Casanova und die Wiener Sittenpolizei

 

von Katharina Mölk

Das Wien des 19. Jahrhunderts wird heute als die »Stadt der Lust« bezeichnet. Das ist der Grund, warum die Syphilis auch als »Wienerische Krankheit« bezeichnet wurde.

Doch wie sah das im 18. Jahrhundert aus, zu Zeiten von Maria Theresia, der einzigen weiblichen Habsburger Regentin? Der streng katholischen Erzherzogin war die Ehe heilig. So waren ihr auch die vielen Prostituierten auf den Straßen Wiens ein Dorn im Auge. Als sie hörte, dass es in Paris »Häuser« gab, wo die käuflichen Damen untergebracht waren, machte sie ihrem Sohn Joseph den Vorschlag, so etwas auch in Wien einzuführen, um die Straßen rein zu halten. Joseph erwiderte darauf lapidar, dass man dann ganz Wien überdachen müsse.

Dieser Ruf der Stadt war auch Giacomo Casanova zu Ohren gekommen, der uns bis heute als Inbegriff des Frauenverführers im Gedächtnis geblieben ist. 1754 kam er zum ersten Mal nach Wien. Doch er hatte sich seinen Aufenthalt wohl anders vorgestellt, denn Maria Theresia hatte mittlerweile eine Keuschheitskommission ins Leben gerufen, eine staatliche Sittenpolizei, die vor allem nachts allein auf den Straßen anzutreffende Frauen zur Rede stellte. Wenn sich herausstellte, dass sie der Prostitution nachgingen, wurden diese Frauen gezüchtigt und aus der Stadt gejagt.

Casanova berichtet in seinen Memoiren von der Situation in der Stadt:

»In Wien war alles herrlich; es gab dort Geld und viel Luxus. Doch wer der Venus gerne opferte, hatte in dieser Zeit große Schwierigkeiten. Nichtswürdige Spione, sogenannte Keuschheitskommissare, verfolgten alle hübschen Mädchen auf die unbarmherzigste Weise. Die Kaiserin hatte nicht die erhabene Tugend der Toleranz, wenn es sich um ungesetzliche Liebe handelte. Sehr religiös veranlagt, glaubte sie sich ein großes Verdienst bei Gott zu erwerben, wenn sie die natürlichste Neigung beider Geschlechter aufs Schärfste verfolgte. Wer ohne die Vergnügungen der Liebe nicht leben zu können glaubte, der soll sich eben verheiraten.

So wurden in Wiens Straßen ohne Ausnahmen die Frauenzimmer verhaftet, die allein gingen, um sich ihren Unterhalt zu erwerben, selbst wenn es auf anständige Weise geschah. Wie könnte man denn wissen, ob jene armen Mädchen nicht irgendjemand trösten wollten, oder ob sie einen Tröster suchten? Stets behielt sie ein Spion im Auge, und von der Sorte besoldete die Regierung fünfhundert. […] Wien war so bevölkert mit solchen Spionen, dass man Mühe hatte ein Plätzchen zu finden, wo man in Ruhe sein Bedürfnis verrichten konnte. Auch mich stellte ein solcher Sittlichkeitsschnüffler bei dieser Gelegenheit einmal zur Rede und drohte mir, mich arretieren zu lassen, wenn ich mir nicht ein anderes Plätzchen suchte.«

Kein Wunder, dass Wien nicht zu Casanovas Lieblingsstadt wurde.                       

Literatur
  • Fehrenbach, Frank: Compendia Mundi. Gianlorenzo Berninis Fontana dei Quattro Fiumi (1648-51) und Nicola Salvis Fontana di Trevi (1732-62). Berlin 2008.
  • Fischer, Heinz-Joachim: Rom. Zweieinhalb Jahrtausende Geschichte, Kunst und Kultur der Ewigen Stadt. Köln 2001, S. 210–211.
  • Henze, Anton: Kunstführer Rom. Stuttgart 1994.

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