Das Augsburger Lechviertel

 

von Christian Schaller

Wirtschaftlicher Motor der Vergangenheit und UNESCO-Welterbe der Gegenwart

Im frühen Mittelalter war die heutige Augsburger Altstadt gerade erst im Entstehen begriffen: Im Norden, über den Ruinen der alten Römerstadt Augusta Vindelicum, erstreckte sich die mit Palisaden umwehrte Domburg. Von hier aus führte eine alte Römerstraße entlang einer von Norden nach Süden verlaufenden Hochterrasse in Richtung der Alpen, die sich bei gutem Wetter am Horizont abzeichneten. Rund um diesen antiken Weg, oberhalb und unterhalb der Terrasse, entstanden nach und nach vereinzelte Siedlungen auf der grünen Wiese. Bereits früh kamen die Augsburger auf die Idee, vom nahen Fluss Lech künstliche Kanäle in den Bereich unterhalb der Hochterrasse zu ziehen, um ständig Wasser zur Verfügung zu haben.

Stadtschreiberei beim Leiermann – der Augsburger Stadtschreiber Christian Schaller

Seit dem achten oder neunten Jahrhundert werden diese Wasserläufe angenommen, womit der Entstehung des Lechviertels der Weg geebnet schien. Das Netz und System aus Kanälen ist seit 2019 auch Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Augsburgs Wassermanagement-System“. Diese frühe Zeit ist jedoch noch nicht wirklich in den Quellen nachvollziehbar. Erst für das Jahr 1346 ist der Hochablass, ein Stauwehr über den Fluss Lech, belegt, von dem aus der „Lechanstich“ geschah. Der hier im Süden der Stadt abgezweigte, breite Kanal speiste die kleinen Wasseradern, die durch Augsburg flossen. Das Lechviertel zog dadurch immer mehr Handwerker an, die das Wasser zur Energiegewinnung nutzten.

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit erlebte dieser Distrikt seine Blütezeit, er war der Wirtschaftsmotor der freien Reichsstadt Augsburg. Die zahlreichen Reisenden jener Tage, die von Süden her nach Augsburg kamen, durchschritten zunächst das Rote Tor. Von hier aus führte die Hauptstraße in das Stadtzentrum zunächst direkt durch das Lechviertel. Hier waren zahlreiche Tavernen, Bierbrauer und Bäcker ansässig – noch heute ablesbar an Orten wie der Bäckergasse oder dem Schäfflerhof. Die im ganzen Viertel ansässigen Zünfte versorgten nicht nur die blühende Metropole, sondern belieferten mit ihrem Kunsthandwerk – allen voran Gold- und Silberschmiedekunst – auch die Höfe Europas. Die erhaltene Alte Silberschmiede, die heute in Erinnerung an das Traditionshandwerk wieder einen Juwelier beherbergt, kann als Erinnerungsort an diese wortwörtlich glänzende Epoche gelten.

© Ch. Schaller

Der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert bedeutete eine jähe Zäsur, doch die Zünfte erholten sich danach und Augsburg galt in der heraufdämmernden Barockzeit als eine europäische Kunstmetropole. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert machte aus den Handwerkern jedoch nach und nach arme Arbeiter, die in den neuen Fabriken vor den Toren der Stadt schuften mussten. Das Lechviertel galt Anfang des 20. Jahrhunderts geradezu als heruntergekommener Slum. So wurde auch der später berühmte Dramatiker Bertolt Brecht im Jahr 1902 im Obergeschoss einer alten Feilenhauerei geboren – heute das Brechthaus.

 

© Ch. Schaller

Zum Leidwesen der Stadtplaner überstand der Distrikt beide Weltkriege weitgehend unbeschadet und auch Planungen zum weitgehenden Abriss konnten vermieden werden. Ab den 1960er Jahren wurde das Viertel großflächig saniert. Die Lechkanäle, die man zugunsten einer „autogerechten Stadt“ wenige Jahrzehnte zuvor zugedeckt hatte, wurden nach und nach wieder geöffnet. Im 21. Jahrhundert gilt das Lechviertel als beliebte Sehenswürdigkeit und Wohngebiet, in dem sich die kleinen Handwerkshäuser entlang der verwinkelten Gassen und Kanäle pittoresk aneinanderreihen.

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von Christian Schaller

Verwendete Literatur

Gottlieb, Gunther / u.a. (Hg.): Geschichte der Stadt Augsburg. Von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984.

Hagen, Bernt von / Wegener-Hüssen, Angelika: Stadt Augsburg. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Denkmäler in Bayern, Bd. VII.83). München 1994.

Parisi, Rita: Lechviertel und Ulrichsviertel. Augsburg 2013.

Schülke, Yvonne (Hg.): artguide Augsburg. Kunst-, Kultur- und Stadtführer. Augsburg 2008.

 

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