim Leiermann – der Augsburger Stadtschreiber Christian Schaller

Der Schulleiter wurde zugleich zum Direktor dieser Sammlung erhoben. Das Gymnasium blühte in den folgenden Jahrzehnten auf, sodass man schon bald beschloss, dass die wertvollen Bücher in einer angemesseneren Form aufbewahrt werden sollten. Man errichtete das erste freistehende Bibliotheksgebäude der Neuzeit. Auch die renommierte Schule erforderte bald einen Neubau: Um 1615 vollendete der berühmte Stadtbaumeister Elias Holl das neue Annagymnasium. Die Schule mit ihrer angeschlossenen Stadtbibliothek war überregional berühmt und besaß eine exzellente Sammlung an wissenschaftlichen Instrumenten, Globen und anderen Gerätschaften.

Kein Wunder: Augsburg war in dieser Zeit eine Stadt der Wissenschaften und der Handwerkskunst. Doch gerade im 18. Jahrhundert avancierte die Einrichtung dann zu einer evangelischen Eliteschule. Berühmte Gelehrte, Theologen und Humanisten besuchten die Schule – eine stolze Traditionslinie, die im 16. Jahrhundert begann und sich bis in die Gegenwart fortzieht. Der wohl berühmteste Schüler war am Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch sicherlich Napoleon III., der von 1852 bis 1870 als Kaiser der Franzosen regierte.

© Ch. Schaller

Als die Souveränität der freien Reichsstadt Augsburg im Jahr 1806 endete und sie als Provinzstadt zum neuen Königreich Bayern geschlagen wurde, erfolgte zunächst eine Säkularisation. Dies betraf auch die konfessionell geprägten Schulen: Die protestantische Schule bei St. Anna wurde mit dem ehemaligen, katholischen Jesuitenkolleg St. Salvator vereinigt. Es dauert jedoch nur kurze Zeit, bis sich in der Bürgerschaft Widerstand regte. Bis 1835 wurden die beiden Einrichtungen wieder getrennt, die Katholiken zogen von St. Anna in das Kloster St. Stephan um. Die alte Stadtbibliothek wurde 1894 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die berühmte Schule blieb bis 1967 in der Altstadt, ehe sie in ein neues Gebäude im etwas auswärts gelegenen Antonsviertel umzogen. Heute sind in dem denkmalgeschützten Ensemble etwa das Evangelische Forum Annahof, ein Gerichtsgebäude sowie Gastronomie untergebracht.

© Ch. Schaller

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von Christian Schaller

Verwendete Literatur
  • Gottlieb, Gunther / u.a. (Hg.): Geschichte der Stadt Augsburg. Von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984.
  • Hagen, Bernt von / Wegener-Hüssen, Angelika: Stadt Augsburg. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Denkmäler in Bayern, Bd. VII.83). München 1994.
  • Schülke, Yvonne (Hg.): artguide Augsburg. Kunst-, Kultur- und Stadtführer. Augsburg 2008.
  • Spindler, Max / Kraus, Andreas: Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. München 2001.

 

 

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