Das antike Delphi

 

von Christian Schaller

Das antike Delphi

von Christian Schaller

Der Mittelpunkt der griechischen Welt und bedeutsamstes Orakel des Altertums

 

Wo liegt der Mittelpunkt der Welt? Für die alten Griechen gab es eine ganz einfache Antwort: Mitten in Delphi, der Stadt des mächtigen und berühmten Orakels, befand sich der Omphalós, der „Nabel“. Doch wie kam es dazu? Der Mythologie nach ließ Göttervater Zeus einst zwei Adler von den Enden der Welt losfliegen. Sie trafen sich an der Bergflanke, an der später Delphi entstehen sollte. Später ließ sich die mächtige, drachenartige Schlange Python an diesem Ort nieder, die angeblich auch in die Zukunft sehen konnte. Als der Gott Apollon das Monster jagte und erlegte, übertrug das vergossene Blut die Macht des Hellsehens auf diesen Ort, der fortan auch dem jungen Gott geweiht sein sollte. Und tatsächlich lässt sich dann auch ab dem achten Jahrhundert vor Christus ein Heiligtum des Apollon auf der imposanten Berglehne am Fuß des mächtigen Berges Parnass nachweisen. Von der felsigen Flanke lässt sich gerade noch ein Blick auf den Golf von Korinth erhaschen, der sich im Südwesten an das Bergmassiv herandrängt.

Foto privat

In der archaischen Zeit stieg der Ort zu immer mehr Reichtum und Ruhm auf, denn in Delphi lebte Pythia, eine Hohepriesterin im Heiligtum des Apollon. Sie galt als Medium Apollons und hatte als einzige Frau Zutritt zu seinem Tempel. Der Legende nach inhalierte sie Gase oder versetzte sich in Trance. Die Worte, die sie in diesem Zustand von sich gab, wurden danach von den Oberpriestern interpretiert. Delphi etablierte sich als wichtigstes Orakel in der griechischen Welt, dessen Rat oftmals gesucht wurde. Die legendären Antworten erfolgten jedoch auf kryptische Weise, sodass eine exakte Antwort vermieden werden konnte. So riet die Pythia angeblich 546 vor Christus dem König von Lydien, Krösus, dass er ein großes Reich zerstören werde, wenn er wie geplant gegen Persien in den Krieg zöge. Dies ermutigte den kleinasiatischen Herrscher und er befahl den Angriff. Er unterlag aber und sein eigenes Reich ging in der Folge unter. Die Pythia behielt also recht.

Zugleich war Delphi der Austragungsort der Pythischen Spiele, also der zweitwichtigsten Wettkämpfe nach den Olympischen Spielen. Sie fanden von 586 vor Christus bis in die Spätantike hinein alle vier Jahre zu Ehren Apollons statt und umfassten musische wie auch gymnastische Disziplinen. Delphi durfte darüber hinaus auch seine eigenen Münzen prägen.
Foto privat
Im Laufe der Zeit wurde das antike Delphi prachtvoll ausgebaut – trotz der schwierigen Lage an einem steilen Berghang. Zum zentralen Apollontempel führte in einer schwungvollen Serpentine die Heilige Straße hinauf. Sie war gesäumt von den Schatzhäusern verschiedener griechischer Städte, aber auch von zahlreichen Kunstwerken wie Säulenhallen, Statuen oder der berühmten Schlangensäule, ehemals ein Weihegeschenk des Hellenenbundes nach den Siegen über die Perser in den Schlachten von Salamis und Plataiai. Auch weitere Tempel, ein Theater und im oberen Bereich sogar ein 178 Meter langes Stadion, das man in die Gebirgsflanke geschlagen hatte, umgaben den berühmten und vielbesuchten Ort. In der Nähe der Heiligen Straße befand sich auch der Omphalos, der Mittelpunkt der Welt. In den verschiedenen, oft prachtvoll verzierten Schatzhäusern wurden die Weihegeschenke der jeweiligen Orte aufbewahrt.
Nachdem Griechenland Teil des Römischen Reiches geworden war, ebbte die Bedeutung von Delphi allmählich ab. Manche Kaiser wie Nero raubten dem Ort seine über Jahrhunderte angesammelten Kunstwerke, während andere Herrscher das ehrwürdige Orakel fördern wollten, was jedoch nur zu kurzzeitigen Blüten führte. Bis zur Christianisierung des Imperiums in der Spätantike blieb Delphi dennoch ein im gesamten Mittelmeerraum beliebtes Pilgerzentrum und eine nach wie vor wichtige Orakelstätte. Die modernen archäologischen Ausgrabungen begannen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts.
Literatur
 

Michael Maaß: Das antike Delphi. Orakel, Schätze und Monumente. Stuttgart 1997.

 

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