Rest in Pieces

 

von  Rita Klement

Rest in Pieces [0] – das posthume Schicksal Ludwig van Beethovens

Als Ludwig van Beethoven am 29. März 1827 drei Tage nach seinem Tod in Wien beigesetzt wurde, war der Publikumsandrang enorm. Man hatte das Begräbnis für den Nachmittag angesetzt, weil man auch mit vielen Trauergästen von außerhalb rechnete, doch so viele Menschen hatte trotzdem niemand erwartet. Schätzungen sprechen von bis zu 20.000 Menschen, die gekommen waren um von dem exzentrischen Genie Abschied zu nehmen. Der Sarg des Meisters war im Hof des Schwarzspanierhauses, Beethovens letztem von insgesamt 30 Wohnsitzen in Wien, aufgestellt worden. Am Eingang sorgten mehrere Polizisten für Ordnung während 4 Posaunisten und 16 Sänger eine für diesen Anlass geschriebene Bearbeitung des Equale a quattro Tromboni aufführten. Darauf folgte noch der Trauermarsch aus der Klaviersonate As-Dur op. 26 in einer Fassung für Bläser. Um 15.30 Uhr setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Acht Sänger trugen den Sarg, acht Kapellmeister hielten weiße Bänder, die über den Sarg gelegt wurden und die Leichenbare war von 40 Künstlerpersönlichkeiten umringt – eine davon Franz Schubert, der nur anderthalb Jahre später versterben und dessen Leichnam Beethovens Schicksal dermaleinst teilen sollte. Vor dem Sarg gingen mehrere Priester, dahinter folgten Schüler des Konservatoriums und zahlreiche Trauergäste. Der imposante Trauerzug konnte sich nur mit Mühe seinen Weg bahnen. Für die wenigen hundert Meter bis zur Alserkirche, die man normalerweise in weniger als 10 Minuten zurücklegen würde, brauchte der Trauerzug anderthalb Stunden. Nach der feierlichen Einsegnung in der Kirche wurde der Sarg mit einem Leichenwagen zum Währinger Friedhof gebracht, begleitet von einer Eskorte von sage und schreibe 200 Kutschen. Am Friedhof hielt der Schauspieler Heinrich Anschütz, ein Freund Beethovens, die von niemand geringerem als Franz Grillparzer verfasste Leichenansprache, dann wurde der mit drei Lorbeerkränzen bedeckte Sarg ins Grab gelassen. [1]  

Was am Tag dieser aufsehenerregenden Trauerfeierlichkeit aber noch niemand von den Anwesenden ahnen konnte – es sollte nicht Beethovens letzte, ja nicht einmal die vorletzte Beerdigung bleiben! Denn was als letzte Ruhe gedacht war, währte nur 36 Jahre. Im Herbst 1863 fand auf Veranlassung der „Direktion der Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates“ die erste Umbettung der sterblichen Überreste des Musikgenies statt. Man entnahm die Gebeine des Meisters aus dem ursprünglichen Holzsarg und bestattete sie in einem Metallsarg erneut. [2] Man wollte damit, so die Initiatoren, laut der noch im gleichen Jahr publizierten Beschreibung dieser Umbettung Beethoven und Franz Schubert, der an diesem Tage ebenfalls exhumiert wurde, vor der „weiteren Verwesung“ bewahren und ihre Ruhestätte in „würdiger Weise“ wiederherstellen. [3] Am 13. Oktober 1863 sollte die Exhumierung stattfinden, schon am Vortag hatte man mit den Vorarbeiten begonnen. Während der Nacht hatte man Wachen aufgestellt, um allzu Schaulustige von den beiden Grabstätten fernzuhalten.

Brüder Kohn KG (B. K. W. I.) (Hersteller), 11., Zentralfriedhof – Ehrengrab von Beethoven, Ansichtskarte, 1900–1905, Wien Museum Inv.-Nr. 234473, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/1040800/)

Die Öffnung von Beethovens Grab stellte sich allerdings als recht schwierig dar. Denn schon kurz nach seiner Beerdigung im März 1827 hatte es allerlei Gerüchte gegeben, dass allzu  morbide Fans Teile der Leiche, insbesondere den Kopf an sich nehmen wollten. Man hatte das Grab daher besonders geschützt und den Holzsarg nicht bloß mit Erde bedeckt, sondern ein regelrechtes Gewölbe aus Ziegeln über dem kostbaren Leichnam errichtet. So dauerte es volle acht Stunden, bis man den Sarg Beethovens erreicht hatte. [4]

Vom Sarg Beethovens war allerdings nicht mehr allzu viel vorhanden und man fand nur einige Holzteile. Dann wurden die kostbaren Gebeine geborgen. Besonderen Wert legte man auf die Auffindung des Schädels, da es immer wieder Gerüchte gegeben hatte, dieser sei gar nicht im Sarg gewesen. Doch die Gerüchte konnten widerlegt werden. Man fand nicht nur die Gebeine, sondern auch den – allerdings bei der Obduktion in neun Stücke zerteilten – Schädel des großen Komponisten. Der kostbare Leichnam wurde nun untersucht, die Knochen vermessen. [5] Danach sollten die Gebeine in dem neuen Sarg in „möglichst natürlicher Lage“ aneinandergereiht werden. Zu diesem Zweck fädelte man die Wirbel Beethovens auf einem Bindfaden auf. Trotz dieses Bemühens um eine „natürliche Lage“ entschloss man sich aber, die Häupter der beiden toten Komponisten einstweilen nicht wieder zu bestatten, sondern sie in der Gesellschaft der Musikfreunde zu verwahren, dies umso mehr, da Beethovens Schädel ohnehin nicht mehr vollständig gewesen war. Die Särge wurden verschlossen und mit dem Vereinssiegel geschützt und anschließend in die Kapelle verbracht. Die in den Gräbern gefundenen Bekleidungsreste und die Überreste der beiden Holzsärge wurden ebenfalls der Gesellschaft der Musikfreunde übergeben. [6]

Johann Stephan Decker (Künstler), Ludwig van Beethoven, 1824, Wien Museum Inv.-Nr. W 513, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/248298/)

Nur wenige Tage danach wurden auch die beiden Schädel wieder in die Särge gelegt nachdem man sie medizinisch genau untersucht, fotografiert und in Gips abgeformt hatte. In der Zwischenzeit waren die Gräber ausgemauert worden, sodass man darin sowohl die nun wieder mit ihren Köpfen vereinigten Skelette in den neuen Metallsärgen als auch auch die bei der Exhumierung geborgenen Reste der alten Särge und der Bekleidung Beethovens und Schuberts beisetzen konnte. [7]

Doch damit sollte die Odyssee für Ludwig van Beethovens kostbaren Leichnam noch nicht beendet sein. Denn nur weitere 25 Jahre später wurde seine „ewige Ruhe“ erneut unterbrochen. Man hatte nämlich beschlossen, den neuen Zentralfriedhof, der bei der Bevölkerung nicht wahnsinnig gut ankam, attraktiver zu machen, indem man prominente Persönlichkeiten hierher überführte.

1888 exhumierte man Ludwig van Beethoven daher ein zweites Mal und ein weiteres Mal wurden die wertvollen sterblichen Überreste untersucht. Da die Zeit, die für die Untersuchung zur Verfügung stand, höchst knapp bemessen war, musste man sich auf eine Betrachtung des Schädels beschränken. [8] Dabei fiel allerdings auf, dass einige weitere Teile des Schädels fehlten, nachdem man ja bereits wusste, dass schon bei der Obduktion die Felsenbeine (Innenohr) entnommen und nicht mit bestattet worden waren. [9] 

Die offenbar bei der ersten Exhumierung entnommenen Knochenfragmente von Beethovens Schädel tauchten erst rund 100 Jahre später wieder auf, als es den beiden Medizinern Hans Bankl und Hans Jesserer nach langen Recherchen 1985 gelang, die fehlenden Knochenstücke in einer Metalldose mit der Aufschrift Beethoven wieder aufzufinden. Sie hatten sich im Nachlass des Mediziners Romeo Seligmann befunden, der bei der ersten Exhumierung anwesend war und waren nun von einem seiner Nachfahren den beiden Wissenschaftlern übergeben worden. [10] Später gelangten diese Knochenstücke in die USA und worden dort gemeinsam mit einigen Haarlocken durch das „Center for Beethoven Studies“ untersucht. [11] So konnte nun mit der größten Wahrscheinlichkeit das Rätsel um die Todesursache Beethovens gelöst werden.

Kilophot (K. L.) (Hersteller), 18., Währinger Ortsfriedhof – Beethoven-Grab, Ansichtskarte , 1914 (Herstellung), Wien Museum Inv.-Nr. 58891/1338, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/130368/)

Schon die Obduktion unmittelbar nach dem Tode hatte eine Leberzirrhose gezeigt, doch nicht der zweifellos in problematischen Mengen genossene Alkohol [12] war letztlich schuld an seinem Tod, sondern wohl die letzten medizinischen Behandlungen. Beethoven hatte nach einer Lungenentzündung auch an Bauchwassersucht gelitten und war deshalb mehrfach punktiert worden, die Wunden behandelte man mit bleihaltigen Salben um einer Infektion vorzubeugen. Diese Bleimengen hatte die schon geschädigte Leber wohl nicht mehr verkraftet [13] – doch Beethovens zahlreiche Krankheiten sind bereits wieder eine andere Geschichte….

Quellenangabe und verwendete Literatur

Quellen:

0 … Lovejoy 2013

1 … Caeyers, S. 19ff.

2 … Bankl/Jesserer, S. 89

3 … Actenmässige Darstellung, S. 3.

4 … Actenmässige Darstellung, S. 4.

5 … Actenmässige Darstellung, S. 4ff.

6 … Actenmässige Darstellung, S. 8.

7 … Actenmässige Darstellung, S. 10ff.

8 … Bankl/Jesserer, S. 96ff.

9 … Bankl/Jesserer, S. 110.

10 … Bankl/Jesserer, S. 103f.

11 … Reiter 2007.

12 … Erfurth, S. 386f.

13 … Reiterer 207.

 

 

Literaturverzeichnis

Jan Caeyers, Beethoven. Der einsame Revolutionär, München 2020.

Andreas Erfurth, Ludwig van Beethoven—a psychiatric perspective. In: Wiener Medizinische Wochenschrift Band 171, S. 381–390, Wien 2021.

Bess Lovejoy, Rest in Pieces. Die unglaublichen Schicksale berühmter Leichen, New York, 2013.

Christian Reiter, Beethovens Todesursachen und seine Locken, Mitteilungsblatt Wr. Beethoven-Gesellschaft 38.Jg, Wien 2007.

o.V., Actenmässige Darstellung der Ausgrabung und Wiederbeisetzung der irdischen Reste von Beethoven und Schubert, Wien 1863.

 

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